Cronaca | Russland/Wirecard

Der Spion

Die Affäre um den österreichischen Verfassungsschützer Egisto Ott führt auch nach Südtirol. Die Geschäftsleitung eines Bozner Unternehmens wurde illegal ausgespäht
BVT
Foto: ZackZack/Youtube
  • Paternion ist eine 6.000-Einwohner-Gemeinde in der Nähe von Villach in Kärnten. In einer stattlichen Villa im Adolf-Thaler-Weg spielt sich am Karfreitag eine diskrete Szene ab. Am frühen Morgen verhaften österreichische Beamte einen Kollegen. Egisto Ott, seit fast 40 Polizeibeamter und jahrelang im inzwischen aufgelösten „Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung“ (BVT) tätig, wird an diesem Tag in Untersuchungshaft genommen.
    Es ist der letzte Paukenschlag in einer internationalen Spionageaffäre, in der es um den in einem Milliarden-Konkurs implodierten Zahlungsdienstleister „Wirecard AG“, dessen geflüchteten und untergetauchten Vorstand Jan Marsalek, den russischen Inlandsgeheimdienst FSB, die Ausspähung von russlandkritischen Journalisten und den Verkauf von Datenträgern und Informationen an ausländische Nachrichtendienste geht. 
    Ott hat systematisch nicht für die Öffentlichkeit bestimmte geheime Tatsachen und Erkenntnisse sowie personenbezogene Daten aus polizeilichen Datenbanken zum Zweck der Übermittlung an Jan Marsalek und an unbekannte Vertreter der russischen Behörden gesammelt“, heißt es in der Anordnung der Staatsanwaltschaft Wien. Als Haftgründe werden in dem Schreiben „Verdunkelungsgefahr und Tatbegehungsgefahr“ angegeben.
    Die Verhaftung ist der vorläufige Höhepunkt eines österreichischen Spionageskandals, der die Alpenrepublik bis auf die Grundfeste erschüttert. Am gestrigen Dienstagabend befasste sich der Nationale Sicherheitsrat mit dem Fall Egisto Otto. Der Nationale Sicherheitsrat ist ein Beratungsgremium der österreichischen Bundesregierung in Angelegenheiten der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) hat den Sicherheitsrat auf Initiative der Grünen hin einberufen.

  • Foto: Sportler AG
  • „Zu den Opfern der Machenschaften des mächtigen Kreises um Jan Marsalek und Egisto Ott gehört auch die Geschäftsleitung der Bozner Sportler AG“.

     

    SALTO liegen seit Wochen die Akten des Falles Egisto Ott vor. Dabei kommt zum Vorschein, dass die Affäre auch direkte Bezüge und Auswirkungen nicht nur nach Italien, sondern auch nach Südtirol hat. Denn zu den Opfern der Machenschaften des mächtigen Kreises um Jan Marsalek und Egisto Ott gehört auch die Geschäftsleitung der Bozner „Sportler AG“. 
    Der abtrünnige österreichische Verfassungsschützer hat fünf Vorstände und Führungskräfte des größten Südtiroler Sportaktikelhändlers über die Datenbanken der österreichischen Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste „abgeklärt“. Es war kein Dienstauftrag, sondern eine – mit allergrößter Wahrscheinlichkeit bezahlte – Auftragsarbeit für Wirecard.

  • Der Italo-Österreicher

    Um die Geschichte erzählen zu können, muss man zuerst die Hauptfiguren beschreiben. 
    Der heute fast 62-jährige Egisto Ott hat ein enge Verbindung zu Italien. Sein Vater war Österreicher und seine Mutter Italienerin aus der Nähe von Udine. Ott verbringt seine ersten Lebensjahre in Italien und spricht perfekt Italienisch.
    In den 1980er Jahren tritt Egisto Ott in den Polizeidienst ein und 1993 wird er Mitglied der  „Einsatzgruppe zur Bekämpfung des Terrorismus“ (EBT), der Vorgängerorganisation des späteren Verfassungsschutzes. Fabian Schmid, Leiter des Investigativ-Ressort beim Wiener „Standard“ und Mitglied im internationalen Rechercheteam, das den Fall Marsalek enthüllt und aufgearbeitet hat, schreibt in einem Artikel über Ott: „Ruhig war es in der langen Karriere von Egisto Ott fast nie. Schon früh fällt Ott mit seiner rabiaten Art auf“. Und weiter: „Ein beliebter Weg, um in Österreich mit schwierigen Charakteren umzugehen, ist, sie ins Ausland zu schicken“.

