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An den Wurzeln der Armut

Das Armutsnetzwerk - Rete contro le povertà bündelt Kräfte aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung, um Armut früh zu erkennen, strukturell zu bekämpfen und vorzubeugen. Wie das Südtiroler Netzwerk politisch wirksam werden will.
Dachverband
Foto: Alexander Larch
  • Südtirol gilt vielen als Wohlstandsregion. Umso leichter bleibt unsichtbar, dass Armut auch hier Realität ist – in ganz unterschiedlichen Formen: als finanzielle Unsicherheit trotz Arbeit, als fehlender Zugang zu leistbarem Wohnraum oder zur Bildung und Kultur, als Isolation, als prekäre Übergänge zwischen Ausbildung, Job und Familie, als Altersarmut. Genau hier setzt die „Rete contro le povertà / Armutsnetzwerk“ an: ein Zusammenschluss von Organisationen der Zivilgesellschaft und öffentlichen Akteuren, der Armut nicht als Randthema behandelt, sondern als Querschnittsaufgabe.

    Die Grundidee ist so einfach wie anspruchsvoll: Armut soll früher erkannt, besser verhindert und gemeinsam bekämpft werden – nicht nur durch Einzelmaßnahmen, sondern über koordinierte Zusammenarbeit verschiedener gesellschaftlicher Bereiche hinweg. Die Initiative formuliert das Ziel, das Problem „an der Wurzel“ anzugehen und konkrete Impulse für bessere Armutsprävention in Südtirol zu geben. Es genügt nicht, Armut nur punktuell zu lindern. Es braucht Strukturen, die Bildung, Arbeitswelt, Wohnen, Grundversorgung, Beratung, soziale Beziehungen und politische Entscheidungen zusammendenken.

  • Wozu ein Netzwerk?

    Günther Sommia, Stellvertretender Geschäftsführer des Dachverband für Soziales und Gesundheit, beschreibt den Ausgangspunkt: Der Dachverband vereint rund 70 soziale Organisationen. „In den letzten drei, vier Jahren haben sich unsere Mitglieder viel um diese Argumente gekümmert.“ Es gab Tagungen, Fachgespräche, Initiativen. Doch irgendwann stand die Frage im Raum: Wie kann man dieses Thema kontinuierlich bearbeiten?

    Der Blick über die Landesgrenzen half. „Wir haben uns umgeschaut und haben festgestellt, dass in anderen Regionen, im benachbarten Ausland, aber auch in Italien, es Netzwerke gibt, die sich mit diesem Thema beschäftigen.“ Die Schlussfolgerung: „Es war also naheliegend zu schauen, was die Kolleginnen und Kollegen rund um uns herum machen. Und da sind wir dann zu dem Schluss gekommen, dass es auch in Südtirol sinnvoll wäre, ein Armutsnetzwerk zu gründen.“

    Der Grundstein war ein Manifest mit fünf zentralen Handlungsfeldern. „Unser Vorhaben war es, dieses Manifest so breit wie möglich in der Gesellschaft zu verankern.“ Und das bedeutete: nicht nur Sozialorganisationen einbeziehen. „Ich meine damit die Wirtschaft, die Kultur, den Umweltschutz, natürlich den dritten Sektor, die öffentliche Verwaltung.“

    Am Ende stand eine klare Forderung: „Ein Armutsnetzwerk zu gründen, das eben kontinuierlich an diesem Thema arbeitet.“ Der Name ist Programm: „Wir haben es alle gegen Armut genannt, weil wir der Meinung sind, dass eben Armut kein Randphänomen oder das Phänomen eines einzelnen Bereiches ist, zum Beispiel des Sozialbereiches, sondern ein Phänomen, das die ganze Gesellschaft betrifft.“

    Und deshalb, so Sommia, müsse sich jede und jeder „in ihrem Wirkungsbereich“ damit auseinandersetzen – „und versuchen, Maßnahmen zu ergreifen, die der Armut vorgreifen, beziehungsweise die Armut beheben können oder erst gar nicht entstehen lassen“.

