In die Wiege gelegt
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Es ist kurz vor neun Uhr in Lana. Daniel Jung wartet bereits vor der Tür. Er wirkt gelassen, doch in seiner Haltung liegt eine unverkennbare Wachsamkeit – man merkt sofort, dass er innerlich schon im Startmodus ist. Seine Lauf-Freunde sind zu Besuch, sie wollen später noch los, die Trails rufen. Aber jetzt nimmt er sich die Zeit.
Daniel wirkt zufrieden, bodenständig – einer, der nicht viel Lärm um sich macht, obwohl er in seiner Welt ein Gigant ist. Er fängt an zu erzählen. Da ist keine Spur von Überheblichkeit oder Eingebildetheit. Da ist einfach nur diese Begeisterung für ein Leben jenseits der Vorstellungskraft.
Unser Körper ist über die Jahrtausende eigentlich eingeschlafen.
Die Sportmedizin schüttelt den Kopf über Distanzen von 160 Kilometern am Stück, spricht von Verschleiß. Daniel lächelt das weg. „Mein Glaube ist, dass unser Körper für vieles fähig ist, was wir gar nicht wissen. Das steckt in uns drin, genetisch bedingt“, sagt er. „Früher mussten wir laufen, um zu überleben. Unser Körper ist über die Jahrtausende eigentlich eingeschlafen.“ Er erzählt davon, wie er Höhenwege in einem einzigen Tag bewältigt, für die Wanderer zehn Tage einplanen. Aber er ist kein Besessener. Er zieht eine klare Linie bei den 24-Stunden-Rennen. Alles, was Tage oder Wochen dauert, lehnt er ab. „Das ist ein Risiko für die Gesundheit. Davon lasse ich die Finger.“
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Lives in Motion
In dieser SALTO-Serie präsentieren wir Portraits von Athletinnen und Athleten und ihrem Einsatz.
Questa serie di SALTO presenta ritratti di sportivi e del loro impegno quotidiano.
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Hinter der Fassade des „Lauf-Naturtalents“, das Speckknödel und Chips liebt, steckt ein akribischer Arbeiter. Daniel weiß genau, was sein Körper braucht. „In 20 Stunden verbrenne ich 15.000 Kalorien. Das hole ich mit normalem Essen gar nicht mehr rein.“ Wer wie er auf Weltniveau läuft, muss zum halben Mediziner werden. Magnesium, Eisen, Aminosäuren, Creatin – die Liste der Nahrungsergänzungsmittel ist lang. „Du brauchst mittlerweile fast einen Doktor, um das alles zu verstehen.“
Man muss wahnsinnig aufpassen.
Und es ist ein gefährliches Pflaster. Das Thema Doping schwebt immer über der Profiszene, oft unverschuldet. „Man muss wahnsinnig aufpassen. Ein einfaches Erkältungsmittel zum Einreiben kann schon Substanzen enthalten, die auf der Liste stehen. Wenn du dich da nicht einliest, schießt du dir unbewusst ein Eigentor.“
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Wenn Daniel stundenlang unterwegs ist, geht es für ihn weniger um philosophische Fragen als vielmehr um das Abenteuer. Er nutzt die Rennen in fernen Ländern, um die Gegend bewusst aufzusaugen. „Ich genieße die Natur und die fremden Orte, an denen ich laufen darf“, erzählt er. Es ist die pure Lust am Entdecken, die ihn vorantreibt.
Doch dieses Abenteuer hat seinen Preis. Daniel macht kein Geheimnis daraus, dass er Momente erlebt, in denen er glaubt, es nicht mehr zu schaffen – Augenblicke, in denen der Körper eigentlich streikt. Wenn man ihn fragt, was er in so einem Moment tut, ist seine Antwort entwaffnend ehrlich: Er setzt sich hin und macht eine Pause. Er kämpft nicht verbissen gegen den Schmerz an, sondern akzeptiert ihn als Teil des Weges. Nach den Rennen ist die Erschöpfung dann oft absolut und tief. Aber genau diese Kombination aus Grenzerfahrung und dem Erleben der Welt macht für ihn den Reiz aus
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Zur Person
Der 42-jährige Daniel Jung lebt heute in Naturns, ist aber auf einem Bauernhof in Latsch aufgewachsen, wo schon früh der Grundstein für seine Liebe zum Bergsteigen gelegt wurde. Bevor er seine Leidenschaft für das Trailrunning zum Beruf machte, arbeitete er unter anderem als Elektriker, Saunameister und Bikeguide. Heute ist er der erste Südtiroler, der sich als Profi in der Weltspitze des Ultratrail-Sports etabliert hat.
