Tempo Libero | Kräuterwissen

Bitter statt Zucker

Zwischen guten Vorsätzen und gut gefüllten Keksdosen: Der Januar beginnt für viele mit leisem, inneren Verhandeln. Ab jetzt wird alles anders.
Das Tausendgüldenkraut hat es in sich
Foto: Tamara Seyr
  • Doch noch ein Plätzchen? Das allerletzte aber. Ich kann die ja nicht wegschmeißen. Also gut. Die werden noch aufgegessen – und dann starten wir mit dem Zuckerverzicht zu Neujahr halt einen Tag später. Oder zwei. Oder am Montag. Spätestens.

     

    Unser Körper braucht auch Bitterkeit

     

    Der Januar beginnt für viele mit diesem leisen inneren Verhandeln. Zwischen guten Vorsätzen und gut gefüllten Keksdosen, zwischen dem Wunsch nach Neubeginn und dem Bedürfnis nach Trost. Süßes hilft dabei kurzfristig erstaunlich gut. Es wärmt, beruhigt und belohnt. Doch genau in dieser Phase meldet sich der Körper oft mit einem anderen Wunsch – weniger Zucker, dafür mehr Klarheit. Und genau hier lohnt sich ein Perspektivwechsel: Vielleicht braucht unser Körper im Winter gar keinen Zucker – sondern Bitterkeit.

  • Die Autorin

    Tamara Seyr ist FNL Kräuterexpertin und Heilpraktikerin. Sie beschäftigt sich oft und auch lange (und oft auch ganz, ganz lange) mit den Kräutern und allem was dazu gehört. Das sind nicht nur die botanischen Namen, die Familienzugehörigkeit und die Inhaltsstoffe, sondern auch die Signaturenlehre.

    Instagram: @lieblings_kraeuter

    Ihr neues Buch heißt „Kräuterzwillinge“, ihr Erstlingswerk:„Klugscheißerwissen Kräuter“.

    Foto: Tamara Seyr
  • Der vergessene Geschmack der Warnung

    Bitterstoffe sind der Geschmack, den wir verlernt haben. Evolutionär betrachtet sind sie ein Warnsignal: Achtung, hier ist etwas Starkes drin. Und genau diese Stärke ist es, die unserem Stoffwechsel nach den üppigen Wochen rund um Weihnachten wieder Orientierung gibt. Bittere Kräuter wirken nicht über schnellen Kick, sondern über ehrliche Kommunikation mit dem Körper.

  • Wenn der Körper auf Bitter hört

    Sobald Bitterstoffe auf der Zunge landen, passiert mehr als nur Geschmack. Rezeptoren im Mund, im Magen und sogar im Darm reagieren auf den bitteren Reiz. Das Gehirn bekommt die klare Ansage: Verdauung bitte starten. In der Folge werden Magensäure, Gallenflüssigkeit und Verdauungsenzyme ausgeschüttet, die Bauchspeicheldrüse kommt in Gang, die Leber wird aktiviert. Bitterkeit ist damit kein Wellnessgeschmack, sondern ein biologischer Weckruf.

  • Bitter gegen die Lust auf Süß

    Spannend ist der Zusammenhang zwischen Bitterstoffen und Zuckerverlangen. Wer regelmäßig Bitteres in den Alltag integriert, stellt oft fest, dass die Lust auf Süßes nachlässt. Nicht aus Willenskraft, sondern aus Regulation. Bitterstoffe können helfen, Blutzuckerschwankungen abzufedern und das feine Zusammenspiel zwischen Hunger, Sättigung und Energiebedarf wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Der Körper wird ruhiger – und klarer in seinen Signalen.

  • Was uns die moderne Ernährung abgewöhnt hat.

    Dass Bitterkeit heute aus unserer Ernährung fast verschwunden ist, hat viel mit moderner Lebensmittelproduktion zu tun. Gemüse wurde über Jahrzehnte auf Milde gezüchtet, Bitterkeit galt als unerwünscht. Was dabei verloren ging, ist nicht nur Geschmack, sondern auch ein wichtiger physiologischer Impuls. Bitterstoffe sind keine Nährstoffe im klassischen Sinn, aber sie sind Schaltstoffe: kleine Reize mit großer Wirkung.

  • Die starken Pflanzen hinter dem bitteren Geschmack

    Typische Bitterkräuter wie Wermut, Enzian oder Tausendgüldenkraut sind alles andere als sanft im Geschmack. Und genau darin liegt ihre Kraft. Wermut unterstützt Leber und Galle und spielt eine wichtige Rolle bei der Fettverdauung. Enzian zählt zu den bittersten Pflanzen Europas und wird traditionell bei Appetitlosigkeit, Völlegefühl und allgemeiner Verdauungsschwäche eingesetzt. Das unscheinbare Tausendgüldenkraut wiederum gilt als klassisches Stärkungsmittel für den gesamten Verdauungstrakt und wird auch bei Erschöpfung und Rekonvaleszenz geschätzt.

  • Eine Einladung statt ein Vorsatz

    Der Januar ist daher ein guter Zeitpunkt, Bitterkeit wieder Raum zu geben. Nicht als Selbstoptimierungsmaßnahme, sondern als Einladung zu mehr Ehrlichkeit – im Geschmack wie im Körpergefühl. Bittere Kräuter erinnern daran, dass Gesundheit nicht immer süß schmeckt, aber nachhaltig wirkt.

  • Weniger ist mehr

    Wichtig ist der bewusste Umgang: Bitterkräuter entfalten ihre Wirkung bereits in kleinen Mengen. Ein Schluck Bittertee vor dem Essen, ein paar Tropfen Tinktur auf der Zunge oder ein klassischer Bitter nach dem Essen reichen aus. Es geht nicht um Intensität, sondern um Regelmäßigkeit.

  • Klarheit statt Perfektion

    Vielleicht ist der Winter also nicht die Zeit für Verzicht, sondern für Klarheit. Bitter statt Zucker bedeutet nicht, sich etwas wegzunehmen, sondern dem Körper zuzuhören. Und der meldet sich im Januar oft mit einer überraschend einfachen Botschaft: Weniger Ablenkung. Mehr Tiefe.

    Ich fange dann morgen an, den Zucker zu verbannen. Wirklich. Meine Katzen verdrehen bereits die Augen, weil sie wissen, wie das endet. Aber vielleicht liegt genau darin die Chance: weniger Perfektion, mehr Ehrlichkeit. Und zur Not ein Schluck Bitter.