Economia | Neue Bündnisse

Freihandel oder fairer Handel?

Bedeuten Freihandelsabkommen wie Mercosur und das EU-Indien-Abkommen für uns und den globalen Süden Chance oder Risiko? Ein Interview mit Simone Rocchi von Altromercato.
Fair Trade
Foto: Quang Nguyen Vinh/unsplash
  • SALTO: Herr Rocchi, wie wirken sich aktuelle geopolitische Krisen und neue Handelskonflikte auf eure Produzentinnen und Produzenten aus?

    Simone Rocchi: Wir kaufen ausschließlich in den Tropen ein, sind also Netto-Importeure. Natürlich sehen wir aktuell viele geopolitische Verschiebungen, wie etwa das Handelsabkommen mit Indien. Auch wenn es unsere Strategie ist, mit denselben Kooperativen über Jahrzehnte langfristige Beziehungen zu pflegen, und wir dadurch eher viel Stabilität sehen, versprechen diese neuen Allianzen doch Vorteile.

  • Zur Person

    Simone Rocchi arbeitet bei Altromercato und leitet seit rund zwei Jahren eine eigenständige Geschäftseinheit, die sich mit Rohstoffen und Lieferketten für größere Industriekunden befasst. „Wir arbeiten unter anderem mit Ferrero, Loacker, Esselunga und starten gerade mit Lavazza. Ziel ist es, die Lieferketten aus dem globalen Süden mit großen italienischen und europäischen Unternehmen zu verbinden und dabei ein rundum nachhaltiges System aufzubauen“, erklärt Rocchi. 

    Altromercato ist Teil der Fair Trade Organization und bemüht sich somit um gerechte Produktionsbedingungen in den Ländern des globalen Südens. Zu Zeiten geopolitischer Verschiebungen, die Europa dazu drängen mit neuen Allianzen auf eigenen Beinen zu stehen, geraten Freihandelsabkommen in den Fokus. Was bedeuten diese Abkommen aber für die unsere Handelspartner? Erhöhen sie den Druck auf die kleinen Produzentinnen und Produzenten oder sprechen wir hier von einer Win-Win-Situation? Simone Rocchi schildert seine Perspektive im Gespräch mit SALTO.

    Foto: Simone Rocchi
  • Können Sie mir ein konkretes Beispiel nennen?

    Zum Beispiel Paraguay, ein wichtiger Produzent von Bio-Zucker, der in Europa kaum erzeugt wird. Sollte im Zuge des Mercosur-Abkommens der Zoll wegfallen, könnten Teile der bisherigen Zollkosten, die rund 419 Euro pro Tonne betragen, direkt den Produzentinnen und Produzenten zugutekommen. Das würde mehr Wertschöpfung in den Ursprungsländern bedeuten.

    Sie pflegen langjährige Verbindungen zu den Mercosur-Staaten. Kritiker sagen, dass das bevorstehende Mercosur Freihandelsabkommen Zölle nicht von heute auf morgen abschaffen wird und bürokratische Aufwände unverändert bleiben. Was denken Sie? 

    Nicht von heute auf morgen. Die Öffnung wird schrittweise erfolgen, vermutlich über Quoten statt über sofortige Zollabschaffung. Langfristig ist das Ziel ein freierer Markt, aber wie genau, ist noch offen, auch mit Blick auf den fairen Handel.

  • Status Mercosur

    Das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten hat im Januar 2026 zwar einen formalen Fortschritt gemacht, gilt politisch jedoch weiterhin als umstritten. Am 17. Januar wurde der Vertrag bei einer Zeremonie in Asunción (Paraguay) von Vertreterinnen und Vertretern beider Seiten unterzeichnet

    Der Weg zur Umsetzung bleibt jedoch offen: Am 21. Januar beschloss das Europäische Parlament mehrheitlich, das Abkommen vor der Ratifizierung dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) zur rechtlichen Prüfung vorzulegen. Diese Entscheidung könnte den Ratifizierungsprozess erheblich verzögern.

  • Auch herrscht reger Diskurs rund um das neue Abkommen zwischen der EU und Indien...

