William S. Burroughs entblößt die Seele

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In Mexiko-Stadt flimmert die Luft. Die Straßen und Plätze sind verwaist, wer sich aus dem Haus traut, flieht in die Cafés und Bars der Stadt. So auch William Lee, der Protagonist aus Luca Guadagninos neuem Film, der eine Adaption des Romans mit demselben Titel darstellt. Geschrieben von William S. Burroughs, dem berühmtberüchtigten Vertreter der Beat-Generation, ist es ein autobiographisches Werk, das sich mit Homosexualität, Drogensucht und Obsession auseinandersetzt. William Lee ist wegen seiner Sucht und seiner sexuellen Orientierung aus den USA geflüchtet. Er treibt durch die heißen Tage von Mexiko-Stadt irgendwann in den 1950ern und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Eigentlich ist er Schriftsteller, aber zum Schreiben kommt er in diesem Film nicht. Lieber hängt er am Tresen der Bars rum, säuft sich voll und angelt sich One-Night-Stands. Als er den ehemaligen Soldaten Eugene trifft, entsteht da eine Anziehung. Von Liebe zu sprechen, wäre zu viel, das wird schnell klar. Lee ist nicht so sehr daran interessiert, wie es seinem Liebhaber geht. Er ist ein Egoist, will den schnellen Sex und das flotte Gespräch. Er möchte weitertrinken, weiter durch die Nacht torkeln. Wichtig ist bloß, dass Eugene ihm erhalten bleibt. Der sehr viel jüngere Mann soll nicht mit anderen etwas anfangen, schon gar nicht mit einer Frau, mit der er regelmäßig unterwegs ist. Bald wird klar, dass Lee in erster Linie eines ist: ein einsamer Mensch.
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Während die Geschichte im ersten von drei Kapiteln in der Stadt spielt, unternehmen Lee und Eugene ab dem zweiten einen Roadtrip nach Südamerika und in den Dschungel. Es gilt, die Droge Yage zu finden, was ein anderer Name für Ayahuasca ist. Damit möchte Lee telepathische Fähigkeiten erlernen, denn das geht so, hat er erfahren. Der Trip wird zu einer Sinnsuche, wobei Sinn-irren der bessere Ausdruck wäre. Wie schon die Soldaten in Apocalpyse Now oder Klaus Kinski in Fitzcarraldo löst sich auch Lee im Laufe der Zeit mehr und mehr auf, sein Verstand schmilzt unter der flirrenden Sonne und dem Einfluss von Rauschmitteln.
Der Film pulsiert, sein Herzschlag geht immer so schnell, wie die Droge oder die Erregung es vorgeben.
Luca Guadagnino zeigt einmal mehr, wie wandlungsfähig er als Regisseur ist. Sein Stil dringt zwar durch, trotzdem ordnet er sich der erzählten Geschichte unter. Im Fall von Queer wählt er einen artifiziellen Anstrich. Die Stadt, ihre Bars und Zimmer wirken wie Kulissen aus den 1950ern, die Panoramen wie Miniaturen. Die Orte sind nur spärlich bevölkert, leuchten in Neon-Farben, und erinnern so an die Horte der Einsamkeit von Edward Hopper. Set-Design, Licht, Kostüme und nicht zuletzt die subtile Kameraarbeit ergeben ein sehr stimmiges Gesamtbild, welches den Film von der Realität abkoppelt. Die erzählten Themen sind dennoch real. Wie Lee mit seiner Homosexualität umgeht, wie er nie aufhören kann, seine Gier nach mehr Erleben und mehr Begreifen zu stillen, ist teils erschreckend dargestellt. Daniel Craig geht als Lee voll in seiner Rolle auf. Sie hat eine große Körperlichkeit und die Strapazen, die der Charakter durchlebt, übertragen sich auf die Zuschauer. Guadagnino ist sich auch nicht zu schade, vor allem gegen Ende surreale Töne anzuschlagen. Das erinnert stellenweise an David Lynch, oder an den Bodyhorror von David Cronenberg, der bereits in den 90ern die Burroughs-Verfilmung Naked Lunch ins Kino brachte.Queer ist Kino, das wortwörtlich unter die Haut geht. Der Film pulsiert, sein Herzschlag geht immer so schnell, wie die Droge oder die Erregung es vorgeben. Als bloß vermeintlicher Liebesfilm ist Queer die Antithese zu Guadagninos Call me by your name. Während die ebenfalls schwule Liebe dort ein romantischer, bittersüßer Traum ist, ist sie in Queer nur noch ein Vorwand zur rücksichtslosen Ausbeutung von sich und allen, die dazwischenkommen.
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