Oh! Triest
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„Nur in Triest war ich nicht fremd.“Ex libris
Questo estratto dal libro di Maria Kampp fa parte del formato „Ex libris“ su SALTO.
Dieser Auszug aus dem Buch von Maria Kampp ist Teil des Formats „Ex libris“ auf SALTO.
Der Name ist wie eine Melodie. Es spielt keine Rolle, ob Sie ihn auf der ersten oder auf der zweiten Silbe betonen. In Triest ist Bewegung drin, ganz viel Verheißung und immer auch ein bisschen Verzweiflung. Wer nach Triest fährt, erwartet sich einiges: Habsburgnostalgie, Kaffeehausromantik, Adriaschmelz, Literaturverliebtheit und Segeltörn. Und liegt damit nicht falsch. Wenn nur die Realität nicht wäre! Bei meinem ersten Besuch vor über 15 Jahren war ich irritiert. Triest kam mir so gar nicht italienisch vor – und österreichisch erst recht nicht. Die Bora drohte mich wegzuwehen, die Straßenzüge wirkten erhaben distanziert, fast hochmütig, ein echter Strand war weit und breit nicht zu sehen. Triest ist schonungslos ehrlich und immer bereit, unsere Illusionen über Bord zu werfen. Und wenn wir dann endlich die raue, abgeklärte Wirklichkeit zu akzeptieren bereit sind, erfüllt die Stadt unsere kühnsten Erwartungen.
Triest will sich nicht festlegen, zeigt sich in immer neuer Form und Farbe.
Über die Jahre sind Triest und ich warm miteinander geworden, staunen und mich wundern tu ich bis heute. Die Stadt gibt hartnäckig Rätsel auf und geizt nicht mit Verlockungen. Sie alle aufzuzählen, geschweige denn zu erzählen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit, doch ich möchte Sie mitnehmen auf eine Reise in „mein“ Triest. Es gibt für mich kaum einen Ort in Italien, wenn nicht in Europa, der sich dem oberflächlichen Zugang gekonnter entzieht als diese merkwürdige, brillant schöne Stadt an der Adria. Triest will sich nicht festlegen, zeigt sich in immer neuer Form und Farbe, je nach politischer Großwetterlage, Jahreszeit, Sonnenstand und – ganz wichtig! – Ihrer persönlichen Befindlichkeit. Mehr Momentaufnahme geht nicht. Klischees haben eine diebische Freude daran, einander auszustechen – und sich plötzlich davonzumachen, wenn Sie ihnen zu nahekommen. Alt österreichische Nostalgie trifft auf italienisch gefärbte Grandezza.
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Nirgendwo sonst zeigt Triest sich so ungerührt von Versu chen, sich auf irgendetwas festlegen zu lassen, wie auf der Piaz za Unità d’Italia: Foto: Maria KamppEine kosmopolitisch-urbane Atmosphäre vereint sich mit sprichwörtlicher Provinzialität. Die italienische Seele trifft sich zum Kaffeeklatsch mit der österreichischen und der slawischen. Sich anzubiedern haben weder Triest noch seine Menschen nötig. Sie werden Ihnen stets höflich begegnen, ohne Pomp, dafür aufrichtig und zugewandt. Die vierte Seele im Bunde hält sich dezent im Hintergrund, ist aber stets präsent: Europa. In Triest leben Menschen aus allen Ecken und Winkeln des Kontinents und des Globus. Sie machen Triest zu einer der sichersten Städte Europas, zum international renommierten Forschungsstandort und sorgen dafür, dass es fest verankert bleibt in unserer komplizierten, widersprüchlichen Gegenwart. Nicht umsonst nannte James Joyce seine Wahlheimat Europiccola. Egal wo Sie sitzen, gehen oder stehen, Sie werden sie spüren, die Seelen dieser Stadt, ihre Widersprüche, Ambivalenzen und Koexistenzen. Hier zu sein bedeutet auch, sich selbst anzuschauen und die inneren Widersprüchlichkeiten freizulegen. Das ist manchmal beunruhigend, oft erheiternd, immer faszinierend. Und bitte wundern Sie sich nicht, wenn man Sie fragt, woher Sie kommen und warum Sie überhaupt da sind. In Triest begegnen Sie der Bereitschaft Ihres Gegenübers, herauszuhören, wer Sie sind, und das ganz zwanglos. „Nur in Triest war ich nicht fremd“, schrieb die Lyrikerin Ingeborg Bachmann. Lassen Sie uns herausfinden, was sie damit meinte.
Zur PersonMaria Kampp, geboren 1977, studierte in Heidelberg und Cambridge, promovierte in London und lebt seit 2011 in Südtirol. Verona war zwei Jahre lang ihr Zuhause, eine Liebe auf den ersten Blick, und bringt ihr Herz bis heute zuverlässig zum Schmelzen. Sie schreibt u. a. fürs Theater, Kabarett und, als ausgebildete Sommelière, für ein Weinmagazin.
