Ambiente | Pestizidtirol

Gerichtsstand München

Der Bauernbund mobilisiert jetzt die Bauern zu masshaften Klagen gegen Alexander Schiebel und das Münchner Umweltinstitut. Was man nicht sagt: Es wird ein teurer Spaß.
titel_schiebel_mals_cmyk_presse.jpg
Foto: ddd
„Es wird mächtig Druck gemacht“, sagt ein Mitglied einer Südtiroler Obstgenossenschaft. Und weiter: „Man will unbedingt, dass am Ende Dutzende Strafanzeigen aus dem gesamten Land kommen.
Im Fokus stehen Alexander Schiebel und das Münchner Umweltinstitut. Der Landesrat für Landwirtschaft Arnold Schuler hat vergangene Woche bei der Staatsanwaltschaft Bozen Strafanzeige gegen den österreichischen Buchautor und dessen Verlag erstattet. Wegen übler Nachrede und Verbreitung von Falschinformationen zum Schaden der Südtiroler Landwirtschaft.
Schuler beanstandet in der Anzeige mehrere Stellen aus dem vor einigen Wochen erschienenen Buch „Das Wunder von Mals“. Zudem richtet sich die Anzeige auch gegen das Münchner Umweltinstitut und dessen Plakataktion mit dem Titel „Pestizidtirol“.
 


Die Mobilisierung

 


Diese Strafanzeige soll aber erst der Anfang sein. Denn seit Tagen läuft in Südtirol eine Generalmobilmachung gegen die vermeintlichen Nestbeschmutzer aus dem Ausland.
Anfang dieser Woche hat der Verband der Vinschger Obst- und Gemüseproduzenten VI.P seine Mitglieder aufgefordert sich der Strafanzeige Schulers anzuschließen. Jetzt stellt sich auch der Südtiroler Bauernbund hinter die Strafanzeige gegen Schiebel & Co. „Wir können das so nicht hinnehmen“, sagt SBB-Obmann Leo Tiefenthaler.
 
Immer mehr Verbände und Vereine“schließen sich der Klage an", prophezeit das Tagblatt der Südtiroler. So debattiert man auch in der größten Südtiroler Vermarktungsorganisation VOG sich der Klage anzuschließen. Vor allem aber versucht man überall im Land Bauern zu gewinnen, die als Privatpersonen klagen. Das Ziel ist eine Art Sammel-Strafanzeige gegen Schiebel & Co.
 

Klage, aber wo?

 
Dabei hat das landwirtschaftliche Säbelrasseln einen entscheidenen Haken. Denn es ist alles andere als klar, wo und wie man die Strafanzeigen einreichen kann. Sicher ist: Die Bozner Staatsanwaltschaft und das Bozner Landesgericht sind in den meisten der genannten Fälle die eindeutig falsche Adresse.
Das Buch von Alexander Schiebel ist im Münchner oekom-Verlag erschienen. Der Gerichtsstand des Verlages ist München. Demnach können alle Zitate aus dem Buch, die Arnold Schuler & Co beanstanden, zwar in Bozen geklagt werden, die lokale Staatsanwaltschaft und das Gericht sind dafür aber nicht zuständig.
 
Zuständig für die Klagen ist das Gericht in der bayrischen Landeshauptstadt. Das heißt Arnold Schuler, der Bauernbund und die Südtiroler Bauern müssen - wenn schon - in München und nach deutschem Recht klagen.
Genauso verhält es sich mit den Beanstandungen gegen das Münchner Umweltinstitutes. Dort geht es um ein Plakat, das ausschließlich in München ausgehängt wurde. Auch dort kann nur das Landesgericht in München zuständig sein.
 

Die Kosten

 
Das heißt, bevor es überhaupt zu einer möglichen Anklageerhebung kommt, wird es zu einem juridischen Kompetenzenstreit kommen. Wo, was verhandelt werden kann.
Kommt es - wie vorhersehbar - zu einem Verfahren in München werden nicht nur die Kosten für die Einbringer der Strafanzeigen deutlich ansteigen. Sicher ist auch, dass die Gerichtsbarkeit in der bayrischen Landeshauptstadt das Thema weit gelassener sehen dürften, als die lokale Südtiroler Gerichtsbarkeit. Zudem wird der Prozess Südtirol gegen Schiebel in München weit mehr internationale Aufmerksamkeit erregen, als im beschaulichen Bozen.
In Südtirol könnte am Ende nur mehr ein Rumpfverfahren übrig bleiben. Denn Arnold Schuler hat in seinem Strafantrag auch Äußerungen von Alexander Schiebel in einer Sendung von RAI Südtirol beanstandet. Dafür ist eindeutig das Bozner Landesgericht zuständig.
Nur all das sagt man den erbosten Bauern nicht.