  • Verhafteter Verfassungschützer Egisto Ott: Im Auftrag russischer Dienste? Foto: ZackZack/Youtube
  • Wohin Otts Weg dabei führt, ist ob seiner familiären Herkunft vorbestimmt. Von 2001 bis 2009 arbeitet er als österreichischer Verbindungsmann an der österreichischen Botschaft in Rom. In dieser Funktion ist Ott erster Ansprechpartner für alle offiziellen Kontakte zwischen den Polizeibehörden, aber auch für die inoffiziellen Anfragen der Nachrichtendienste beider Länder. Egisto Ott baut sich in diesen acht Jahren ein engmaschiges Netz von Kontaktleuten im Apparat der italienischen Sicherheitskräfte auf, das er später für seine Machenschaften zu nutzen weiß.

  • Päpstlicher Leibwächter

    Domenico Giani: Leibwächter von zwei Päpsten Foto: Uoi

    Wie hochkarätig dieses Netzwerk ist, wird den Ermittlern des Bundeskriminalamtes erst klar, als sie die Handydaten und WhatsApp-Nachrichten des Ex-Verfassungsschützer auswerten. Darin findet sich auch ein Chat Otts mit Werner B., einem Kollegen aus dem österreichischen Heeresnachrichtenamt. B. schickt Ott einen italienischen Zeitungsbericht über den Vatikan und schreibt: 

    „Ich habe den Namen nicht mehr präsent, aber es gibt doch in diesen Berichten einen gemeinsamen Kontakt von uns? Steht dieser nicht rechts vom Papamobile?“ 

    Egisto Ott, der auf WhatsApp und Threema unter dem Pseudonym „Aigistos, Aigistos“ operiert (in Anlehnung an seinen Namensgeber, der Figur Aigisthos, der in der griechischen Mythologie als Inbegriff des grausamen, aber feigen Verführers gilt), antwortet umgehend:

    „Der Ja. der Glatzkopf
    GIANI Domenico.
    Er war vorher Stv und wurde dann noch in unserer Zeit Chef.“ 

    Domenico Giani ist ein ehemaliger Beamter der italienischen Finanzwache, der 1999 zum Stellvertreter des damaligen Leiters der vatikanischen Gendarmerie berufen wird. Ab Juni 2006 wird der heute 61-jährige dann zum Leiter des vatikanischen Sicherheitsdienstes und zum oberster Leibwächter der Päpste Benedikt XVI. und Franziskus. Im Herbst 2019 stürzt Giani über eine Affäre um vertrauliche Dokumente zu fünf Vatikanmitarbeitern, die wegen fragwürdiger Immobiliengeschäfte in London suspendiert wurden. Seitdem steht er der Stiftung des italienischen Energiegiganten ENI vor.
    In den sichergestellten Kontaktdaten und Chats von Egisto Ott finden sich Dutzende hochrangige italienische Polizeibeamte, Carabinierioffiziere oder Mitglieder der beiden italienischen Nachrichtendienste. „Den Ott kennt hier fast jeder“, sagt auch ein inzwischen pensionierter Südtiroler Polizeibeamter, der mehrmals persönlich mit ihm zu tun hatte.