  • Die fünf Säulen des Manifests „Alle gegen Armut“

    1. Armut in all ihren Formen beenden
    2. Werte in der Gesellschaft stärken – Würde, Solidarität, Offenheit
    3. Zwischenmenschliche Beziehungen fördern – soziale Isolation verhindern
    4. Gleiche Chancen für alle gewährleisten – Bildung, Teilhabe, Entwicklung
    5. Grundbedürfnisse sichern – Wohnen, Ernährung, Gesundheit, existenzsicherndes Einkommen
  • Armut hat viele Gesichter

    Ein zentraler Punkt ist die Vielschichtigkeit des Problems. Der italienische Plural ist hier wichtig: Rete contro le povertà. „Armut hat verschiedene Faktoren.“ Es gehe nicht nur darum, „zu denken, dass man genug verdient oder wenig verdient“. Es gebe „verschiedene Dimensionen“.

    „Man kann auch Geld haben, aber man hat keinen Zugang zum Arzt, man kann Geld haben, aber man hat keinen Zugang zur Kultur.“ Der wirtschaftliche Aspekt sei „sehr wichtig, aber er ist nicht die einzige Grundlage der Armutsgefährdung.“

    Sommia unterstreicht das: „Armut muss immer im gesellschaftlichen Kontext gesehen werden. Es geht nicht nur um materielle Armut, es geht um Bildungsarmut, es geht um Ernährungsarmut, es geht um soziale Teilhabe: das Kind, das an einem Ausflug nicht teilnehmen kann, weil die Eltern das Geld nicht haben, um diesen Ausflug zu finanzieren.“

  • „La nostra forza è fare sistema“

    Cinque domande a Elisa Berger, che all’interno del Dachverband svolge il ruolo di coordinamento della Rete contro le povertà

    Come è strutturata la Rete?

    La Rete riunisce 21 organizzazioni e istituzioni e copre tutti gli ambiti della società: scuola, economia, sociale, salute, ricerca … È composta in modo equilibrato da realtà private e istituzioni pubbliche.

    La forte presenza delle istituzioni è un elemento distintivo:  sono quelle che possono introdurre cambiamenti strutturali. Ed è proprio questo il nostro obiettivo: incidere a livello sistemico, non solo intervenire sui sintomi.

    Non è semplice trovare sempre una sintesi, ma condividiamo una visione comune di lungo periodo. Ognuno si assume la responsabilità di agire nel proprio ambito.

    Come lavorate concretamente?

    Abbiamo un Comitato di coordinamento che definisce le linee strategiche e un gruppo operativo di otto persone che si riunisce sei-sette volte all’anno. Nel gruppo di lavoro ci sono unibz, Alleanza per le famiglie, Federazione Ambientalisti, Dipartimento Coesione Sociale, Economia Alto Adige, Volontari, Dipartimento sviluppo economico, Sindacati.  Per il biennio 2026–2027 il gruppo ha scelto quattro temi: dati, posizionamento pubblico, sensibilizzazione, abitare.

    Stabilire delle priorità non è stato semplice, ma l’abitare è un tema trasversale: incide su lavoro, salute, istruzione, qualità della vita. Per questo in questo biennio si valuterà se creare un documento di posizionamento da presentare alla Provincia con proposte concrete o se perseguire una altra strada. 

    Che rapporto avete con la politica?

    Innanzitutto contiamo sul patrocinio del Presidente Arno Kompatscher e dell’assessora al sociale Rosemarie Pamer. A luglio presenteremo il nostro lavoro davanti al Consiglio Provinciale mentre il 17 ottobre, in occasione della Giornata mondiale contro la povertà, organizzeremo un importante evento pubblico su questi temi. Inoltre, ogni due anni avremo la possibilità di un’audizione ufficiale in Consiglio provinciale per presentare dati e proposte. Per noi è fondamentale avere un confronto stabile con la politica, perché senza decisioni strutturali non si producono cambiamenti reali.

    Avete la forza per incidere davvero, ad esempio sul tema dell’abitare?

    Sì, perché non siamo la voce di un singolo soggetto. All’interno della Rete ci sono federazioni che rappresentano a loro volta molte associazioni. Parliamo a nome di una parte ampia e qualificata della società civile.

    Inoltre, all’interno della Rete c‚è competenza. Le istituzioni sanno che possiamo offrire analisi e know-how utili.

    Dalle riunioni emerge una forte coesione: c‘è consapevolezza dell’urgenza del tema e una reale volontà di agire. Questa forza collettiva, quando ci confronteremo con la politica, sarà evidente.