Zu seinen größten sportlichen Erfolgen zählt der Sieg bei der legendären La Diagonale des Fous auf La Réunion (2021). Zudem gewann er prestigeträchtige Rennen wie den Tor des Dret im Aostatal (2023), den Ultra Trail Snowdonia in Wales (2024) und mehrfach das Südtirol Ultra Skyrace. International sorgte er zudem mit einem zweiten Platz beim Hong Kong 100 sowie einem vierten Platz beim extrem harten Hardrock 100 in den USA für Aufsehen. Ein persönlicher Meilenstein war zudem seine Rekordbegehung des Berliner Höhenwegs, bei der er rund 200 Kilometer und 14.000 Höhenmeter in nur 57 Stunden bewältigte.
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Daniel ist auf einem Bauernhof in Latsch aufgewachsen. „Ich war schon als Kind mit meinem Opa am Berg oben, um im Sommer die Kühe zu hüten. Er hat gesagt: Daniel, hol du die Viecher. Das ist mir in die Wiege gelegt worden.“ Er saß nie vor dem Computer, er spielte „Fangen und Verstecken“. Heute, mit 42, hat er keinen Trainer und keinen Plan. Er macht Skitouren, steigt auf Berge, fährt Rad. „Ich bin seit 42 Jahren unverletzt. Das ist für mich das Wichtigste.“ Er macht sein Ding, auch wenn ihn manche belächeln. „Ich würde es genau gleich wieder machen.“
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La Réunion: Sein größter Erfolg
Wenn Daniel über seinen größten Erfolg spricht, landet er unweigerlich auf der Insel La Réunion. Die „Diagonale der Verrückten“ – 170 Kilometer durch den Dschungel, 10.000 Höhenmeter, keine Stöcke. Für Daniel war diese Insel mehr als nur ein Sieg; sie war der eigentliche Startschuss zu seiner Karriere als Ultratrailrunner. 2015 war er das erste Mal dort, fast zufällig im Urlaub, und war im Ziel so zerstört, dass er schwor: „Ich laufe nie mehr Ultra. Ich lasse den Scheiß.“
Wir geben nicht auf. Wir finishen das für Andrea.
Aber genau dieser Moment des totalen Ausnahmezustands wurde zum Fundament. Die Insel ließ ihn nicht los. 2021 kehrte er zurück, um für seine verstorbene Freundin und Kollegin Andrea Huser zu laufen. „Ich habe vor dem Rennen zu meinem Freund Luca, der mich begleitet hat, gesagt: Wir geben nicht auf. Wir finishen das für Andrea.“ Bei Kilometer 100 wollte sein Körper nicht mehr. Daniel setzte sich 15 Minuten hin, sammelte seine Geister und lief weiter zum Sieg.
Ich habe nicht oft geweint in meinem Leben, aber da im Ziel habe ich geweint.
Es war ein Erfolg, den er mit einem Grand Slam im Tennis vergleicht. Weltweit gibt es vier dieser legendären Rennen, die alles überstrahlen: der UTMB am Mont Blanc, der Western States und der Hardrock 100 in Amerika und eben die Diagonale auf La Réunion. Daniel hat eines davon gewonnen. „Ich habe nicht oft geweint in meinem Leben, aber da im Ziel habe ich geweint“, sagt er leise. Es war der emotionalste Moment seiner Karriere. Natürlich reizt es ihn, dieses Abenteuer noch einmal zu suchen, aber die Skepsis bleibt „Ich denke mir, es wird nicht mehr so, es kann nicht mehr so werden wie damals. Deshalb ist es vielleicht besser, ich lasse das so stehen.“
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Daniel weiß, dass er nicht ewig „Serie A“ laufen kann. Er denkt bereits an die Zeit danach. „Ich möchte dem Sport treu bleiben, vielleicht als Trainer, in der Jugendbetreuung oder im Management.“ Er will seine Erfahrung weitergeben, um die Jungen davor zu bewahren, ihren Körper zu früh „auszubrennen“.
Wenn sie gemeinsam reisen, dann richtig – ohne Startnummer, nur als Paar.
In all dem Trubel ist sein Umfeld sein Anker. Seine Frau unterstützt ihn bedingungslos, doch bei den großen Auslandsrennen sieht man sie selten an der Strecke. „Wenn ich bei einem Wettkampf bin, will ich mich konzentrieren. Wir hätten vor Ort eigentlich nichts voneinander.“ Wenn sie gemeinsam reisen, dann richtig – ohne Startnummer, nur als Paar.
Das Gespräch in der Bibliothek endet. Daniels Freunde warten. Er wirkt nicht wie einer, der vor dem Leben davonläuft. Im Gegenteil: Er scheint im Extremen genau die Bodenständigkeit gefunden zu haben, die anderen im Alltag verloren geht. Er verabschiedet sich mit einem festen Händedruck. Er geht jetzt laufen. Nicht weil er muss, sondern weil er es liebt. Er lebt seinen Traum, und man glaubt ihm jedes Wort.
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