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„Was man nicht sieht, ist doch da“

Unterdrückung statt Fürsorge. Margit Weiß thematisiert in ihrem neuen Roman die Heimerziehung und den schmerzvollen Weg des jungen Hans zwischen Angst und Hoffnung.
Was man nicht sieht ist doch da, Margit Weiß
Foto: Pixabay
  • Ex libris

    Questo estratto dal libro di Margit Weiß fa parte del formato „Ex libris“ su SALTO.

    Dieser Auszug aus dem Buch von Margit Weiß ist Teil des Formats „Ex libris“ auf SALTO. 

    Vater

    Fragen muss er, warum sie Hans weggebracht haben. Der Vater steht im Wachzimmer, durch eine Barriere von den Gendarmen getrennt. An einem Ort wie diesem gehen ihm die Worte verloren. Seine Muttersprache, das Ladinische, hat er verloren, als er hierherkam, wo nur Deutsch gesprochen wird. Und die anderen Worte, die deutschen, verlassen ihn in manchen Situationen. Dann geht er sie suchen, setzt die Sätze zusammen, in romanisch gefärbtem Deutsch. An Orten wie diesem verlassen ihn die Worte endgültig. Er hat gelernt zu schweigen, wenn Uniformen auftauchen, und abzuwarten. Er hofft, dass einer der Gendarmen ihm sagt, was geschehen ist. Die Frau neben ihm ist erstarrt. Weiß ist sie. Geistern tut sie wieder, denkt der Vater. Wie damals, als die Bomber über die Stadt gekommen sind. 

     

    Alles Anschreien und Zerren des Vaters half nicht.

     

    Gesessen ist sie, die Frau, auf dem Stuhl, mitten in der Küche, und hat den Säugling gehalten, den jüngsten Sohn, den Hans. Und ist hocken geblieben, als sei der Lärm der Sirenen die Ankündigung eines Gottesurteils über sie, eines Strafurteils, und sie ließ es über sich ergehen, fügte sich und hielt sich am Säugling fest. Er weiß, dass sie sich schuldig fühlt, weil sie es war, die hierherkommen wollte. Alles Anschreien und Zerren des Vaters half nicht. Er sah in die verstörten Gesichter der beiden Mädchen. Er fasste sie an der Hand und rannte los. Er musste wenigstens die anderen Kinder herausführen aus der Lähmung, aus der Gefahr, und rannte mit ihnen in die Schutzhöhlen. 19 Die Bomben sind nicht auf die Frau und den Sohn gefallen, zumindest nicht auf das Haus, in dem sie geblieben sind, sind nur hineingefallen in die Sprache, die danach wie eine Ruine herumstand zwischen ihnen. Seit damals wird sie manchmal zum Geist, weiß und starr. Auch jetzt im Wachzimmer. Der Gendarm hat ihnen ein paar Brocken hingeworfen. Der Sohn nach Vorarlberg verbracht … anonyme Anzeige … Internat für Schwererziehbare … Schule dort … dauerhafter Aufenthalt. Jedoch keine Erklärung. Jetzt schiebt er ihnen einen Zettel zu. 

     

    Die Brauttochter tanzt den Schneewalzer mit ihrem Mann. 

     

    Die Adresse des Internats und ein Blatt mit Amtsstempel, auf dem „Verfügung“ steht. „Ihr könnt gehen.“ Der Vater hakt sich bei der Geisterfrau unter und gehorcht. Der, der die Sprache hat, hat die Macht. Er leitet die Frau zurück zum Gasthof, schiebt sie auf ihren Stuhl. Die Brauttochter tanzt den Schneewalzer mit ihrem Mann. Die Jüngere blickt zwischen der Mutter und dem Vater hin und her, lehnt sich an seine Schulter. „Was ist, Dadda?“ „Später“, sagt er, schiebt ein Stück kaltes Schnitzel in den Mund und kaut darauf herum.

  • Er wird ihm folgen, vom Wald geschützt, bis er daheim ist.: Foto: Pixabay

     Hans

    Bäume überall. Im Hintergrund ragt ein Berg zwischen den Wipfeln in den Himmel. Er setzt sich in Bewegung, auf das schwarze Loch zu, durch das er hierher in dieses Land geschoben worden ist. Um einen Baumstumpf wachsen Walderdbeeren. Er hockt sich nieder, sammelt sie, bis seine Hand voll ist, stopft sich alle auf einmal in den Mund. Er behält sie lange darin, bevor er sie schluckt. Ihre Süße tröstet ihn. Er macht sich auf den Rückweg zum Waldrand. Hinter den letzten Bäumen verborgen, sieht er den Schienenstrang am Fuß der Böschung. Er wird ihm folgen, vom Wald geschützt, bis er daheim ist. Er geht los. Ein Bach quert seinen Weg. Er trinkt, spritzt sich das kühle Wasser ins Gesicht, balanciert über Steine auf die andere Seite. Einmal hört er einen Zug nahen und legt sich hinter einem Gebüsch auf die Erde. Er fährt Richtung Tunnel. An seiner Wange spürt er die Erde unter dem Gewicht des Zuges beben. Erst als der Boden zur Ruhe kommt, erhebt er sich, späht ihn beide Richtungen der Schienen und wendet sich wieder dem Berg zu. Was ist, wenn die Gendarmen einen Zug zurücknehmen und mich suchen gehen? 

     

    Darunter entziffert er auf einem Schild einen ihm unbekannten Ortsnamen. 

