Economia | Decreto flussi 2

In zwei Minuten zum Systemausfall

Click-Days sollen Arbeitsmigration steuern, erweisen sich in der Praxis jedoch als Fehlschüsse.
Kellner aus Ausland_Click day
Foto: Chuttersnap/unsplash
  • Wer Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten beschäftigen will, landet unweigerlich beim sogenannten Click-day für saisonale Arbeitsgenehmigungen

    Der Click-Day ist Teil des staatlichen Systems für Arbeitsgenehmigungen im Rahmen des “Decreto Flussi”. Rom legt Einreisequoten fest, die auf die italienischen Provinzen, je nach Arbeitskräftebedarf verteilt werden. An bestimmten Tagen im Februar öffnen dann die Server des Innenministeriums. Ab diesem Moment zählt Geschwindigkeit: Wer seinen Antrag schnell abschickt, hat eine Chance, die beantragten Arbeitskräfte ins Land holen zu können. Wer zu spät kommt, bleibt außen vor.

  • Der Weg durch die bürokratische Hölle

    Offiziell soll dieses Verfahren Zuwanderung für den Arbeitsmarkt steuern und fair verteilen. In der Praxis jedoch wird es von vielen als Weg durch eine bürokratische Hölle erlebt, die in einer Sackgasse endet. SALTO hat sich beim Hotel- und Gastwirteverband (HGV) und bei einem Experten aus der Lohnberatung umgehört, um zu verstehen, ob der Click-day für saisonale Arbeitsgenehmigungen tatsächlich eine schwerfällige digitale Maschinerie ist.

  • Click-days 2026

    Die Click days im Rahmen des "decreto flussi 2026" finden zu festgelegten Terminen jeweils ab 9:00 Uhr statt. Der erste Click Day war am 12. Januar 2026 und betraf die saisonale unselbständige Arbeit in der Landwirtschaft. Am 9. Februar 2026 folgte der Click Day für saisonale Arbeitskräfte im Tourismus- und Gastgewerbesektor. Am 16. Februar 2026 wird der Click Day für nicht-saisonale unselbständige Arbeit in anderen Wirtschaftsbereichen durchgeführt. Ein weiterer Termin am 18. Februar 2026 betrifft die nicht-saisonale unselbständige Arbeit im Bereich Hausangestellte und familiäre Betreuung. Voraussetzung für die Teilnahme an diesen Terminen war die vorherige Vorab-Ausfüllung der Anträge über das Portal ALI, die bereits im Herbst 2025 begonnen hatte.

  • Langer Vorbereitungsprozess

    Die meisten Hotel- und Gastbetriebe beauftragen ihre Lohnberater mit dem Klick. Denn was auf den ersten Blick einfach klingt, entpuppt sich in der Praxis als komplexes und riskantes Unterfangen. 

    Der eigentliche Klick ist nämlich nur der letzte Schritt eines langen Vorbereitungsprozesses, erklärt ein Lohnberater, der anonym bleiben möchte, gegenüber SALTO. 

    Die Zeitspanne für die Anmeldung begann 2025 bereits am 23. Oktober. Arbeitgeber müssen also bereits Monate im Voraus umfangreiche Unterlagen liefern: etwa Angaben zum Betrieb, zum konkreten Arbeitsverhältnis, zur Unterkunft, zur Entlohnung oder zu steuerlichen Aspekten. Alles wird dann von der Lohnberatung in das zentrale Online-Portal des Innenministeriums ALI eingespeist. Kein günstiges Unterfangen für die Auftraggeber.

  • Und dann bricht alles zusammen

    Bei den Click-day-Terminen kommt es dann zu einem typischen Phänomen: Wenige Minuten nach dem Start brechen die Server unter der immensen Datenlast zusammen. Anträge aus ganz Italien werden gleichzeitig verschickt, kein Wunder also, dass technische Fehlermeldungen an diesen Tagen die Regel sind. 

    “Es gab Jahre, in denen wir ein Ansuchen zwei Minuten nach Öffnung abgesendet haben, und das war bereits zu spät. Die Quoten waren in nicht einmal zwei Minuten bereits erfüllt”, unterstreicht der Experte. Für viele Betriebe fühle sich das Verfahren wie eine Lotterie an, nicht wie ein Instrument zur Personalbeschaffung.

     

    “Genehmigungen kommen teils erst Monate oder sogar ein Jahr später, wenn der ursprüngliche Bedarf längst überholt ist.”

