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Daten von TikTok für die Demokratie

Die Südtiroler Informatik AG entwickelt mit der Bundesdruckerei in Berlin eine Künstliche Intelligenz zur Gesetzesfolgenabschätzung im Landtag – so könnte Politik dank Data Act der EU in Zukunft datenbasiert werden.
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Foto: Berke Citak / Unsplash
  • Welche Folgen hat die 2025 beschlossene Wohnbaureform für Alleinerziehende oder Gutverdiener? Und wie kommen die 116 Südtiroler Gemeinden mit dem 2018 beschlossenen Raumordnungsgesetz klar? Wie sich meist komplizierte gesetzliche Bestimmungen im Alltag der Menschen auswirken, damit beschäftigt sich derzeit die Südtiroler Informatik AG (SIAG) im Auftrag des Landtags. 

    Denn jede politische Institution mit Gesetzgebungsbefugnis – vom Südtiroler Landtag in Bozen bis zum italienischen Parlament in Rom oder der Europäischen Union in Brüssel – hat auch die Pflicht, die voraussichtlichen Folgen einer Regelung abzuschätzen. In Zusammenarbeit mit dem Innovation Hub der Bundesdruckerei der Bundesrepublik Deutschland in Berlin entwickelt SIAG nun eine Künstliche Intelligenz (KI) zu genau dieser Gesetzesfolgenabschätzung.

  • Stefan Gasslitter: „Das Potential ist groß.“ Foto: SIAG

    „Mithilfe von KI analysieren wir Gesetzestexte im Hinblick auf bereits bestehende Regelungen. Wir schauen uns aber auch an, wie groß das Budget für ein Gesetzesvorhaben sein soll, ob ein Gesetz voraussichtlich von der Bevölkerung unterstützt wird und welche Auswirkungen es wahrscheinlich auf die Wirtschaft hat“, erklärt SIAG-Direktor Stefan Gasslitter. Umgekehrt kann die Folgenabschätzung auch bei bereits in Kraft getretenen Gesetzen zur rückblickenden Bewertung dienen. 

    Dabei ist bereits der Abgleich mit bestehenden Rechtsvorschriften ein aufwändiger Prozess, da einzelne Gesetze aufeinander Bezug nehmen und mit der Zeit auch wieder geändert werden. „Leider entsteht dadurch häufig ein unüberschaubarer Wirrwarr an Gesetzestexten, die sich aufeinander beziehen oder sogar widersprechen“, erklärt Silvia Deflorian, Project Manager der SIAG. 

    Viele Institutionen wie das EU-Parlament, aber auch Senat und Kammer in Rom verwenden deshalb heute ein einheitliches digitales Format für Rechtsakte, Verordnungen, Urteile oder andere juristische Dokumente: Der sogenannte XML-Standard wurde auf Initiative der Vereinten Nationen entwickelt. Auch die Universität von Bologna war mit der renommierten Professorin für Informatik Monica Palmirani daran beteiligt. 

     

    „Viele Politiker wollen ihre Entscheidungen heute mit objektiven Fakten begründen.“

     

    „Der XML-Standard erleichtert uns die Arbeit um einiges, da wir so verschiedene Versionen eines Gesetzes konsolidieren und darüber hinaus eine Chronik der Gesetzesänderungen erstellen können“, erklärt Deflorian. Künftig will die SIAG Gesetze des Landes – derzeit einsehbar über den Lexbrowser – leichter zugänglich und verständlicher machen. 

    In einem weiteren Schritt soll die Folgenabschätzung von Gesetzen mithilfe von KI eingesetzt werden – dafür braucht es aber auch zusätzliche Datenquellen. „Hier stehen wir noch am Anfang, aber das Beispiel der Straßeninstandhaltung in Südtirol zeigt, wie groß das Potential der KI in der Gesetzesfolgenabschätzung ist“, erklärt Gasslitter.

  • Mehr Daten für bessere Straßen

    Die Provinz Bozen verwaltet und wartet rund 2.800 Kilometer Straßen in Landesbesitz. Sie befinden sich sowohl in den Tallagen als auch auf Pässen bis zu 2.800 Meter Meereshöhe. Pro Jahr werden dafür von der Landesregierung durchschnittlich 75 Millionen Euro Finanzmittel bereitgestellt. Wie gut befahrbar die Straßen dann in allen Landesteilen tatsächlich sind, könnte bald mithilfe der KI ersichtlich werden. Daten liefern nicht nur technische Stichproben der Landesverwaltung, Satellitenbilder oder der Google Street View im Internet, sondern möglicherweise auch die erhobenen Daten von Automobilherstellern. 

  • KI-Prototyp für Gesetzesfolgenabschätzung: Die Straßenwartung mit beispielhaften Zahlen zeigt, welche Ergebnisse die KI liefern kann. Foto: SIAG
  • „Große Autohersteller wie BMW haben bereits vor Jahrzehnten ihre Autos mit SIM-Karten ausgestattet, womit Informationen über das Fahrzeug und das Fahrerlebnis gesammelt wurden“, erklärt Gasslitter. Dank dem Data Act der Europäischen Union, der seit 12. September 2025 vollständig in Kraft ist, können Unternehmen verpflichtet werden, diese Daten an öffentliche Stellen weiterzugeben. „In diesem Fall könnten wir die Daten der Automobilhersteller für eine bessere Straßeninstandhaltung und Straßenplanung nutzen. Das öffentliche Interesse daran dürfte hier nicht in Zweifel gezogen werden“, meint der SIAG-Direktor. 

  • Ein Schritt in Richtung datenbasierte Politik?

    Da durch die Digitalisierung heute viele physische Objekte wie Maschinen, Haushaltsgeräte oder Armbanduhren Daten erfassen, eröffne das nicht nur für gewinnorientierte Unternehmen neue Möglichkeiten, sondern auch für die öffentliche Hand. Das Interesse an der neuen Technologie ist groß: Sowohl die Bundesrepublik Deutschland mit dem Innovation Hub der Bundesdruckerei als auch das italienische Parlament zeigen Interesse an den Fortschritten der KI-Entwicklung im Haus der SIAG in Bozen. 

    „Viele Politiker wollen ihre Entscheidungen heute mit objektiven Fakten begründen. Das ersetzt nicht ihre Arbeit, sondern kann als neuer Ansatzpunkt für Vorschläge dienen“, erklärt Gasslitter. „Der Innovation Hub unterstützt uns bei der KI-Entwicklung und wir haben die Daten, die in Deutschland noch an vielen unterschiedlichen Stellen in unterschiedlichen Formaten gesammelt und bereinigt werden müssten.“ Ein erster Prototyp zu den Auswirkungen eines übergemeindlichen Fahrradnetzes in Südtirol wurde bereits dem Projektpartner in Deutschland vorgestellt.

  • Radweg auf der Töll: Er soll die Verkehrsströme klar trennen – ob das funktioniert, könnte bald mit einer KI geprüft werden. Foto: LPA / Ressort Infrastrukturen und Mobilität
  • Ein Zauberstab ist die KI-basierte Gesetzesfolgenabschätzung allerdings nicht. Das dürfte vor allem an der Bewertung der sozialen Akzeptanz von gesetzlichen Bestimmungen liegen: Hier werden repräsentative Umfragen von Statistikinstituten wie ASTAT oder ISTAT genutzt. Theoretisch wären auch die Daten der Nutzerinnen und Nutzer von sozialen Medien wie Facebook, Instagram oder TikTok eine Hilfe. 

    Die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür hat die EU mit dem Data Act jedenfalls geschaffen. Damit könnte Europa zum Vorreiter für sozial gerechte Datennutzung werden.