Ein paar Minuten Pflege
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„Man kann Pflege nicht in Minuten zählen“, betont Maria Elisabeth Rieder vom Team K im Gespräch mit SALTO zu den zentralen Problemen im derzeitigen System der Pflegeeinstufung, insbesondere im Zusammenhang mit Befragungen und Bewertungen von pflegebedürftigen Menschen. „Vor einigen Monaten habe ich dazu einen Beschlussantrag eingebracht“, sagt sie. „Und was ist passiert? Nichts!“
Die Pflegeeinstufung erfolgt meist über standardisierte Fragebögen, die von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angewendet werden. „Während diese Befragung für die Betroffenen eine einmalige und oft belastende Ausnahmesituation darstellt“, unterstreicht sie, „ist sie für das Personal tägliche Routine.“ Daraus ergebe sich ein Ungleichgewicht, das dazu führe, dass mit zunehmender Anzahl an Befragungen pro Tag der wichtige empathische und verständnisvolle Zugang verloren gehe. „Mehrfach wurde mir berichtet“, erzählt sie weiter, „dass sich Betroffene bei diesen Erhebungen wie Personen fühlen, die um etwas bitten müssen, das ihnen eigentlich zusteht – was als entwürdigend und belastend empfunden wird.“
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Das Pflegesystem Südtirol kommt einfach nicht ins Rollen: Besonders dringend ist die Überarbeitung der Fragebögen zur Ermittlung der Pflegestufe. Rieder: „Man kann Pflege nicht in Minuten zählen“. Foto: BeatriceBB/PixabayEin weiteres Problem bestehe darin, dass ältere Menschen bei solchen Erhebungen häufig versuchen, so Rieder, „sich von ihrer besten Seite zu zeigen und wohl aus Scham oder Stolz anzugeben, dass sie Tätigkeiten noch selbstständig ausführen können, obwohl dies nicht mehr ganz der Realität entspricht.“ Für pflegende Angehörige, die den Alltag miterleben – Rieder berichtet dabei auch von eigenen Erfahrungen mit ihren beiden mittlerweile verstorbenen Eltern –, sei es oft schwierig, die tatsächliche Pflegesituation korrekt darzustellen und gegen diese Selbstdarstellung anzukommen.
Ankündigungen zur Reform des Systems bleiben bislang folgenlos, was den Frust bei Betroffenen und Angehörigen weiter verstärkt.
Zusätzlich würden die langen Wartezeiten die Situation erheblich verschärfen. Trotz öffentlicher Ankündigungen seitens der zuständigen Landesrätin im Spätsommer des vergangenen Jahres, wonach Verbesserungen in Aussicht gestellt wurden, sei laut Rieder bislang keine spürbare Veränderung eingetreten. Im September habe sie einen Beschlussantrag im Landtag eingebracht, der unter anderem die Einrichtung von Notfallteams zur rascheren Abarbeitung der bestehenden Fälle vorsah.Als möglichen Lösungsansatz habe sie vorgeschlagen, in Zusammenarbeit mit dem Sanitätsbetrieb vorhandenes Personal über Zusatzstunden einzubinden oder flexible Teams einzurichten. Der Antrag sei jedoch mit dem Hinweis abgelehnt worden, dass bereits an Lösungen gearbeitet werde. Passiert sei seitdem nichts, ärgert sich Rieder. „Ankündigungen zur Reform des Systems bleiben bislang folgenlos, was den Frust bei Betroffenen und Angehörigen weiter verstärkt.“
Die derzeitigen Bewertungsinstrumente werden der komplexen Pflegewirklichkeit nicht gerecht.
Besonders dringend sei die Überarbeitung der bestehenden Fragebögen. „Die derzeitigen Bewertungsinstrumente, die in wenigen Minuten angewendet werden, werden der komplexen Pflegewirklichkeit nicht gerecht“, sagt sie. Dies gelte in besonderem Maße für Menschen mit Demenzerkrankungen sowie für Kinder mit Pflegebedarf, aber auch für andere Krankheitsbilder.
„Pflege ist vielschichtig, individuell und abhängig von zahlreichen Faktoren“, betont die Abgeordnete des Team K. Ihr zentraler Wunsch sei es daher, „dass den zahlreichen Ankündigungen endlich konkrete Maßnahmen folgen – insbesondere eine umfassende Überarbeitung der Fragebögen und eine spürbare Entlastung für pflegende Angehörige.“
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„sich von ihrer besten Seite…
„sich von ihrer besten Seite zu zeigen und wohl aus Scham oder Stolz anzugeben, dass sie Tätigkeiten noch selbstständig ausführen können, obwohl dies nicht mehr ganz der Realität entspricht.“
Stimmt, kenn ich bestens.
Aber es gibt auch ganz schòn oft das perfekte Gegenteil, Oskar-reife Darstellungen um mehr Punkte zu bekommen.
„Kann er sich kämmen? Nein?…
„Kann er sich kämmen? Nein? Wie oft am Tag wird er gekämmt? Wie lange dauert das jeweils? In Minuten?“ Und so weiter.
Ich finde dass die Qualität…
Ich finde dass die Qualität von Pflegegeldeinstufungen und auch Invaliditätspensionsbegutachtungen verbessert werden müsste.
Um ein aussagekräftiges Assessment zu erheben, braucht man relativ lange. Für das Geld, das man für eine Pflegegeldeinstufung bekommt, kann man das aus meiner Sicht nicht systematisch in einer hohen Qualität gewährleisten, weil sich das in der vorgesehenen Zeit einfach nicht ausgeht. Ich habe im letzten Frühling nachdem ich gekündigt habe kurz überlegt, sowas zu machen und mich aufgrund der Rahmenbedingungen dagegen entschieden, weil ich für mich entschieden habe, in der vorgesehenen Zeit meine eigenen Qualitätsstandards nicht einhalten zu können. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur langsam oder unfähig, wer weiß...