    Für den Fair-Trade-Bereich wird der Effekt begrenzt sein. Die indische Landwirtschaft, wo der Großteil der indischen Bevölkerung beschäftigt ist, wird stark geschützt und ist politisch sehr sensibel. Das hat man auch an den großen Bauernprotesten in Neu Dheli vor einigen Jahren gesehen. Dieser Sektor wird wohl weitgehend ausgenommen bleiben. Andere Wirtschaftsbereiche werden vom Zollabbau sicher profitieren. Das Abkommen dürfte insgesamt die Beziehungen zwischen EU und Indien stärken. Auch wenn Indien aktuell kein Hauptmarkt der EU ist, wird mittel- bis langfristig der Austausch zunehmen.

    Wenn Indien eher für seinen Protektionismus bekannt ist. Warum kommt dieses Abkommen jetzt?

    Meiner Meinung nach spielt die globale geopolitische Lage eine große Rolle, insbesondere die Politik der USA. Viele dieser Abkommen lagen seit Jahren auf Eis. Erst der aktuelle Druck hat offenbar die nötige Dynamik erzeugt, um Blockaden zu überwinden.

    Sehen Sie darin auch eine Perspektive für den Fairen Handel?

    Ja. Gerade weil ein Hauptargument gegen Marktöffnung lautet, dass billigere Produkte oft niedrigere Standards haben. Europäische Regulierungen wie Lieferketten- oder Entwaldungsverordnungen wirken dem entgegen. Und dort, wo staatliche Kontrollen nicht ausreichen, kann der Faire Handel Garantien bieten. In diesem Sinne kann er sogar an Bedeutung gewinnen.

  • Freude beim Unternehmerverband

    Auch der Südtiroler Unternehmerverband begrüßt das neue Handelsabkommen zwischen der EU und Indien. Er verweist auf das enorme Wachstumspotenzial des indischen Marktes: Zwar exportiert Südtirol aktuell Waren im Wert von rund 40 Millionen Euro nach Indien (0,5 % des Gesamtexports), doch entscheidend sei die Perspektive.

    Indien mit seinen 1,5 Milliarden Einwohnern und starkem Wirtschaftswachstum werde Teil einer Freihandelszone mit rund zwei Milliarden Menschen. Besonders profitieren könnten Automobil-, Hightech-, Elektronik- und Maschinenbauunternehmen, da dort bislang Zölle von teils über 100 Prozent gelten. Auch im Lebensmittelsektor – etwa bei Wein, Bier sowie Back- und Süßwaren – sind Zollsenkungen vorgesehen.

  • Besteht dabei nicht Gefahr für lokale Produzentinnen und Produzenten, von der ausländischen Produktion bedrängt zu werden?

    Ja, durchaus. Eine Öffnung kann mittelfristig Preisdruck erzeugen, besonders für kleinbäuerliche Strukturen. Deshalb geht man politisch sehr vorsichtig vor. Wie gesagt, das Abkommen wird die indische Landwirtschaft, oder besser gesagt Indiens stark geschützte Agrarsektoren, nicht zollfrei machen. Die sozialen Auswirkungen sind schwer vorhersehbar, hier ist man durchaus vorsichtig.

    Arbeiten Sie direkt mit Produzentinnen und Produzenten aus Indien zusammen?

    Ja, schon lange. Wir beziehen Tee, Gewürze, Cashews, Kaffee und auch Handwerkserzeugnisse. Unsere Beziehungen reichen von Nord- bis Südindien.

     

    Brasilianische Produzenten, die bisher vor allem für die Amerikas produziert haben, beginnen nun, europäische Kundinnen und Kunden zu kontaktieren. Das verändert das Marktumfeld spürbar.

     

    Wie reagiert man dort auf das neue Abkommen?

    Noch ist alles sehr frisch. In zwei Wochen findet die Biofachmesse in Nürnberg statt, dort werden viele Produzentinnen und Produzenten sein. Das wird sicher ein wichtiger Moment für Austausch und Einschätzungen.

    Ändert sich durch all das etwas konkret in eurer täglichen Arbeit?

    Ja, erste Effekte sehen wir bereits. Vor allem beim Zucker. Brasilien als größter Zuckerproduzent der Welt beginnt, sich verstärkt am europäischen Markt zu orientieren, weil Zucker aus Brasilien durch mögliche Zollsenkungen wettbewerbsfähig wird. Brasilianische Produzenten, die bisher vor allem für die Amerikas produziert haben, beginnen nun, europäische Kundinnen und Kunden zu kontaktieren. Das verändert das Marktumfeld spürbar.