  • „Nachrichtendienstliche Zelle“

    Zwischen 2010 und 2012 arbeitet Egisto Ott noch einmal im Ausland. Er geht als österreichischer Verbindungsmann in die Türkei. Doch dort kommt es schon bald zum Streit und der umtriebige Ermittler kehrt in das inzwischen umbenannte "Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung“ zurück. Im BVT ist er zuerst im Bereich Jihadismus und später im Bereich Linksterrorismus tätig. Zeitweise führt er dabei auch mehrere verdeckte Ermittler. 
    Im österreichischen Inlandsgeheimdienst kommt es in diesen Jahren aber zu einem erbitterten Machtkampf zwischen zwei Gruppen. Egisto Ott und eine Gruppe weiterer Mitarbeiter kommen mit dem Leiter des BVT, dem Nordtiroler Peter Gridling, nicht klar und tun alles, damit die Politik ihn ablöst.
    Dieser behördeninterne Grabenkampf spitzt sich zu, als Egisto Ott 2015 zum persönlichen Assistenen des Abteilungsleiters Martin Weiss ernannt wird. Weiss, ebenfalls in Opposition zur BVT-Führung, nimmt es wie Egisto Ott weder mit den Dienstvorschriften noch mit dem Ermittlungsgeheimnis allzu genau. Schon bald baut Weiss im Amt um sich ein kleine Gruppe von willfährigen Zuträgern auf, die Außenstehende mit Informationen aus den Sicherheitskreisen versorgen. Etwa die FPÖ-Politiker Johann Gudenus oder Hans Jörg Jenewein.

  • Sitz des österreichischen Verfassungsschutzes: Inzwischen in Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) umbenannt. Foto: Bundesministerium für Inneres
  • Martin Weiss lernt – wie er im Verhör vor der Sonderkommission „Fama AG“ im Jänner 2021 aussagt –  Jan Marsalek 2015 kennen. Weiss, der im Datenverkehr mit Marsalek und Ott unter dem recht absurden Pseudonym John Green auftritt, lässt sich 2017 beim BVT aus Gesundheitsgründen karenzieren. Was aber sein Dienstgeber anscheinend nicht weiß: Der österreichische Geheimdienstler gründet in Dubai eine Beraterfirma und heuert als Berater bei Wirecard und Jan Marsalek an. Spätestens damit beginnt ein Geschäftmodell zu florieren, das den Beteiligten jetzt eine Anklage wegen Spionage für ein fremde Macht und wegen Hochverrats einbringen könnte. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. 
    In den Ermittlungsakten der Wiener Staatsanwaltschaft heißt es unmissverständlich: „Ott und Weiss haben eine nachrichtendienstliche Zelle gebildet, deren Kapazitäten sich russische Dienste bedient hätten.

  • Der Wirecard-Skandal

    Jan Marsalek ist die Hauptfigur in einem der größten Wirtschaftsskandale der Geschichte. Der heute 42-jährige Schulabbrecher aus Klosterneuburg bei Wien gründet mit 19 Jahren ein Softwareunternehmen für Anwendungen im elektronischen Handel. Ein Jahr später wechselt er zum deutschen Unternehmen Wirecard.
    Die Wirecard AG ist ein deutsches Zahlungsabwicklungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen, das im Laufe der Jahre einen fulminanten wirtschaftlichen Höhenflug hinlegt, sodass die Firma mit Sitz in Aschheim bei München zeitweise als eines der wertvollsten Unternehmen Deutschlands gehandelt wurde. Der Geschäftszweig von Wirecard war die Bereitstellung von Zahlungsabwicklungen für Online- und Offlinetransaktionen sowie die Ausstellung von Kreditkarten und die Abwicklung von Onlinezahlungen. Zudem war Wirecard auch in der Datenanalyse tätig und bei Risikobewertungen und Betrugsprävention für Unternehmen.
    Obwohl bereits im Jahr 2008 erste Vorwürfe gegen Wirecard und die Unternehmensführung wegen irreführender Bilanzierung auftauchen, wird das Unternehmen noch über zehn Jahre lang als unantastbare Erfolgsgeschichte gehandelt. 2010 steigt Jan Marsalek zum Chief Operating Officer und Vorstandsmitglied der inzwischen börsennotierten Firma auf. Marsalek lebt in einer Villa in der Prinzregentenstraße im Münchner Stadtteil Bogenhausen. Gegenüber der russischen Botschaft. Wie sich später herausstellt, ist auch das kein Zufall. Marsaleks Vorstandsgehalt liegt zuletzt bei 2,7 Millionen Euro und sein Vermögen wird auf einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt.
    Im Juni 2020 folgt dann aber die Implosion. Es stellt sich heraus, dass Wirecard angebliche Millionenrücklagen auf philippinischen Konten schlichtweg erfunden hatte. Als bekannt wird, dass in der Bilanz von Wirecard insgesamt 1,9 Milliarden Euro fehlen, stürzt der Aktienkurs des Unternehmens ins Bodenlose. Wenig später meldet Wirecard Insolvenz an. 
    Tausende Anleger erleiden zum Teil Totalverluste. Während der Wirecard-Vorstandsvorsitzende Markus Braun in Deutschland verhaftet wird und in München wegen Betruges, Bilanzfälschung und Börsenmanipulation vor Gericht steht, entzieht sich Jan Marsalek der Strafverfolgung.

