Weg vom Fragebogen
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Rosmarie Pamer: „Unser Ziel ist es, den V.I.T.A-Einstufungsbogen stark zu vereinfachen und langfristig von diesem wegzukommen.“ Foto: Andy Odierno/SALTOSALTO: Wie bewerten Sie die geschilderte Erfahrung von Claudio Palmulli im Zusammenhang mit der Pflegeeinstufung?
Rosmarie Pamer: Die geschilderte Erfahrung nehme ich sehr ernst, da Pflegeeinstufungen natürlich sehr persönliche Lebenssituationen betreffen und mit besonderer Sensibilität geführt werden müssen. Nach derzeitigem Kenntnisstand handelt es sich jedoch nicht um ein grundsätzliches oder strukturelles Problem: Die Einstufungsteams arbeiten landesweit hochprofessionell, nach klaren Standards und mit großer fachlicher Kompetenz, und die große Mehrheit der Verfahren verläuft korrekt und respektvoll.
Die HintergründeIn einem offenen Brief schildert Claudio Palmulli, Präsident des Beirats für Menschen mit Behinderung, die negativen Erfahrungen, die ihm während des Einstufungsverfahrens widerfahren sind. Damit weist er auf Missstände bei der Pflegeeinstufung hin und stellt einige offene Fragen an die zuständige Landesrätin für Sozialpolitik Rosmarie Pamer, die sich nun gegenüber SALTO zu den Vorwürfen geäußert. Für die Fragen in Bezug auf den konrekten Ablauf der Pflegeeinstufungen, welche Ausbildung das Personal in Hinsicht auf angemessene Kommunikation während des Verfahrens hat und wie es sich mit Transparenzbestimmungen verhält, wartet die Redaktion noch auf Antwort des Amtsdirektors für die Pflegeeinstufung sowie der Sozial-Abteilungsdirektorin.
“Ich möchte das Personal ganz klar in Schutz nehmen.”
Tatsächlich scheinen sich die negativen Erfahrungen bei Pflegeeinstufungen zu häufen. Auch die Landtagsabgeordnete Maria Elisabeth Rieder argumentiert, dass sich “für das Personal tägliche Routine” einbürgere, und deutet eine mögliche Abstumpfung an, die damit beim Pflegepersonal einhergehen könnte. Könnten Sie dazu Stellung nehmen?
Wir sprechen hier von über 5.000, teils sogar bis zu 7.000 Pflegeeinstufungen im Jahr. Natürlich kann es in einzelnen Fällen zu Reklamationen kommen. Das lässt sich bei so vielen Verfahren nicht ganz vermeiden. Aber ich finde es unfair, wenn dadurch das gesamte Personal unter Generalverdacht steht und in ein schlechtes Licht gestellt wird. Ich möchte noch einmal betonen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die diese Einstufungen machen, sehr engagiert und professionell ausgebildet sind und regelmäßig an Weiterbildungen und Supervisionen teilnehmen. Den Standards nach arbeiten die Teams für die Pflegeeinstufung immer zu zweit. In der Regel setzen sich die Teams aus einer Pflegefachkraft und einer Sozialbetreuerin zusammen. Diese versuchen wirklich, ihre Arbeit gut zu machen. Deshalb möchte ich das Personal ganz klar in Schutz nehmen.
Wie gehen Sie konkret mit den zuletzt vorgebrachten Hinweisen und Reklamationen um?
Die Hinweise, die jüngst aufgebracht wurden, gehen mir natürlich nahe. Der Amtsdirektor für die Pflegeeinstufung sowie die Sozial-Abteilungsdirektorin haben sich bereits in Sondersitzungen zu den Vorfällen ausgetauscht und selbstverständlich werden wir die Sache professionell aufarbeiten und dann Rückantwort zu dem Fall geben.
Welche Garantien gibt es, um zu verhindern, dass sich eine Person gedemütigt oder “wie unter Anklage” fühlt?
Pflegeeinstufungen sind sehr sensible Situationen. Es müssen intime Fragen gestellt werden, etwa zur Mobilität oder dazu, wie lange jemand für den Toilettengang braucht. Das betrifft sehr persönliche Lebensbereiche. Wie solche Fragen empfunden werden, ist von Person zu Person unterschiedlich. Dabei ist es wichtig zu bewerten, was der Grund für ein negatives Empfinden ist: Eine intime Frage oder eine Respektlosigkeit. Aber natürlich gehen wir jedem Fall nach. Bei den jährlichen Supervisionen und Fallbesprechungen wird das eigene Verhalten im Feld im Jahresrhythmus reflektiert.
“Wir setzen bei Demenz an und möchten automatisierte Modelle dann schrittweise auch auf andere Erkrankungen ausweiten.”
Wie beurteilen Sie die Kritik an der Einstufungsmethode?
