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Società | Raumgestaltung

Südtiroler Raum

Wie wollen wir unseren Lebensraum einrichten, nach welchen Kriterien und Maßstäben?
Avvertenza: Questo contributo rispecchia l’opinione personale dell’autore e non necessariamente quella della redazione di SALTO.
Robert Zünd, Blick auf die Kapelle am Rain, 1859, Kunstmuseum Luzern
Foto: Kunstmuseum Luzern
  • Wieviel Kubikmeter Raum hat Südtirol? Das hängt ganz davon ab, wie er berechnet wird und das geschieht bekanntlich indem Länge, Höhe und Breite mit einander malge­nom­men werden. Was Länge und Breite betrifft, so ist deren Produkt bekannt, es sind 7.400,43 km². Auf dieser Fläche leben rund 539.400 Einwohner, die sich diese Fläche im Jahr 2024 mit 37 Millionen Touristen geteilt haben – willentlich oder auch nicht. Um den Raum zu berechnen, den Einwohner und Touristen vom gesamten südtiroler Raum je­weils ein­genommen haben, müsste die dabei beanspruchte Höhe bekannt sein. Das ist in die­sem Fall schwierig. 

    Einfacher scheint es, was die südtiroler Apfelproduktion angeht. Bei einer Anbauflä­che von etwa 18.000 Hektar und einer ungefähren Gewächshöhe von 2.50 Metern er­gibt sich ein Raum von 450 Millionen Kubikmetern, der von ca. 10.000 Apfelproduzen­ten und -produzentinnen bewirtschaf­tet wird. Doch hier tut sich ein geradezu uner­mess­li­ches Pro­­blem auf: 

    Was wären die Plantagen von Apfelzuchtgewächsen ohne das Wetter und ohne den Himmel, unter dem sie in Reih‘ und Glied betongestützt stehen müssen? Hier kommt dann vor al­lem die Sonne ins Spiel, deren Entfernung von der Erde zur Berechnung der Höhe und damit des südtiroler Apfelraumes unverzichtbar ist. Dieser Abstand beträgt bekanntlich 150 Mio. km, die jetzt mit den 18.000 Hektar Anbaufläche multipliziert wer­den müssen. 

    Doch damit nicht genug, denn wenn es wahr ist, dass Pestizide der Apfelproduktion sich bis in die Höhen­lagen der Berge verbreiten, muß auch dieser Raum zu dem auf ei­ne Fläche von 18.000 Hek­tar begrenzten hinzugerechnet werden. Und eben auch die­sen Raum jenseits der Grenzen der Apfelplantagen durchwandern und durchfahren Touristen. 

    Aber hier sollten wir fragen: Was ist in einem solchen Raum und was geschieht da mit ihm? Und welche Vorstellung haben wir dabei vom Raum? Die mächtigste Vorstel­lung vom Raum ist sicher die von den drei Dimensionen: Länge, Höhe und Brei­te, sie bil­­den da den eigentlichen Raum, den Maßraum für alle anderen Räume, auch noch für Zeit- und Spielräume. Nur ist dieser Raum nicht die Grundgestalt des Raumes, son­dern bloß eine Abstraktion konkreter Raumverhältnisse, die ursprünglicher sind als das wis­sen­­schaftliche Konstrukt. 

    Raum geht auf aus den Bezügen zwischen Dingen und Menschen, er ist dieses Zwi­schen und d. h. Raum ist immer auch Sinnraum. Aus dem, wie ich mich in meinem Le­ben einrichte, geht jener Sinnraum auf, von dem die drei Dimensionen abgezogen wer­den und damit auch konkreter Sinn. Woran ich mein Leben ausrichte, in welcher Perspektive ich es entwerfe, worauf ich selber mit mir aus bin, das entscheidet über die Sinnbezüge meines Lebens-Raums. Erst den Sinnbezügen sind die Bestimmungen für jegliche Raumgestaltung zu entnehmen. Rein technische Funktionsberechnun­gen aber, um mit minimalem Aufwand ein Maximum zu erreichen, bringen Dinge und Men­schen zum Verschwinden und mit ihnen verschwinden Natur und Landschaft. Aber wir haben sie schon längst aus den Augen verloren, denn der Anblick einer Unmenge an Krüp­pel­ge­­hölzen oder immersiver Touristenmassen geht uns nicht im ge­ring­sten unter die Haut. 

    Moritz Amselbrück