    Foto: BKA
  • Die Nachrichtenhändler

    Als im Frühsommer 2020 Wirecard wie ein Kartenhaus einstürzt, flüchtet Jan Marsalek. Der ehemalige BVT-Abteilungsleiter Martin Weiss organisiert dabei die Flucht. Marsalek fährt von München nach Wien und hebt nach einem gemeinsamen Mittagessen mit einem Privatjet von einem kleinen Flughafen in Bad Vöslau in Richtung Minks ab. Seitdem ist Jan Marsalek verschwunden. 
    Sehr schnell geht man davon aus, dass sich der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Wirecard-Manager in Russland aufhält und eine falsche Identität bekommen hat. Erst vor einigen Wochen deckte eine internationale Recherchekooperation von Der Spiegel, Der Standard, ZDF Frontal und The Insider auf, dass Marsalek mit dem Pass und der Identität eines russischen Priesters ausgestattet wurde.
    Diese Recherchen haben aber auch ergeben, dass Jan Marsalek als Agent des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB arbeitet. Es ist jener Dienst, der für die tödlichen Giftanschläge in London, Paris und Bulgarien gegen Putin-Kritiker verantwortlich ist. Marsalek hat seine Faszination für Nachrichtendienste nie verheimlicht, und er hat mehrere geheime Projekte ins Leben gerufen. Etwa den Aufbau einer Söldnertruppe in Libyen. 
    Jahrelang hat der FSB über die Seilschaft Marsalek, Weiss und Ott über die Datenbanken der österreichischen Polizei und der Nachrichtendienste Hunderte Personen und Unternehmen abklären lassen. Dabei ging es aber nicht nur um geschäftliche Interessen von Wirecard, sondern vor allem um die Ausspähung und Überwachung von Regimekritikern, abgesprungenen russischen Geheimdienstlern oder missliebigen Journalisten.

  • Enthüllungsjournalist Christo Grozev: Geschützer Wohnsitz in Wien von Ott an die Russen verraten. Foto: Open
  • So hat Egisto Ott zusammen mit einem weiteren BVT-Beamten und mehreren österreichischen Privatdetektiven etwa den Investigativjournalist Christo Grozev in Wien ausspionieren lassen. Grozev, der inzwischen für den Spiegel arbeitet, hat jahrelang das Enthüllungsportal Bellincat geleitet, das unzählige Mordaktionen und Versuche der russischen Nachrichtendienste enthüllt und lückenlos dokumentiert hat. Etwa die Giftanschläge auf Alexander Navalny oder Sergej Skripal.
    Auf Otts Handy stellen die Ermittler ein Foto vom Hauseingang und den Klingelschildern sicher, in dem Grozev unter höchster Geheimhaltung zeitweise gewohnt hat. Ott soll über seine türkische Kontakte auch einen russischen Geschäftsmann auf Zypern ausgespürt haben, auf den der FSB später in London einen Anschlag verübt hat. 

