Für ein Gedenken an alle Völkermorde
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Einer der wichtigsten Gedenktage überhaupt ist zu Recht dem Holocaust gewidmet, als Inbegriff des staatlich organisierten Völkermords und Verbrechens gegen die Menschlichkeit in bis dahin unvorstellbarem Ausmaß und Grausamkeit. Doch verhinderte die Präsenz dieses Genozids im allgemeinen Bewusstsein nicht, dass bis heute wieder vielfach Völkermord mit Millionen Opfern in aller Welt einschließlich Europas begangen wurde. Einen internationalen Gedenktag an alle Völkermorde der Geschichte gibt es dennoch bis heute nicht. Es gibt aber den „Genocide Memorial Day“, der in verschiedenen Städten begangen wurde wie z.B. am 18. Jänner 2026 in London.
Die Entstehung der Völkermordkonvention
Der Begriff des Völkermords ist von Raphael Lemkin während des 2. Weltkriegs entwickelt worden. Der polnisch-jüdische Jurist und Friedensforscher hatte sich schon vor dem Holocaust intensiv mit dem Völkermord an den Armeniern befasst und im schwedischen Exil den Holocaust zu dokumentieren versucht. Mit Blick auf die Verbrechen an den Armeniern im Osmanischen Reich hatte er dem Völkerbund 1934 einen Entwurf für eine internationale Konvention gegen Genozid vorgelegt. 1947 fertigte Lemkin für die Vereinten Nationen einen neuen Gesetzentwurf an, der 1948 fast unverändert von der VN-Generalversammlung mit 55:0 Stimmen als „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords“ in Kraft gesetzt wurde. Auch die USA und Israel sind beigetreten. Seit 9. Dezember 1948 ist Völkermord ein Straftatbestand im Völkerrecht. Wie wenig abschreckend allerdings diese Konvention wirkte, beweist die lange Reihe neuer Völkermorde in der Nachkriegszeit bis heute.
Auch westliche Demokratien Komplizen von Völkermord
Die Tragödie des Massenmords des Nazi-Regimes an den Juden Europas wird dabei als eine geschichtlich einzigartige Katastrophe begriffen, als das Verbrechen gegen die Menschlichkeit schlechthin. Jeder Vergleich mit anderen Völkermorden verbat sich oder würde wohl heute noch als Sakrileg empfunden. Doch Völkermord im Sinne von Raphael Lemkin geschah vor und nach dem Holocaust. Der Begriff wurde seit 1948 nach und nach auf Verbrechen angewandt, bei welchen systematisch und gezielt ein Volk oder eine Volksgruppe zur Gänze oder zum Teil vernichtet wird. In den meisten Fällen wurden diese Verbrechen von Kolonialmächten, diktatorisch regierten Staaten, in verschiedenen Fällen auch von westlichen Demokratien begangen. Man spricht von Völkermord an den Indianern Amerikas, Armeniern, Tataren, Aborigenes Australiens und zahlreichen anderen indigenen Völkern während der Kolonialzeit. Der erste Völkermord des 20. Jahrhundert war der Massenmord der deutschen Kolonialmacht an den Herero in Deutsch-Südwestafrika (Namibia), dem 80% dieses Volks zum Opfer fiel.
Völkermorde in der Nachkriegszeit
Das Konzept und der Rechtstatbestand des Völkermords kam in der Nachkriegszeit zu tragischer Bedeutung, da es immer wieder zu grauenvollen Genozidverbrechen kam: Biafra, Kambodscha, Vietnam, Kurdistan, Ruanda, Osttimor, Bosnien, Darfur und andere mehr. Im Unterschied zu den Armeniern und zum Holocaust wurden Berichte über aktuelle Völkermorde in den letzten 50 Jahren vom Fernsehen und Internet direkt in die Wohnzimmer Europas transportiert. Medien und Menschenrechtsaktivisten haben eine neue Art der Reaktion, Intervention und Reflexion auf diese Verbrechen ausgelöst. Doch ein global und allgemein verankertes Bewusstsein der moralischen und rechtlichen Verpflichtung der Staatengemeinschaft zum sofortigen Handeln bei Völkermordverbrechen ist noch nicht entstanden. Sonst wären etwa die jahrelangen Verbrechen der sudanesischen Regierung in Darfur, jene des Assad-Regimes in Syrien und Israels Vorgehen in Gaza nicht toleriert worden.
Die Missachtung der Völkermordkonvention
Der Tag des Gedenkens an die Shoah, der alljährlich am 27.1. begangen wird, ist Ausdruck der besonderen Verpflichtung und Verantwortung der Deutschen in der Erinnerung an dieses Verbrechen. Er hat vor allem in Deutschland, aber auch in Italien einschließlich Südtirols eine unbestrittene Legitimität. Doch an jenem Gedenktag wird nicht den Völkermorden als solchen gedacht, weil der Holocaust als geschichtlich einzigartiges Verbrechen betrachtet wird. Das kollektive Gedächtnis der Menschheit muss in Sachen Völkermord weiter reichen. Die Tragödie der Judenvernichtung im Dritten Reich soll damit nicht im Mindesten herabgestuft werden, sondern kann vielmehr in den Fluss einer schrecklichen Kontinuität von Völkermord in der Menschheitsgeschichte gestellt werden. Wie die Juden Europas haben zahlreiche Völker und Volksgruppen ein Schicksal erlitten, das zu ihrer gänzlichen oder teilweisen Ausrottung führte. Tragischerweise hat auch der Staat, der aus dem Unheil der Judenverfolgung hervorgegangen ist, in jüngster Zeit Völkermordverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Führende Politiker Israels sind dafür vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt worden. Der grauenvolle Gaza-Krieg 2023-2025 ist ein anschauliches Beispiel für das Scheitern der Völkermordprävention. Genau wie zuvor in Ruanda, Bosnien und Myanmar erinnert er auf schmerzhafte Weise an die heutigen Grenzen des Völkerrechts und an die Gefährdung einer regelbasierten internationalen Ordnung unter Komplizenschaft der westlichen Staaten.
Es braucht einen solchen Gedenktag
Bis heute fehlt ein Gedenktag, an dem allen Völkermordverbrechen der Menschheitsgeschichte gedacht wird. Nicht nur jener des 20. Jahrhunderts, sondern auch jener, die früher verübt worden und nie als solche von Nachfolgestaaten anerkannt worden sind, wie z.B. die Ausrottung unzähliger Indianervölker Amerikas und die Vernichtung der Armenier durch die Türkei. Mit einem solchen Tag der Mahnung würde an das Grauen erinnert, das ganzen Völkern und Volksgruppen angetan wurde, um weltweit zu statuieren: nie wieder! Nie wieder Auschwitz, aber auch nie wieder Armenien, Biafra, Osttimor, Bosnien-Herzegowina, Ruanda, Tschetschenien und Kambodscha. Dieses „Nie wieder“ bezieht sich auf das schlimmste aller Verbrechen, und muss auch für Israel gelten. Völkermord ist eine Art „Menschheitstrauma“, es liegt im Bereich des Möglichen, und ist auch in der Zukunft nicht ausgeschlossen. Insofern ist ein internationaler Gedenktag für die Opfer aller Völkermorde überfällig. Die Vereinten Nationen haben 2015 zwar den 9. Dezember als „International Day of Commemoration and Dignity of the Victims of the Crime of Genocide and of the Prevention of this Crime“ beschlossen (verkürzt: International Genocide Memorial Day), doch wird er im Westen kaum beachtet. Nach der Tragödie in Gaza sollte sich das ändern, denn es braucht dieses Gedenken.
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