Südtirol und sein eigenes Deutsch
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Die immer wieder aufflammenden Diskussionen über die Verwendung der deutschen Sprache und des Südtiroler Dialekts liefern in Südtirol regelmäßig neuen Stoff für alte Kontroversen und Gegensätze. Als Linguistin und Wissenschaftlerin – und zugleich als Deutsche, die sich bewusst entschieden hat, in Südtirol zu leben – möchte ich hier dazu beitragen, besser zu verstehen, worum es in dieser Debatte eigentlich geht. Zugleich möchte ich einen Vorschlag machen, wie sich ein seit Langem bestehendes Problem vielleicht lösen ließe.
Ich verstehe sowohl diejenigen, die sich um das Standarddeutsch bemühen, als auch den dialektsprechenden Herrn Rabensteiner nur allzu gut. Er tut das, was alle meine Studierenden tun, derer ich weit über Tausend in den letzten zwanzig Jahren als Deutschprof an der Uni Bozen begleiten durfte. Ich bin gewissermaßen das Fräulein Rottenmeier meiner Fakultät, doch im Unterschied zur kinderhassenden Gouvernante habe ich selbst vier Kinder großgezogen, allesamt sudtirolesi doc und gebe mein Bestes, Deutsch als Erst-, Zweit- und Fremdsprache sowie kindlichen Spracherwerb zu lehren. Ich mag Kinder, ja und ich liebe die deutsche Standardsprache, samt all ihrer Dialekte. Man kann mich als Deitsche beschimpfen, ich bin selten beleidigt, außer jemand sagt etwas gegen meinen Heimatsee im oberbayerischen Weßling, gegen meine Alma Mater, die LMU oder gegen Gerhard Polt.
„Ich darf mich also, selbst inkludierend, als gelernte Südtirolerin bezeichnen.“
Ich bin nicht als Wunderwuzzi an die Uni berufen worden, sondern mache die Ochsentour durch das italienische Unisystem, weiß was allegati sind und raccomandazione bedeutet. Im fernen Jahr 1998, als junge Forscherin durfte ich Karl Zeller vom Deutschen ins Englische dolmetschen, als sich eine Delegation des Dalai Lama in Bozen über die Autonomie informierte, und scheiterte an dem Wort „Durchführungsbestimmung“, obgleich ich damals aus dem politischen Bonn kam, das Bundestagsbüro der Bundesjustizministerin geleitet hatte.
Ich überstand eine Landtagsanfrage des Alessandro Urzì, der seinem disagio darüber Ausdruck verlieh, dass eine, die so schlecht Italienisch spricht („per usare un eufemismo“ schrieb er damals), auf einer Führungsposition sein kann. Urzì hatte vollkommen recht, also lernte ich autodidaktisch, nach Englisch, Französisch, Russisch nun Italienisch, um halbwegs bella figura für meine Wahlheimat zu machen, für die ich mittlerweile auch als Expertin für Sprachenpolitik und (deutschsprachige) Minderheiten viel im Ausland unterwegs bin. Ich darf mich also, selbst inkludierend, als gelernte Südtirolerin bezeichnen. -
Detto questo: Ein standardisiertes Südtiroler Deutsch könnte eine Möglichkeit sein, dem berechtigten Wunsch des Herrn Rabensteiner und der Perspektive eines Fräulein Rottenmeier Rechnung zu tragen. Schließlich steht der Landtagsabgeordnete mit seinem Wunsch nicht allein da. Es braucht die Fräulein Rottenmeiers in unseren Schulen und an der Freien Universität Bozen, denn wir haben uns nun mal im deutschen Sprachraum auf Normen geeinigt. Und hier liegt des Pudels Kern: Südtirol galt jahrzehntelang als sogenanntes Halbzentrum der deutschen Sprache, da die deutsche Sprache nicht in allen Institutionen verankert war. Es fehlte: eine Universität. Nun haben wir diese Universität seit über einem Vierteljahrhundert, die an meiner Fakultät das Lehrpersonal im Primarbereich ausbildet und Lehrbefähigungen für die Sekundarstufe erteilen darf. Nur haben wir uns nicht darum gekümmert, was nun sprachenpolitisch mit unserem Südtiroler Deutsch zu tun sei.