PASTICCERIA GIORGI
In der Pasticceria La Bomboniera erhalten Sie in der Atmosphäre des 19. Jahrhunderts neben Torten auch typisch triestinische Kaffeespezialitäten.: Foto: Maria KamppKulinarisch zeigt Triest sich divers. Fischgeschäfte sind ebenso häufig zu finden wie Metzgereien, um die Gunst des Tellers konkurrieren Pizza und Pasta mit Kren und Sauer kraut. Im Fischrestaurant gibt’s heute Miesmuscheln, nebenan im Buffet steht Schweinshaxe auf dem Programm. Vegetarisch Lebende haben es etwas schwerer in dieser Stadt als anderswo, ich weiß, wovon ich spreche. Den kulinarischen Archipel der Stadt auf einen Nenner zu bringen, wäre unmöglich, gäbe es nicht die Mehlspeisen, die alle an denselben Tisch locken.
Man ist stolz auf die specialità mitteleuropee.
Kohlenhydratverächter müssen tapfer sein, in süßen Angelegenheiten zeigt sich Triest tatsächlich als „Wien am Meer“. Kugelhupf (ja, mit „K“), Sacher, Linzertorte, Biskuitrouladen so weit das Auge reicht. Man ist stolz auf die specialità mitteleuropee. Zum Beispiel auf die Torte Rigó Jancsi, cremig, schokoladig und Ihren Cholesterinwerten garantiert nicht zuträglich. In Triest kennt ihre Geschichte jedes Kind. Deshalb gehört sie hierher, auch wenn deren Protagonisten hier nie etwas verloren hatten. Ende des 19. Jahrhunderts verliebten sich Clara Chimay (1873–1916) und der berühmte ungarische Geiger Jancsi Rigó (1858–1937). Clara war Tochter eines Millionärs aus Michigan und soll eine eigensinnige Person gewesen sein, die sich gegen die Moralvorstellungen ihrer Zeit auflehnte.
Von Nobel-Internaten in London und Paris verwiesen, kassierte sie auf der italienischen Klosterschule ebenfalls einen Rauswurf. Ihre Mutter verheiratete sie kurzerhand mit dem belgischen Prince de Caraman Chimay. Als Society-Lady wurde Clara die Ehre zu teil, dass der Pariser Meisterkoch Auguste Escoffier zwei Gerichte nach ihr benannte. Doch dies änderte nichts daran, dass Clara mit einem Stargeiger zusammenleben wollte. Das Paar lebte nahe Lüneburg, während die Klatschspalten über sie unter der Überschrift „Gone With a Gypsy“ berichteten. Es zirkulierten zahlreiche Postkarten des Paars, Henri de Toulouse-Lautrec verfertigte 1897 eine Lithografie der beiden, genannt „Idylle Princière“. Nach drei Jahren erfolgte die Trennung, Clara heiratete zwei weitere Male, bevor sie sich Alter von 43 Jahren nahe Padua erschoss. Ihr Leben war sogar der New York Times einen Nachruf wert, und wenn das keine eigens kreierte Torte verdient, weiß ich auch nicht weiter. Ob wohl ich es befremdlich finde, dass die Torte nicht nach Clara, sondern nach ihrem Lover benannt wurde.
Ein goldener weicher Laib, ganz gelb vom vielen Ei und nicht zu süß.
Weniger mondän, doch umso köstlicher geht es in der Pasticceria Giorgi zu. Hier kaufen eher Locals ein als Touristinnen. Im 1953 gegründeten Familienbetrieb enthüllt sich Triests Multiethnizität mit Hefe und Butter. Lassen Sie Ihre Zurückhaltung fahren, begeben Sie sich in den Dienst der Genusswissenschaft! Die Pinza triestina ist eigentlich ein Ostergebäck, doch ganzjährig erhältlich. Ein goldener weicher Laib, ganz gelb vom vielen Ei und nicht zu süß. Ebenfalls ein Ostergebäck ist die aus Slowenien stammende gefüllte Putizza. Der Presnitz wiederum besteht u. a. aus Nüssen, Mandeln und getrockneten Früchten, die in ei ne dünne Schicht Blätterteig gewickelt sind.
Multikulti und kosmopolitischer Geist waren hier immer schon Alltag. Eingerahmt von Karst und Adria (und einer Staatsgrenze!) bedeutet Triest dennoch grenzenlose Weite und zaubert so lange Identitäten aus dem Hut, bis uns schwindelt: Stadt der Literatur, des Kaffees, der Habsburger? Die große alte Dame lächelt, gehört sie doch niemandem und allen: den Exilanten und Migrantinnen, Österreicherinnen, Slowenen, Italienern, Fischern und Forschenden, Literaten, Hafenarbeitern und Monarchistinnen. Hier wetteifern Miesmuscheln und Sauerkraut um die Teller, aber warum baden Männer und Frauen getrennt? Und was haben Bügeleisen in den Manteltaschen von Kindern verloren?
Das Buch Oh! Triest von Maria Kampp ist im Folio Verlag erschienen.
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