37 Jahre blindes Vertrauen
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SALTO: Herr Egger, 37 Jahre in exakt derselben Besetzung sind in der Musikwelt fast ein Wunder. Wie hat sich Ihre interne Kommunikation auf der Bühne über die Jahrzehnte verändert – verstehen Sie sich mittlerweile blind?
Roland Egger: Wir wundern uns manchmal selbst. Fast vier Jahrzehnte in unveränderter Originalbesetzung sind schon etwas Besonderes. Ja, wir verstehen uns tatsächlich fast blind, aber das ist weniger Magie als Routine, Vertrauen und Körpersprache. Früher haben wir vieles deutlicher angezeigt: Einsätze, Vamps, Turnarounds, Breaks oder Dynamikwechsel. Heute reichen Blickkontakt, eine kleine Kopfbewegung, manchmal nur die Art, wie jemand einen Ton am Instrument oder ins Mikrofon hinein ansetzt. Man könnte sagen, die Kommunikation auf der Bühne ist weniger geworden und zugleich mehr – weniger sichtbare Gesten, dafür umso mehr Gespür.
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Gibt es für Sie so etwas wie einen spezifischen „Tiroler Blues“ oder verschmelzen diese Identitäten in dem Moment, in dem der erste Akkord fällt?
Wenn der erste Akkord fällt, ist Blues erst einmal unsere gemeinsame Muttersprache, ganz ohne Landes-, Sprach- oder Dialektgrenzen. Trotzdem gibt es etwas, das man vielleicht als „Tiroler Blues“ bezeichnen könnte. Naturgemäß lässt sich unsere alpenländische Herkunft auch in unserer Spielweise nicht ganz verbergen. Da ist eine gewisse Erdung, eine starke Verwurzelung mit unserem kleinen Fleckchen Erde, in dem wir aufgewachsen sind, die möglicherweise auch unseren Musikstil prägt: etwas weniger Show vielleicht, dafür mehr Substanz, alles eher direkt als andächtig zelebriert, etwas „steifer“, nicht ganz so fließend elastisch. Vergleiche sind dabei immer schwierig. Der Blues hat sich ausgehend von den Worksongs afroamerikanischer Plantagensklaven um die Jahrhundertwende in alle Himmelsrichtungen verbreitet, dabei ständig verändert und überall neue Spuren hinterlassen. Und ja, Nord und Süd verschmelzen bei uns ganz automatisch und lösen sich auf, weil wir über Jahrzehnte dieselben Bühnen, dieselben Menschen, dieselben Geschichten geteilt haben.
Sie sind der singende Schlagzeuger der Band. Wie beeinflusst das Phrasieren beim Gesang Ihr Drumming – und ist es schwierig, die technische Präzision am Kit mit der emotionalen Lead-Stimme zu vereinen?
Für mich ist Gesang kein Extra obendrauf, er ist das Zentrum! Das beeinflusst mein Schlagzeugspiel stark. Ich spiele so, dass die Stimme Platz hat, sich möglichst frei entfalten kann, die Phrasen und die Erzählung trägt. In der gesungenen Musik sind Lieder schließlich immer erzählte Geschichten.
Aber genau diese Spannung macht auch wieder den Reiz aus.
Technisch wird das manchmal leider auch zum Koordinationsproblem, vor allem bei Offbeats, Shuffles, oder wenn der Groove betont „laid back“ sein soll, während die Stimme ganz vorne steht oder rhythmisch getrennte Wege gehen soll. Nicht selten gelange ich dann an meine Grenzen und wünsche mir, ich könnte die Nummer nur singen, ohne gleichzeitig das Schlagzeug zu bedienen – oder umgekehrt. Aber genau diese Spannung macht auch wieder den Reiz aus. Körperliche Präzision, Koordinationsarbeit im Kopf und emotionale Leidenschaft im Herzen sind zu einer untrennbaren Einheit verwachsen: meine ganz persönliche Gesundheitsformel.
The incredible Southern Blues Band: Bad ConditionBand und KonzertDie The Incredible Southern Blues Band gilt als eines der beständigsten Phänomene der regionalen Musikszene. Seit ihrer Gründung im Jahr 1989 tritt die Formation aus Nord- und Südtirol in unveränderter Originalbesetzung auf – eine Treue zum gemeinsamen Sound, die in der Blues-Welt ihresgleichen sucht. Das Quartett besteht aus Roland Egger (Schlagzeug und Lead-Gesang), dem Kabarettisten und Tastenvirtuosen Markus Linder (Keyboards und Gesang), dem Gitarristen Gianni Ghirardini und dem Bassisten Werner „Haifisch“ Heidegger. Gemeinsam haben sie einen Stil kultiviert, der oft als „Gentleman Blues“ bezeichnet wird: technisch brillant, tief im klassischen Blues verwurzelt und immer mit einer Prise Humor gewürzt.
Am heutigen Freitag, den 13. Februar, ist die Band im Rahmen der renommierten Konzertreihe „All That Music“ in der Laurin Bar in Bozen zu erleben. Das Konzert beginnt um 21:30 Uhr. Für Besucher fällt ab 21:00 Uhr ein Live-Musik-Zuschlag auf das erste Getränk an.