     

    Ein weiterer Aspekt, der das System ineffizient macht: Meist werden Ansuchen für Personen gestellt, die den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern von Bekannten oder bewährten Angestellten empfohlen werden. Nicht selten kommt es hier zu drastischen Verzögerungen der Wartezeiten durch private Agenturen in den Herkunftsländern. “Genehmigungen kommen teils erst Monate oder sogar ein Jahr später, wenn der ursprüngliche Bedarf längst überholt ist. Planungssicherheit sieht anders aus”, so der Lohnberater.

  • Für den Dreijahreszeitraum 2026–2028: wurden vom Staat Italien insgesamt 497.550 Quoten vorgesehen, also 164.850 für die Jahre 2026, 2027 und 2028. Foto: SALTO/AS

    Für den Dreijahreszeitraum 2026–2028 sind insgesamt 497.550 Quoten vorgesehen, also 164.850 pro Jahr - ein Rekordhoch bei den Einreisequoten im Vergleich zu den Vorjahren. Theoretisch könnte das die Situation verbessern, praktisch würden auch noch so großzügige Kontingente durch technische Engpässe, lange Bearbeitungszeiten und fehlende Transparenz vereitelt, so der Experte. Zudem würde Südtirol die vorgegebenen Quoten nicht einfach so übernehmen. Der Lohnberater erklärt: “Erfahrungsgemäß werden in Südtirol Quoten für Saisonarbeit in Tourismus und Landwirtschaft bevorzugt, während für nicht-saisonale Arbeit die Quoten niedrig gehalten werden. Vor allem Berufsverbände, wie der Bauernbund, haben hier eine privilegierte Position, da sie weniger Auflagen zu erfüllen haben”.

    Auflagen, die den komplexen bürokratischen Prozess hinter den Click-days stetig verteuern, und somit für viele Arbeitgeber zunehmend unleistbar machen. Gleichzeitig werden die Erfolgschancen immer geringer, rechtzeitig die teuer angesuchte Arbeitskraft zu bekommen. “Für viele Arbeitgeber werden die Ansuchen einfach zunehmend uninteressant”, betont der Lohnberater.

  • Auch der HGV ist skeptisch

    Raffael Mooswalder: "Trotzdem sieht der Verband das Verfahren zeit- und verwaltungsaufwändig." Foto: Seehauserfoto

    In einem Statement äußert auch der HGV gegenüber SALTO Kritik am Click-day-System. Laut HGV-Direktor Raffael Mooswalder habe der HGV bereits in der Vergangenheit dafür plädiert, dass die Click-days einer Überarbeitung bedürften. Der Verband übernimmt die Antragstellung für seine Mitgliedsbetriebe, begleitet sie bis zur Einreise der jeweiligen Mitarbeitenden. 

    Kritisiert wird vor allem die technische Schwerfälligkeit des Verfahrens. Die regelmäßige Überlastung des Online-Portals und die damit verbundene Abhängigkeit von technischen Faktoren, machten das gesamte Verfahren ineffizient.

    Arbeitgeberverbände, wie der HGV und der Bauernbund bekommen seit einigen Jahren für die Einreichung von Anträgen jeweils eigene Quotenkontingente vom Land zugewiesen. Die Landesarbeitskommission hat bereits im August das jährliche Kontingent für die Jahre bis 2028 vorgestellt. Dies beläuft sich auf 1.600 Genehmigungen für Saisonarbeit und 530 für unbefristete Arbeitsverhältnisse pro Jahr. “Dies ermöglicht es dem HGV, Click-day-Anträge unabhängig von den Click-days zu bearbeiten und begünstigt die Vergabe von Aufenthaltsgenehmigungen unter Berücksichtigung der tatsächlichen, quantitativen wie qualitativen, Erfordernisse der Arbeitgebenden”, heißt es von Mooswalder. 

    Trotzdem sieht der Verband das Verfahren zeit- und verwaltungsaufwändig. Auch die neuen Mechanismen zur Vorbeugung von Betrugsfällen, die im Vorjahr von der italienischen Regierung eingeführt wurden, hätten, “wenngleich der HGV sie unter einem sicherheitstechnischen Aspekt ausdrücklich gutheißt”, zu einer zusätzlichen Belastung in einem bereits schwerfälligen Verfahren geführt. Insbesondere bei der Ausstellung der Einreisevisa komme es oftmals zu Verzögerungen, die in einem saisonal befristeten Rahmen umso schwerer wiegen.

     

    Dies ist der zweite Artikel zu diesem Thema. Im ersten Artikel (Link unten) haben wir die Zahlen des Dekrets über die Zuwanderungsquoten jenseits der politischen Rhetorik untersucht. Im nächsten Artikel geht es um die Situation des Dekrets auf lokaler Ebene: Welche und wie viele Arbeitnehmer kommen jedes Jahr mit diesem System nach Südtirol?