  • Die Suspendierung

    Weil es klare Angaben braucht, um selbst für einen Verfassungsschützer in den geschlossenen Datenbanken der Sicherheitsbehörden Abfragen zu tätigen, hat Egisto Ott kurzerhand Aktennummern erfunden oder die Namen bestehenden Fällen zugeteilt, mit denen die Personen nicht das Geringste zu tun hatten. So fielen Hunderte von illegalen Anfragen Otts jahrelang nicht auf.
    Doch Anfang 2017 kommt es zu einem größeren Unfall. Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 meldet an BVT-Chef Peter Gridling, dass in seiner Behörde ein russischer Maulwurf sitze: Egisto Ott. Die Britten legen auch Beweise vor, dass der Beamte vertrauliche Dienstinformationen an seinen Privataccount schicke.
    Gridling leitet eine Untersuchung gegen Ott ein und suspendiert den BVT-Beamten. Am Ende kann dem Profi aus Kärnten aber nichts nachgewiesen werden. So wird die Suspendierung Mitte 2018 wieder aufgehoben. Egisto Ott wird aber gleichzeitig an die Sicherheitsakademie (Siak) versetzt. Dort soll er den Nachwuchs ausbilden und hat formal nichts mehr mit Nachrichtendiensten oder sensiblen Informationen zu tun.

  • Umweg Italien

    Wie die Ermittler jetzt nachweisen konnten, hat Egisto Ott aber auch danach noch jahrelang weitergemacht und Nachrichten gegen Bezahlung verkauft.
    Dazu zapfte er auch seine Kontakte in Italien an. So sind mehrere Dutzende Anfragen zu Personen, deren Vorstrafen oder deren Verbleib aktenkundig. Ott bediente sich dabei seiner persönlichen Kontakte vor allem in der Carabinierisondereinheit ROS. Die für Terrorismusbekämpfung und organisierte Kriminalität zuständige Einheit weiß, wie man verdeckte Ermittlungen durchführt. 
    Ott kontaktierte immer wieder die ROS-Einheit in Udine, wo er über den Beamten Luca B. unzählige Personenanfragen und Abklärungen durchführt. Ott schickt dafür Fotos von russischen oder ukrainischen Reisepässen und will wissen, wo diese Personen in Italien waren. Oder er lässt sich bei der Ortung einer Jacht helfen, auf der ein angeblich abgesprungener russischer Geheimdienstmann Urlaub machen soll.

  • Ott Anfrage an den ROS-Beamten Luca B.: Stanislaw Petlinski ist der Kontaktmann von Jan Marsalek zu den russischen Diensten; man will abklären, ob in Italien gegen ihn was vorliegt. Foto: Bundesministerium für Inneres
  • Luca B. und auch sein Vorgesetzter Gabriele P. wurden über ein Rechtshilfeansuchen von der Staatsanwaltschaft Venedig angehört. Sie erklärten, dass Egidio Ott seine Ansuchen über seine ehemalige Dienstadresse beim BVT gestellt habe und sie nicht wussten, dass der Beamte in Wirklichkeit suspendiert war. Man sei davon ausgegangen, dass es sich um dienstliche Anfragen handle. Geld oder Geschenke seien keine geflossen. 
    Egidio Ott kontaktiert aber auch hohe Funktionäre der italienischen Staatspolizei, des italienischen Innenministeriums, des bayrischen Landeskriminalamtes oder der Schweizer Polizei. Immer mit derselben Masche. Alle gaben jetzt an, dass sie davon ausgegangen sind, dass Ott für den österreichischen Verfassungsschutz arbeite.
    Sicher aber ist: Der Informations-Austausch lief nur selten über die vorgesehenen amtlichen Kanäle. Der Großteil der Anfragen und Antworten wurde über WhatsApp oder Signal übermittelt. Allein diese Vorgangsweise macht eigentlich deutlich, dass bei den Anfragen etwas faul sein muss.

  • Sportler im Visier

    Im Ermittlungsakt findet sich eine Liste von Personen, die Egisto Ott widerrechtlich in den Datenbanken abgefragt hat. Das österreichische Innenministerium konnte diese Abfragen anhand der Logdaten rekonstruieren. Sie haben allesamt keinerlei dienstlichen Bezug. Deshalb geht man davon aus, dass Ott die Abfragen im Auftrag von Jan Marsalek bzw. der Russen getätigt habe.
    Auf der Liste finden sich insgesamt 309 Namen. Einen Teil dieser Personen hat das österreichische Bundeskriminalamt inzwischen angehört. Viele der Betroffenen kennen Egisto Ott nicht.