Mir ist wichtig, dass man drei Dinge auseinanderhält: erstens einzelne Gesprächssituationen und Reklamationen, zweitens die langen Wartezeiten und drittens das Einstufungsinstrument selbst. Der derzeitige V.I.T.A.-Bogen, der zur Pflegeeinstufung verwendet wird, ist seit Jahren Gegenstand von Kritik. Er ist sehr umfangreich, ermittelt den Pflegebedarf in Minutenwerten mit intimen Fragen und bildet dabei den tatsächlichen Pflegebedarf nicht immer gut ab. Diese Kritik gibt es nicht erst jetzt, sondern eigentlich seit der Einführung dieses Instruments.
ZuständigkeitObwohl bei der Pflegeeinstufung gesundheitliche Einschränkungen bewertet werden, geht es primär um die Feststellung des Pflege- und Unterstützungsbedarfs. Dies fällt in den Zuständigkeitsbereich der Pflegesicherung und somit der Abteilung Soziales unter Landesrätin Rosmarie Pamer. Entsprechend ist das Amt für Pflegeeinstufung der Sozialabteilung zugeordnet.
Also gilt es, den V.I.T.A.-Fragebogen zu verwerfen?
Deshalb arbeiten wir seit Herbst intensiv an einem Maßnahmenpaket. Unser Ziel ist es, den V.I.T.A-Einstufungsbogen stark zu vereinfachen und langfristig von diesem wegzukommen. International, etwa in Deutschland und Österreich, ist man diesen Weg bereits gegangen, und auch in Italien wird derzeit an neuen Modellen gearbeitet.
Wie lange wird es Ihrer Einschätzung nach dauern, bis die rechtlichen Grundlagen für die automatische Pflegeeinstufung “durchgearbeitet” sind und man damit starten kann?
Ein erster konkreter Schritt ist die automatische Pflegeeinstufung bei Demenzerkrankungen. Der entsprechende Beschluss der Landesregierung steht kurz bevor. In Zusammenarbeit mit der Memory-Klinik sollen Menschen mit Demenz künftig automatisch einer Pflegestufe zugeordnet werden, ohne dass sie lange, belastende Einstufungsgespräche durchlaufen müssen. Die Memory-Klinik arbeitet mit einer Skala von eins bis fünf, und diese wird dann in die Pflegestufen übersetzt, direkt und ohne Hausbesuch oder Fragebogen. Hier soll aber nicht das Missverständnis entstehen, dass wir nun das komplette System der Pflegeeinstufung auf einen Schlag automatisieren. Wir setzen bei Demenz an und möchten automatisierte Modelle dann schrittweise auch auf andere Erkrankungen ausweiten.
“Wir können die Fülle an Anträgen nicht innerhalb weniger Monate abbauen. Das ist ein kontinuierlicher Prozess.”
Und wie begegnen Sie der Kritik der langen Wartezeiten?
Was die Wartezeiten betrifft, muss man realistisch sein. Wir können die Fülle an Anträgen nicht innerhalb weniger Monate abbauen. Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Wir arbeiten aber intensiv daran – mit zusätzlichem Personal für die Teams, organisatorischen Anpassungen und weiteren Maßnahmen, die wir bereits im Herbst vorgestellt haben. Diese mögen oft auch nicht so sichtbar sein, obwohl sie beträchtlichen Einfluss haben. Wir hatten etwa 2025 einen beträchtlichen Anstieg an Anfragen, bei gleichbleibenden Wartezeiten. Zudem haben wir die Anzahl der Pflegeteams und Räumlichkeiten für Büros und Einstufungsgespräche in den Bezirken erhöht. Damit seien nur einige der Fortschritte genannt, die wir bei der Vorstellung des Beschlusses der Landesregierung im Landtag präsentieren werden.
Wie stehen Sie grundsätzlich zur öffentlichen Kritik an der Pflegeeinstufung?
In diesem Kontext will ich betonen: Ich finde, die Kritik an die Politik ist legitim, das macht mir persönlich nichts aus. Was ich aber als problematisch empfinde, ist, wenn engagierte Mitarbeiterinnen pauschal in ein schlechtes Licht gerückt werden. Mir ist wichtig, dass wir die Themen Reklamationen, Wartezeiten und das Einstufungsverfahren klar trennen und auf allen Ebenen weiterarbeiten.
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Wenn Pamer eines gut kann, dann ist es, mit Steuergeldern zu haushalten als gäbe es kein Morgen.
Dem beiseite, wenn man die Einstufung vereinfacht, wird der Missbrauch steigen. Es werden wieder einmal die Jungen zahlen müssen, damit die Alten ja keine Umstände haben. Zu beantworten, wie lange man auf der Toilette braucht, ist wirklich zu viel verlangt, wenn man danach Geld geschenkt bekommt.