Cronaca | Energiearmut

Energie kostet, nicht alle können zahlen

Als in den Jahren 2021 bis 2023 die Energiepreise explodiert sind, kamen viele ältere Menschen zu den Schaltern der Gewerkschaft.
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(C) Adriano Baldessari
Foto: (C) Adriano Baldessari
  • Sie wollten wissen, wie sie mit den horrenden Strom- und Gasrechnungen umgehen sollten. Eine Frage stand dabei immer im Raum: Warum sind die Energiepreise in Südtirol so hoch, obwohl das Land fast doppelt so viel Wasserkraft produziert, wie es selbst verbraucht? Eine einfache Antwort darauf zu finden ist schwer. Die Mechanismen der europäischen Strommärkte, die Preisbildung, die internationalen Verflechtungen – all das für Außenstehende kaum durchschaubar. 

    Der Preisschock jener Jahre hat jedoch ein Problem sichtbar gemacht, das schon lange existiert, aber im Verborgenen geblieben ist: die Energiearmut. Es handelt sich dabei nicht um ein Randphänomen. In ganz Italien waren zuletzt rund 2,4 Millionen Haushalte von Energiearmut betroffen. Für die Region Trentino-Südtirol geht man von etwa 55.000 Haushalten aus, was ungefähr 122.000 Personen entspricht. Hinter diesen nüchternen Zahlen stecken aber Menschen die Hilfe brauchen.

    Energiearmut entsteht aus dem Zusammenspiel von drei Faktoren: einem niedrigen Haushaltseinkommen, hohen Energiekosten und einer mangelhaften energetischen Qualität der Wohnung. Wer wenig verdient, in einem schlecht gedämmten Altbau lebt und demnach hohe Heizkosten hat, gerät schnell in eine Lage, in der die Energierechnung einen unverhältnismäßig großen Teil des Einkommens verschlingt, außer man dreht die Heizung zurück. Das Italienische Observatorium für Energiearmut (OIPE) schätzt, dass allein in Italien rund 1,2 Millionen Haushalte so wenig ausgeben, dass davon auszugehen ist, dass sie schlicht auf Heizung verzichten – weil sie es sich nicht leisten können.

    Es trifft vor allem ältere Frauen, häufig verwitwet und alleinlebend, Menschen mit niedrigem Bildungsniveau und geringem Einkommen sowie kinderreiche Familien. Viele von ihnen wohnen in alten, energetisch ineffizienten Gebäuden, was nicht nur Geld kostet. Es macht krank. Studien belegen, dass unzureichende Temperaturen in der Wohnung zu mehr Atemwegserkrankungen, rheumatischen Beschwerden und einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionen führen. Wer arm ist und spart, bleibt zu Hause, zieht sich zurück, verliert den Anschluss.

    Wer arm ist, spart durch Verzicht – er duscht kürzer, heizt weniger, schaltet das Licht früher aus. Wer Geld hat, spart durch Investitionen – eine neue Heizungsanlage, bessere Fenster, eine moderne Waschmaschine. Der erste Weg verschlechtert die Lebensqualität, der zweite verbessert sie langfristig. Dieses strukturelle Ungleichgewicht ist schwer zu überwinden, aber es zeigt, wie wichtig es wäre, gerade einkommensschwachen Haushalten den Zugang zu energetischen Sanierungsmaßnahmen zu ermöglichen.

    In Italien gibt es verschiedene Zuschüsse, die einkommensschwachen Haushalten Erleichterungen bieten. Beide sind an den ISEE-Wert gebunden, was grundsätzlich sinnvoll ist. In diesem Bereich hat er aber auch blinde Flecken, denn dieser berücksichtigt weder die energetische Qualität der Wohnung noch die Klimazone, in der jemand wohnt. Zwischen vielen Tälern in Südtirol und Sizilien liegen klimatisch Welten. Außerdem gelten diese Hilfen nur für Haushalte mit Strom und Gasanschluss. Wer mit Holz oder Pellets heizt, was in Südtirol besonders in der Peripherie weit verbreitet, geht leer aus. 

    Erfreulich ist immerhin, dass ab 2025 die Leistungen automatisch ausbezahlt werden. Wer eine DSU-Erklärung einreicht und unter die Einkommensgrenze fällt, erhält die Förderung ohne eigenen Antrag. Das war eine langjährige Forderung der Gewerkschaft und ein wichtiger Schritt, weil in der Vergangenheit viele Berechtigte den Bonus gar nicht beantragt haben sei es aus Unwissenheit, wegen bürokratischer Hürden, aus Scham oder weil die Beträge so gering waren, dass sich der Aufwand kaum lohnte.

    Auf europäischer Ebene rückt das Thema ebenfalls stärker in den Fokus. Die EU hat mit dem Sozialen Klimafonds ein Instrument geschaffen, das mit 65 Milliarden Euro ausgestattet ist und im Zeitraum 2026 bis 2032 gezielt jene Menschen unterstützen soll, die von den sozialen Folgen des Klimawandels und der Energiewende besonders betroffen sind. Der Zugang zu Energie gilt als ein Grundrecht. Diese Gelder sollten einer gerechten Klimapolitik zugutekommen um auch die Schwächsten mitnehmen. Sonst scheitert diese nicht nur sozial, sondern auch politisch.

    Für Südtirol bedeutet das konkret: Es braucht zusätzliche Investitionen in die energetische Sanierung von Altbauten, vor allem in den peripheren Gemeinden, wo die Winter kalt sind und wo viele ältere Menschen wohnen, die seit Jahrzehnten in denselben Häusern leben. Vorrang sollten dabei Erstwohnungen von ansässigen Familien haben und nicht Zweitwohnungen als Spekulationsobjekte. Und es braucht ein integriertes Vorgehen, das Energiepolitik und Sozialpolitik miteinander verknüpft, lokale Maßnahmen mit europäischen Rahmenbedingungen verzahnt und nicht bei einer einzigen Fördermaßnahme stehen bleibt. Energiearmut lässt sich nicht mit einem einzigen Hebel bekämpfen. Sie verlangt Geduld, Koordination und den politischen Willen, das sichtbar zu machen was bisher unsichtbar war. 

    Alfred Ebner