  • Liste der illegalen Zugriffe: Vier der fünf aufscheinenden Namen aus dem Verwaltungsrat der Sportler AG Foto: Bundesministerium für Inneres
  • Unter den Namen befinden sich aber auch fünf Südtiroler. Es handelt sich um Jakob, Elisabeth und Heiner Oberrauch Junior, der vor wenige Wochen bei einem Hubschrauberabsturz in Kanada so tragisch ums Leben gekommen ist. Es sind die drei Kinder des Gründers der Sportler AG, Georg Oberrauch. Dazu kommen noch Johannes Peer und Christoph Werth, respektive Finanzchef und Vertriebschef des Bozner Unternehmens.
    Sie hören von SALTO jetzt zum ersten Mal, dass sie Opfer einer illegalen Ausspähaktion wurden. Dabei gibt es einen möglichen Hintergrund dieser Operation. 

  • Die Geschäftsbeziehung

    Bozner Sportler-Geschäft: Opfer illegaler Ausspähungen. Foto: Sportler AG

    Georg Oberrauch übergibt 2014 sein Unternehmen an seine Kinder. Bei den fünf abgefragten Personen handelt es sich um den damaligen Sportler-Verwaltungsrat. 
    Wir hatten zu Wirecard eine reine Geschäftsverbindung“, erinnert sich Christoph Werth. Die Sportler Ag hat ab den 2000er Jahren den Onlinehandel deutlich ausgebaut. 2010 suchte man einen Zahlungsdienstleister, der auch eine Banklizenz hat und damit alles aus einer Hand erledigen konnte. Diese Gangart ist schneller, effizienter und wettbewerbsfähiger.
    Die Geschäftsführung entscheidet sich schließlich für den damaligen Markführer Wirecard. Nachdem die vertraglichen Details geklärt sind, wird der neue Zahlungsanbieter 2011 in den Sportler-Onlineshop eingebaut.
    Nach knapp sechs Jahren beschließt die Unternehmensführung von Sportler dann aber, sich wieder von Wirecard zu trennen. Im Laufe das Jahres 2017 wird der Shop auf einen anderen Zahlungsdienstleister umgestellt.
    Genau in diese Phase dürften dann auch die fünf Abfragen von Egisto Ott datieren. Sie müssen wohl im Auftrag Marsaleks gemacht worden sein. Denn der österreichische Verfassungsschutz hat bereits erklärt, dass es auch beim Sportler-Verwaltungsrat keinen dienstlichen Bezug gibt.
    Das heißt: Auch die drei Oberrauch-Kinder, Johannes Peer und Christoph Werth wurden Opfer der illegalen Praktiken dieses Spionageringes. 

  • Die Verhaftung

    Gegen Egisto Ott wird in Österreich seit sieben Jahren ermittelt. Er kam bereits zweimal in Untersuchungshaft. Verurteilt wurde der ehemalige Verfassungsschützer bisher aber nicht. Jetzt aber dürfte es für Ott mehr als nur eng werden. 
    Auch diesmal kommen die Beweise aus England. Die britischen Ermittler verhaften im Frühjahr 2023 sechs bulgarischstämmige Agenten, die für russische Geheimdienste in Europa tätig waren. Aus 80.000 sichergestellten Telegram-Chats geht hervor, dass Jan Marsalek diesen Spionagering anleitet - nach seiner Flucht von Moskau aus.
    Vor allem aber kommen neue direkte Zusammenhänge zu Egisto Ott zum Vorschein und eine alte, absurd klingende Geschichte. 
    Einige Kabinettmitarbeiter des österreichischen Innenministerium (darunter die Ehefrau des heutigen Kanzlers, Katharina Nehammer) machen 2017 auf der Gartenmesse in Tulln einen Bootausflug. Weil dabei zwei Kanus kentern, stürzen mehrere Beamte mitsamt ihren Handys ins Wasser. Dabei werden die Handys des langjährigen Kabinettschef im Innenministerium, Michael Kloibmüller, des Bundespolizei-Direktors Michael Takàcs und des Kabinettsmitarbeiters Gernot Maier durch den Wasserschaden so beschädigt, dass sie nicht mehr brauchbar sind.

