Grenzwertiges Europa
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„Deswegen sitzen wir drei alle hier, weil wir eigentlich ein und dasselbe Anliegen haben. Nämlich, dass man von diesem Fluch der Grenze wegkommt. Denn das ist für mich das Hauptproblem der EU“, meint der Schrifsteller Ilija Trojanow gegen Ende dieser Podcastfolge. Trojanow, geboren 1965 in Sofia, war mit seiner Neuerscheinung Das Buch der Macht Ehrengast der Bücherwelten 2026.
Auch Katia Anguelova kommt aus Bulgarien, Mittlwereile lebt sie in Mailand, wo sie seit 2020 Co-Direktorin des Kunstverein Milano ist. 2019 leitete sie den bulgarischen Pavillon der 58. Biennale von Venedig. In Bozen ist sie immer wieder im Rahmen des von der Kulturplattform Lungomare federführend geleiteten europäischen Ausstellungsprojekts Through the Prism of Borders, das noch bis Anfang Feburar an verschienenen Orten der Landeshauptstadt zeitgenössische Kunst zum Thema Grenzen ausstellt. Dazu wurde eine aufwendige Publikation gestaltet. Mit viel Liebe, Poesie und europäischer Literatur.
Um Literatur kümmert sich auch der in Bozen und mittlerweile in Rovereto wohnhafte Autor und Übersetzer Stefano Zangrando. Sein neuer Roman I padri si saltano ist seit wenigen Tagen auf dem Buchmarkt.
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Neben der Vorstellung der Publikation Through the Prism of Borders, Ausführungen zur Künstlerin Esra Ersen, deren unglaublich faszinierende Arbeit derzeit im Stadtmuseum in Bozen zu besichtigen ist, spannt die aktuelle Ausgabe der Streitergasse einen Bogen nach Bulgarien und in die Geschichte des Landes. Ilija Trojanow beschäftigte sich in seinem Buch über Machtstrukturen mit dem Autor Stojan Michailowski und hebt die radikale Aktualität des Textes hervor. Was hat sein Held mit Machthabern wie Trump, Putin und Orban gemein?
Die radikale Veränderung muss beinhalten, dass wir die ganzen sozialen Medien vergesellschaftlichen, da sie sozusagen in den Händen von Profitmaschinen sind, die alles Negative verstärken.
Ein zentrales Thema ist auch das Verschwimmen von Satire und Realität in der Gegenwart. Trojanow beschreibt, wie politische Reden – etwa aus den USA – satirischer wirken als jede Parodie, jedoch mit tödlichem Ernst vorgetragen werden. Die klassische Unterscheidung zwischen Tragödie und Farce greife nicht mehr, sagt er, vielmehr entsteh eine gefährliche Mischung aus beidem. -
Autor und Übersetzer Stefano Zangrando erzählt zu seinen Roman I padri si saltano. Darin verbindet er biografische Elemente mit Fiktion, um Fragen von Herkunft, Erinnerung und Identität zu erkunden. Im Zentrum stehen zwei Figuren, deren Begegnung eine Erzählung über Familie, Selbstentwurf und den Wunsch nach Verschwinden auslöst.
Und was, wenn einer behauptet, ich komme nicht von da her, sondern lieber von dort her?
Im Anschluss geht es im Gespräch um Grenzen und Europa. Und auch um die Persepektive Trojanows auf das Kunstprojekt, welches in Bulgarien, an der Grenze Tschechien/Polien, als auch in Bozen angesidelt ist. „Erst im Nachhinein werden Grenzen gezogen“, sagt Trojanow, „die sich dann natürlich übergriffig über die Geschichte aufstülpen. Deswegen sind solche Kunstprojekte die einzigen, die Südosteuropa überhaupt noch adäquat darstellen können, weil die nationale Geschichtsschreibung oft aus monumentalen Verfälschungen besteht: Die heutigen nationalen Grenzen werden als absolut gesetzt und rückwirkend bis in die tiefsten Schichten der Geschichte projiziert. Und das ist, glaube ich, das Entscheidende.“ -
Abschließend wird ein Gedanke des mittelalterlichen Mystikers Hugo von St. Viktor zitiert: Wirklich frei sei nur, wer sich von der Fixierung auf Heimat und Identität lösen könne. Diese Perspektive widerspricht aktuellen identitätspolitischen Verhärtungen und eröffnet ein Verständnis von Zugehörigkeit, das auf Offenheit statt Abgrenzung beruht.
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Es diskutieren in der Streitergasse:
Ilija Trojanow, Schrifsteller und Verleger
Katia Anguelova, Kuratorin
Stefano Zangrando, Autor und Übersetzer
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Zur Folge - all'episodio:
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Gesamte Serie - la serie completa:
In der Streitergasse - Die aktuelle Debatte auf SALTO
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SALTO change im Januar
Im Januar dreht sich bei SALTO change alles um die Frage, wie Menschen Räume nutzen, gestalten und wahrnehmen – und welche gesellschaftlichen Folgen daraus entstehen. Dabei werden Themen wie Landschaftsschutz, Tradition, Tourismus und Stadtentwicklung behandelt.
Wir berichten über aktuelle Konflikte in Südtirol, etwa touristische Übernutzung, Entwicklungen in Brixen und Bozen sowie Fragen zu öffentlichem Raum, Wohnen und Ortsidentität. Ergänzt wird dies durch Beispiele gelungener Umnutzung und Initiativen wie „HouseEurope“, die für nachhaltiges Bauen eintreten.
Den Abschluss bildet eine SALTO Talk im Bozner Kulturwohnzimmer Carambolage. Dabei geht es um die Zukunft der Stadt Bozen und die Frage, wie lebenswerter Stadtraum für alle gestaltet werden kann.
SALTO change Partner des Monats ist der Heimatpflegeverband Südtirol, der sich intensiv mit Raumqualitäten und -nutzung beschäftigt und eine der bedeutendsten Organisationen der Südtiroler Zivilgesellschaft ist.
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