     

    Er beschleunigt seinen Schritt. Weiter vorne bemerkt er eine Haltestelle. Der Bahnsteig liegt menschenleer. An einer Laterne hängt eine Uhr. Zehn Minuten nach sechs. Darunter entziffert er auf einem Schild einen ihm unbekannten Ortsnamen. 21 Am Morgen ist er wie immer in die Schule aufgebrochen. Er hat sich auf das Hochzeitsmahl gefreut und da rauf, dann den schönen Anzug tragen zu dürfen, den der Vater von einem Kollegen für ihn geliehen hat. Nun ist er an einem Ort angekommen, von dem er am Morgen noch nicht einmal wusste, dass es ihn gibt. Vorsichtig nähert er sich dem Bahnsteig. Er beobachtet die Umgebung. Ein Fahrweg führt zu den ersten Häusern eines Dorfes. Bald würde die Nacht hereinbrechen. Die Aussicht darauf, allein in der Dunkelheit des Waldes zu sein, ängstigt ihn. Ein Heustadel lehnt etwas abseits am Waldrand. Er schiebt sich von Baum zu Baum, schleicht zur vorderen Luke des Stadels, stemmt sich über den Balken und lässt sich hineinfallen. Spinnweben bleiben ihm in den Haaren haften. Das Heu fängt ihn gnädig weich auf. Durch eine Lücke zwischen den Balken fällt ein Streifen Licht.

  • Die Autorin des Buches Margit Weiß: Foto: Edition Raetia
  • Zur Person

    Margit Weiß ist 1963 in Kufstein geboren. Studium in Wien, lebt in Kufstein, tätig als Psychothera peutin und Autorin. Ihre Familie mütterlicherseits stammt aus dem ladinischen Buchenstein. Bei Raetia: „Wenn der Apfellastwagen kommt. Erinnerungen an eine Südtirolersiedlung“ (2023) sowie die Romane „Maddalena geht“ (2024) und „Was man nicht sieht, ist doch da“ (2025). Für „Maddalena geht“ erhielt sie Ende 2024 den Kulturpreis der Stadt Kufstein. 

  • Foto: Pixabay

    Die Schwester

    Als sie klein war, fürchtete sie sich in der Dunkelheit. Damals haben sie begonnen, die Tür zur Küche einen Spalt breit offen zu lassen. Der Lichtstreifen war ihr leuchtendes Schwert, Abschreckung gegen die unsichtbaren Dämonen, und ist heute ihre Verbindung zu den Erwachsenen draußen, die erst am Abend ihre Welt zu öffnen scheinen, wenn Kinder und Pflichten zur Ruhe gekommen sind. An den Sonntagabenden liest Vater der Mutter aus einem Roman vor, von einer hübschen, bescheidenen Frau und ihrem Verehrer, der so lange spart, bis er mit ihr in einem VW Käfer ans Meer fahren kann. Die Fortsetzungen sind jedes Wochenende in der Zeitung abgedruckt. Mutter strickt und seufzt: „Meer wäre schon einmal schön.“ Das Geklapper ihrer Nadeln begleitet die Vaterstimme. Und dem Mädchen im Zimmer steigen Bilder von dem himmelblauen Moped auf, mit dem der Enkel der alten Näherin neuerdings herumfährt, auffällig oft an ihrem Haus vorbei. Sie träumt sich auf den Sozius, sieht sich mit fliegenden Haaren an türkisen Buchten entlanggleiten. Sie liebt die Romanabende, das Kopfkino. Nie schläft sie ein, bevor der Vater fertig gelesen hat. 

  • Was man nicht sieht, ist doch da.: Foto: Edition Raetia

    An manchen Tagen vernimmt sie die geflüsterte Unterhaltung der Eltern, meist zu leise, um die Worte zu verstehen. Der Vater redet ladinisch, die Mutter antwortet auf Deutsch. Beide Sprachen strömen wie unterschiedlich gefärbte Flüsse ineinander. Mutter redet immer deutsch. 23 Sie will sich die Zugehörigkeit verdienen, keinen Grund geben, ihr die Berechtigung aufs Hiersein abzusprechen. Selten hat sie den Vater so aufgebracht gehört. Vor Aufregung liest er die vom Gendarmen erhaltene Verfügung sehr laut. Immer wieder verfällt er zwischen den amtsdeutschen Abschnitten schimpfend ins Ladinische, als würde ihn das, was er liest, forttreiben aus dem Land. Wie hereingeworfene Fetzen hört sie: Dem Zehnjährigen namens Hans Dakosta … unsittliche Handlungen zur Last gelegt … im Keller mit Kindern gleichen Alters … voreinander den Intimbereich entblößt … anonyme Anzeige erstattet … von sittlicher Verwahrlosung ist auszugehen … in die Vormundschaft des Jugendamts übernommen … Vormundschaftsgericht verfügt Aufnahme in geschlossene Anstalt.

  • Margit Weiß, Kufsteiner Schriftstellerin mit Gadertaler Wurzeln, legt in ihrem neuen Roman „Was man nicht sieht, ist doch da“ (Edition Raetia, 2025) ein Stück verdrängte Tiroler Zeitgeschichte offen. Nur we nige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs landet der 10-jährige Hans Dakosta in einer Nordtiroler Er ziehungsanstalt, in der noch gewalttätige Veteranen und Altnazis das Sagen haben. Hoffnung schöpft Hans allein aus der Freundschaft mit dem Gärtner und dem Chorgesang. Ein hochaktueller Roman, der auch zeigt, wie Menschlichkeit in totalitären Strukturen bewahrt werden kann.

    Das Buch Was man nicht sieht ist doch da“ von Margit Weiß ist in der Edition Raetia erschienen.