  • Prävention statt Reparatur

    Zwei Ziele stehen für das Netzwerk im Vordergrund. „Ein Bewusstsein zu schaffen in der Gesellschaft, Armut geht uns alle an“. Es sei „nicht nur die Aufgabe von irgendeinem Verein des dritten Sektors“. Armut betreffe Lohnpolitik, Wohnpolitik, Bildungsfragen.

    Der zweite Schwerpunkt ist Prävention. „Wir fragen uns, wie kann man denn Armut schon in ihren ersten Keimen erkennen und gegebenenfalls auch beheben.“

    Bestehende finanzielle Unterstützungen – etwa Mietbeiträge – stünden nicht im Zentrum der Arbeit. „Da gibt es jetzt andere Arbeitsgruppen.“ Das Netzwerk wolle früher ansetzen: strukturell, präventiv, langfristig.

    Deshalb ist auch ein  Koordinierungskreis breit aufgestellt. „Da sitzt die Kultur, da sitzt der Umweltschutz, die Forschung, da sitzen die Vereine, da sitzt die öffentliche Verwaltung, da sitzt auch die Wirtschaft.“ Die Botschaft sei klar: „Es geht uns alle an.“

    Deshalb ist der Koordinierungskreis auch breit aufgestellt. „Da sitzen die Kultur, der Umweltschutz, die Forschung, die Vereine, die öffentliche Verwaltung und auch die Wirtschaft.

    “Die Botschaft ist klar: „Es geht uns alle an.“Während der letzten Sitzung am 19. Februar wurde der Coopbund Alto Adige–Südtirol offiziell als neues Mitglied aufgenommen und wird künftig die Genossenschaftswelt vertreten.

    Im Laufe des Treffens wurde außerdem die Einrichtung einer Arbeitsgruppe zur Datenerhebung und -analyse beschlossen. Ziel dieser Arbeitsgruppe ist es, alle Partner der Rete mit spezifischen Fachkompetenzen in diesem Bereich zusammenzuführen, um ein klares und gemeinsames Bild der aktuellen Situation zu erarbeiten.

  • Die Bedeutung der Daten – und ihre Grenzen

    Die Datenlage ist nämlich ein zentrales Thema ist die Datenlage. „Die Zahlen sind wichtig“, sagt Sommia. „Wir haben festgestellt, dass wir in Südtirol an der Datenlage arbeiten müssen. Wir müssen einfach schauen, dass wir Daten erheben, im besten Fall kontinuierlich, mit denen man dieses Phänomen beschreiben kann und dass dann auch die Möglichkeit gegeben ist, präventiv zu wirken“.

    Das Programm versucht in diese Richtung zu arbeiten. Gleichzeitig warnt Sommia vor einem zu engen Blick: „Die Gefahr läuft, mit den Zahlen zu sehr auf den ökonomischen Aspekt der Armut zu schauen.“ Daten seien notwendig – „weil sonst wissen wir auch nicht genau, wovon wir reden.“ Aber sie müssten kontextualisiert und richtig analysiert werden. „Dasselbe Datum sagt nicht viel, muss dann in eine bestimmte Richtung analysiert werden.“

    Ziel sei eine multidimensionale Analyse: „Diese Multidimensionalität muss einen Moment lang vorangebracht werden.“ Denn nur so könne Prävention gelingen.

    Dabei dürfe man sich keiner Illusion hingeben: „Gesellschaft ist ja keine Maschine im Sinne von, ich schiebe oben was rein und unten kommt was raus.“ Veränderungen seien komplex, politisch, mehrdimensional.

    Sommia bringt das Beispiel Wohnen: Eine gängige Faustregel besagt, dass die Miete nicht mehr als ein Drittel des Einkommens betragen sollte. Aber selbst wenn Daten zeigen, wie viele Menschen darüber liegen, „nur weil wir das wissen, sinken ja nicht automatisch die Mieten.“

    Daten seien daher kein Selbstzweck: „Am Ende ist es jetzt kein Selbstzweck, diese Datenerhebung, sondern sie sollte halt ein Mittel bieten, um diese Dinge sauberer zu betrachten und differenzierter betrachten zu können.“