  • Fotos der drei verschwundenen Handys: Wurden wahrscheinlich nach Moskau gebracht. Foto: Bundesministerium für Inneres
  • Die drei Handys werden dem BVT und dort dem Ott-Vertrauten und IT-Experten Anton H. übergeben, damit dieser versucht, wenigstens den Inhalt der Handys wiederherzustellen. Doch offiziell gelingt das nicht. Aus den Ermittlungsunterlagen geht aber hervor, dass H. und Ott einen israelischen Experten anheuern wollen, der die Daten aus den Handys wiederherstellen und auslesen soll. Die Operation scheitert schließlich an den Kosten.
    Die Handys sind inzwischen verschwunden. Und nach der Verhaftung in England weiß man auch, wohin. Die Ermittlungen haben ergeben, dass die Seilschaft Marsalek-Ott die bulgarischen Agenten auch mehrmals nach Wien gelotst hat. 
    Am 10. Juni 2022 sollen die russischen Spione bei Egisto Ott die gestohlenen Smartphones der drei Spitzenbeamten abgeholt und über Bulgarien und Istanbul nach Moskau gebracht haben. Am Tag zuvor waren sie in die Wohnung des Investigativjournalisten Christo Grozev eingebrochen, den Ott zuvor ausgespäht hatte.
    Inzwischen wurde in Wien auch ein zweiter Verfassungsschützer in Untersuchungshaft genommen. Der Vorwurf: Marijo K. habe als Beamter des LVT Wien Egisto Ott bei seine illegalen Abfragen und Aktionen geholfen. 
    Wie privat es dabei zugegangen ist, wird an einer Episode deutlich. Im März 2015 will K. sich in Kroatien einen VW Tiguan mit italienischen Kennzeichen kaufen. Vorher lässt er über Egisto Ott bei der Polizeidienststelle in Tarviso abklären, ob der Wagen in Italien als gestohlen gemeldet ist oder sonstwelche Vormerkungen hat.

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Simonetta Nardin Sab, 04/13/2024 - 19:34

Complimenti a Christoph per il pezzo e la dettagliata ricostruzione (ripresa anche dal Corriere della Sera). La presenza dei servizi segreti russi in Austria e Germania comincia appena a venire a galla, e sembra quasi inevitabile che ci siano ramificazioni anche nella nostra Heimat... L'affaire Wirecard è incredibile, anche perché le autorità finanziarie tedesche hanno fatto finta di nulla per anni.. Per chi legge l'inglese qui un approfondimento sugli inizi dell'inchiesta giornalistica su Marsalek che si legge come un Krimi: How the Biggest Fraud in German History Unravelled https://www.newyorker.com/magazine/2023/03/06/how-the-biggest-fraud-in-…

Sab, 04/13/2024 - 19:34 Collegamento permanente
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Gianguido Piani Sab, 04/13/2024 - 21:17

In risposta a di Simonetta Nardin

"L'affaire Wirecard è incredibile, anche perché le autorità finanziarie tedesche hanno fatto finta di nulla per anni"
Il motivo e' molto semplice. Nel campo delle transazioni finanziarie l'Europa non esiste, e non lo vuole ammettere. Wirecard si era posizionata come alternativa ai sistemi di pagamento americani, quindi faceva tutti contenti.
Una soluzione molto semplice sarebbe darsi sistemi di pagamento europei senza dipendere da iniziative private. Russia e Cina lo hanno fatto senza problemi. Ma perche' noi siamo obbligati a fornire un numero di carta di credito americana nel prenotare treni, aerei o alberghi europei? Il Bancomat non sarebbe sufficiente? Unione europea, governi nazionali e banche purtroppo non avanzano tale proposta, o soluzioni simili, e restiamo prigionieri di sistemi stranieri. Wirecard e' stata per anni un'ottima foglia di fico, in ultima analisi questa era la sua vera funzione. E per questo ha avuto le mani libere.

Sab, 04/13/2024 - 21:17 Collegamento permanente