„In so einem Lexikon stünde neben dem Törggelen, die Marende, die Targa, das sequestrierte Radl und die kindsende Oma.“
Man stelle sich das so vor: Wenn ich die Ehre habe, Südtirol bei Organisationen wie etwa dem Internationalen Deutschlehrerverband (IDV) zu vertreten, wo sitze ich da? Am Katzentisch zwischen den Deutschkollegen aus Brasilien, Argentinien, Russland, der Ukraine und so weiter, weil wir uns selbst immer noch gegenüber dem Rest der Welt als ein Halbzentrum des Deutschen gerieren. Dabei wäre es höchst an der Zeit, gegenüber unseren nördlichen Nachbarn, der Schweiz, Österreich und Deutschland selbstbewusst aufzutreten: Die deutsche Sprache gehört auch uns in Südtirol! Wir können uns wohl selbst um unser Deutsch kümmern. Wir erfüllen alle Kriterien dafür, ein „Vollzentrum der deutschen Sprache“ zu sein. Dies bezieht sich auf die sprachenpolitischen Kriterien, die unsere nördlichen Nachbarn entwickelt haben, allen voran natürlich die Deutschen, weil sie in der Mehrheit sind und dort die großen Schulbuchverlage sitzen.
Aber wir haben doch Verlage. Wir haben eine Bildungsdirektion. Wir haben eine Fakultät für Bildungswissenschaften: Wer also, bitte sehr, hindert uns daran, ein Lexikon des Südtiroler Deutsch für unsere Schulen zu entwickeln? Selbstverständlich würden wir uns nicht vollkommen vom deutschen Sprachraum abkoppeln, im Gegenteil. Naheliegend ist die Orientierung am österreichischen Deutsch, das auch kodifiziert und normiert ist. Das ist die Basis und wird um unsere sprachlichen Bedürfnisse, Eigenwilligkeiten und Feinheiten erweitert. Und ja, in so einem Lexikon stünde neben dem Törggelen, die Marende, die Targa, das sequestrierte Radl und die kindsende Oma. Das versteht und verwendet doch jeder in Südtirol. Warum verstaubt dieses Deutsch im „Variantenwörterbuch“ und wird magari als Fehler in einem Deutschaufsatz an Südtiroler Schulen angestrichen?
Alle Touristiker, Buchverleger Südtirols kommunizieren unterschiedlich, wenn sie Deutschsprachige im D-A-CH-L-Raum ansprechen wollen. Das Akronym steht für Deutschland, Schweiz, Österreich und Liechtenstein, wobei mit „L“ bisweilen auch Luxemburg gemeint ist. Was also, bitte sehr, spricht dagegen, daraus ein flottes D-A-CH-S-L zu machen? Mit einem „S“ für Südtiroler Deutsch? Was, bitte sehr, spricht dagegen, dass wir in den Rat der deutschen Rechtschreibung neben einem Vertreter der deutschen Bildungsdirektion noch eine Vertreterin der Freien Universität Bozen hinschicken? Alle anderen Länder schicken mit Stolz ihre Deutschprofs dorthin, um sich mit mehr Gewicht in Diskussionen zur deutschen Sprache einzubringen. Nur wir machen das nicht. Warum nur?
Standardisierungen sind nichts Ungewöhnliches, sie müssen sprachenpolitisch gewollt sein: Ein Paradebeispiel in nächster Nähe ist das Lëtzebuergesch, die luxemburgische Sprache, ursprünglich ein moselfränkischer Dialekt, der seit 1984 schrittweise ausgebaut und sprachenpolitisch sogar auf EU-Ebene verankert ist. Die Luxemburger haben auch zwei dominante Großsprachen, Französisch und Deutsch und behaupten sich mit knapp 400.000 Sprechern des Luxemburgischen. Wieso sollen wir das in Südtirol, bitte sehr, nicht hinbekommen?
Man bekäme eine Standardisierung des Südtiroler Deutsch wissenschaftsbasiert hin, wenn man denn sprachenpolitisch will. So oder anders steht Südtirol sprachenpolitisch in Bezug auf die deutsche Sprache an einem Scheideweg: Die sozialen Medien haben es mit sich gebracht, dass die Menschen in Südtirol mittlerweile überwiegend auch im Dialekt schreiben und dies sehr routiniert. Das muss man ernst nehmen. Wir können nicht mit ein paar Stunden Deutschunterricht an Schule und Universität diese immer größer werdende Kluft überbrücken; vielleicht würde ja schon eine Diskussion zum Südtiroler Deutsch den Druck aus dem Kessel nehmen. Ich – für meinen Teil – bin für alle Schandtaten zu haben. Und vielleicht hat mir Karl Zeller meinen Durchführungsbestimmungsschnitzer von anno dazumal verziehen und hört sich als designiertes Mitglied des Universitätsrats meine Argumente an.
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Über diesen Text
Der Beitrag erschien am 12. März im Online-Magazin der unibz. SALTO veröffentlicht den Artikel mit Genehmigung der unibz und der Autorin.
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