Società | Kindergarten

Anders geht es auch

Südtirol debattiert mal wieder über die Sprache in Schule und Kindergarten. Dabei gibt es bereits viele Vorbilder, die sich aber verstecken müssen.
Mehrsprachigkeit im Kindergarten
Foto: SALTO
  • Eigentlich hätte dieser Text eine schöne Reportage mit Interviews, Zitaten, Bildern und persönlichen Eindrücken werden sollen. Doch leider ist die Angst vor dem Shitstorm größer als die Freude, über das eigene positive Projekt zu berichten, größer als der Stolz auf das Erreichte. Also duckt man sich lieber weg und macht unter dem Radar weiter.

  • Deutsche bei den Italienern

    Die wahre Geschichte spielt in einem mittelgroßen Dorf im Speckgürtel einer Stadt. Das Dorf ist überwiegend deutschsprachig, in der Stadt gibt es gewichtige Anteile beider Sprachgruppen.

    Viele Kinder aus deutschsprachigen Familien besuchen an diesem Ort den italienischen Kindergarten. Nicht in erster Linie, um eine Sprache zu lernen, dafür ist der Kindergarten nicht da. Aber um einzutauchen in diese andere Welt, die wir alle besser kennenlernen sollten. Ein erstes Gefühl zu bekommen für die Sprache, vielleicht auch für die Mentalität. Um zu verstehen, dass es auch andere gibt. Und ja, natürlich, auch ein bisschen Italienisch zu lernen. Spielerisch, ohne Zwang.

    In diesem Dorf, in dem sogar die meisten Alpini Deutsch sprechen, so gut, dass man oft gar nicht merkt, dass es Italiener sind, gibt es sonst kaum Möglichkeiten, mit der Zweitsprache in Kontakt zu kommen. Wenn diese Kinder dann in die Grundschule kommen, haben sie schon eine gute Basis, um Italienisch zu lernen. Sie haben ein Ohr bekommen für die Eigenheiten der Sprache und wissen, wie man sie ausspricht.

  • In einem einzigen Gebäude sind beide Kindergärten untergebracht: zwei deutschsprachige Kindergartensektionen und eine italienischsprachige, zwei unterschiedliche Direktionen. Formal getrennt, laufen sich die Kinder und die Maestre in dem offenen Gebäude ständig über den Weg. Foto: pixabay, tolmacho
  • Italiener bei den Deutschen

    Keine Einbahnstraße. Viele italienische Eltern schicken ihre Kinder in den deutschen Kindergarten. In diesem kleinen Dorf gibt es keine italienischsprachige Grundschule. Alle Kinder, die die italienische Grundschule besuchen wollen, müssten in die Stadt fahren, beziehungsweise extra dorthin gebracht werden, weil es keinen Schülertransport gibt. Viele Eltern möchten aber, dass ihre Kinder im Dorf bleiben, in die Dorfgemeinschaft hineinwachsen, sich irgendwann in den Vereinen engagieren. Sie wollen, dass dieses Dorf ihre Heimat ist und nicht nur ein Schlafplatz. Also kommen die Kinder in den deutschen Kindergarten, machen dort keinen Deutschkurs, aber lernen die Sprache kennen, ihren Klang, erste Begriffe. Sie lernen auch die Kinder kennen, mit denen sie dann später in der selben Schulklasse sitzen werden.

    Alles unter dem selben Dach. In einem einzigen Gebäude sind beide Kindergärten untergebracht, zwei deutschsprachige Kindergartensektionen und eine italienischsprachige, zwei unterschiedliche Direktionen. Formal getrennt, laufen sich die Kinder und die Maestre in dem offenen Gebäude ständig über den Weg. Ein Koch kocht für alle Kinder, die Kindergartensektionen nutzen die selbe Küche, die selbe Turnhalle, die selben Bäder. Es gibt mehrere Spielplätze im Freien, die sie abwechselnd nutzen können. Immer wieder werden gemeinsam Aktivitäten abgehalten, zum Beispiel Theater schauen in der Faschingswoche. Sie kommen ganz von alleine in Kontakt miteinander, ohne es planen oder erzwingen zu müssen.

    So ist allen geholfen, alle profitieren davon und jeder ist frei, sein Kind in den deutschen oder italienischen Kindergarten einzuschreiben, deren Aktivitäten natürlich streng in der jeweiligen Sprache stattfinden.

  • Nur ein Einzelfall

    Das Dorf ist natürlich in einer glücklichen Situation. Der Ausländeranteil, der nun mal alles ein wenig verkompliziert, ist relativ gering, es gibt eine geringe Fluktuation und eine stabile Dorfgemeinschaft, die mit diesen Änderungen umgehen kann. Das Kindergartengebäude ist groß genug und auch baulich gut geeignet. Man ist in diese Situation quasi hineingewachsen, niemand hat das so geplant.

    Das Beispiel kann also natürlich nicht als Blaupause für ganz Südtirol dienen. Es funktioniert in diesem einen bestimmten Kontext mit diesen bestimmten Rahmenbedingungen. Es ist nichts, was sich problemlos auf andere Dörfer oder Städte oder auf das gesamte Land ausweiten ließe.

    Es zeigt aber, was möglich wäre.

  • Niemandem was wegnehmen

    Es geht auch nicht darum, die einsprachige Schule abzuschaffen, im Gegenteil. Es gibt genug Studien, die zeigen, dass wenn in einem mehrsprachigen Gebiet eine gemischtsprachige Schule etabliert wird, der Spracherwerb tendenziell zu Lasten der Minderheitensprache geht.

    Aber man sollte den Mut haben, das bestehende Angebot zu Erweitern und neue Möglichkeiten einzuführen. Niemals pauschal, sondern immer für den einzelnen Ort gedacht. Natürlich wird es auch mal Probleme geben, aber wo gibt es die nicht? Denken wir in Möglichkeiten, und nicht in Schwierigkeiten.

    Wir haben eine Schulautonomie, oder? Nutzen wir sie, ohne irgendjemand irgendetwas wegzunehmen, aber um vielen Menschen entgegenzukommen.

    Es dauert ziemlich lange, bis man versteht, dass die Kinder die Sprache wirklich lernen. Mit den Eltern reden sie sie nicht, warum auch. Aber dann kommt die eine Situation im Alltag, wo das Kind auf Italienisch angesprochen wird und darauf sauber auf Italienisch antwortet, als wäre es das normalste auf der Welt.