Im Blues spielt die Dynamik eine entscheidende Rolle. Wie erarbeiten Sie sich das Zusammenspiel zwischen den Soli und der Begleitung? Ist das ein striktes Arrangement oder lassen Sie Freiraum für spontane Dialoge?
Dynamik ist nicht nur im Blues wichtig. Wenn wir als Band Musik machen, haben wir meist eine gemeinsame Dramaturgie im Kopf, also Form, Länge und Spannungsbogen einer Nummer. Aber innerhalb dieses Rahmens lassen wir immer viel Raum.
Es gibt Leitplanken, aber keinen absoluten Spurzwang.
Blues lebt vom Gespräch, vom Reagieren, vom gegenseitigen „push and pull“, vom Schieben und Zurücknehmen. Das Zusammenspiel entsteht aus Zuhören, nicht nur aus strikter Form. Es gibt Leitplanken, aber keinen absoluten Spurzwang. Wenn ein Solo oder eine Textpassage einmal ein paar Takte länger erzählen will, dann lassen wir das geschehen, solange es musikalisch Sinn macht.
Man bezeichnet Sie oft als „Gentlemen-Blueser“. Spiegelt sich diese Eleganz auch in Ihrer Wahl des Equipments wider – setzen Sie auf klassischen Vintage-Purismus?
Das Etikett nehme ich mit einem Schmunzeln, aber ja, da ist etwas dran. Wir lieben Klangkultur, ich ganz besonders. Wir mögen klassische Sounds und ein Setup, das musikalisch störungsfrei funktioniert, statt nur visuell zu beeindrucken. Gleichzeitig sind wir keine Museumsband. Wenn moderne Technik hilft, den Sound stabiler, transparenter und bühnentauglicher zu machen, nehmen wir sie gern, solange sie dem Ausdruck dient und nicht umgekehrt. Der praktische Aspekt spielt mittlerweile auch eine große Rolle. Die Zeiten, in denen wir mittags schon mit eigenem Lieferwagen zum Aufbau anrücken mussten, sind lange vorbei. Ich bin froh, dass ich keine 30-Kilo-Endstufen mehr schleppen muss und mein Schlagzeug heute in den Kofferraum meines Wagens passt.
Mit Markus Linder haben Sie einen bekannten Kabarettisten an den Tasten. Wie viel Humor braucht der Blues, um nach so langer Zeit immer noch frisch zu klingen?
Markus bringt als Kabarettist natürlich eine besondere Energie mit und der Spaßfaktor gehört da unbedingt dazu. Blues kann mitunter schwer sein, und genau deshalb tut ein gezieltes Augenzwinkern gut, um die Tür zum Publikum zu öffnen und sie für den restlichen Abend offen zu halten. Nach so langer Zeit hält uns Humor auch intern frisch; er entschärft Spannungen und erinnert uns daran, warum wir das machen: weil Musik Freude machen soll, auch wenn sie oft von schmerzhaften Erlebnissen erzählt.
Die Laurin Bar in Bozen ist fast wie ein zweites Wohnzimmer für Sie. Spielt man in so einem geschichtsträchtigen Haus anders als auf einer großen Bühne?
Im Laurin spielt man näher, direkter, intimer. Das Publikum sitzt auf Armlänge, man spürt fast jede Regung und kann den Zuhörer dadurch leiser, feiner, erzählerischer berühren. Auf Festivals muss man „größer malen“. Auf weiten Bühnen hat man manchmal Mühe, den Blickkontakt zu den Bandkollegen zu halten. Dem Publikum erscheinen die Musiker nur auf den Leinwänden groß, sonst sieht man kaum jemanden wirklich. Leider gilt das auch umgekehrt.
Diese Räume atmen Kultur.
Die Laurin Bar hat für uns genau diese intime Wohnzimmerqualität. Man spielt dort nicht einfach in einer Bar, man spielt an einem Ort mit Geschichte, an dem man sich begegnet. Diese Räume atmen Kultur. Da sind über Jahrzehnte Gespräche, Kunst, Musik und auch Politik passiert. Das kann man spüren. Man wird automatisch ein bisschen aufmerksamer, respektvoller und versucht, dem Haus mit einem guten Konzert etwas zurückzugeben. Im Laurin zu konzertieren empfinde ich persönlich als eine Art „Ritterschlag“.
Was ist die wichtigste Lektion, die man in einer Band lernt, die fast vier Jahrzehnte zusammenbleibt? Und was geben Sie jungen Musikern mit auf den Weg?
Lektion möchte ich lieber keine geben, gerne teile ich aber mein Erfahrungswissen: Band ist Beziehungspflege. Man bleibt nicht so lange zusammen, weil immer alles harmonisch ist, sondern weil man Konflikte fair löst, einander zuhört und dem gemeinsamen Ziel mehr Gewicht gibt als dem eigenen Ego. Jungen Musikern würde ich empfehlen, sich Bandkollegen zu suchen, die nicht nur gut spielen, sondern auch gut sind im Miteinander. Übt Zuhören, Respekt, Timing und Verlässlichkeit. Und spielt live, so oft es geht, denn Bühne und Publikum sind die ehrlichste Schule. Wenn das alles stimmig ist, kann man musikalisch wachsen, Meinungsverschiedenheiten aushalten und nach Jahrzehnten immer noch gemeinsam mit Freude auf die Bühne gehen, ohne innerlich schon auf dem Heimweg zu sein.
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