“Unsere Jungen verlieren eine Chance”
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„Endlich wurde im ASTAT-Sprachbarometer erhoben, dass der Wunsch nach einer mehrsprachigen Schule kein Randphänomen ist. 70 Prozent sprechen sich für dieses Zusatzmodell aus“, erklärt Brigitte Foppa bei der Vorstellung ihres Gesetzesentwurfs für eine mehrsprachige Schule. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen setzt sich bereits seit 20 Jahren dafür ein. Nun bringt sie ihn aus aktuellem Anlass erneut aufs Paket, da eine Gruppe von Eltern in Villandes Italienisch im deutschen Kindergarten fordert.
Die Stimmung im Landtag ist angespannt, wegen der langen Redebeiträge zum Thema wird die Abstimmung auf März vertagt. Trotzdem zeigt sich: Die Fronten laufen weniger geradlinig als erwartet, denn mit Landesrat Christian Bianchi (Forza Italia) hat sich ein Mitglied der Regierung für den Vorschlag ausgesprochen: „Heute ist es alleine durch den Schulbesuch für beide Sprachgruppen nicht möglich, dass die Zweitsprachen auf einem Niveau erlernt werden, um die Zweisprachigkeitsprüfung der Provinz erfolgreich zu absolvieren.“
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Die Debatte im Landtag
„Inzwischen sprechen junge Menschen lieber Englisch miteinander, aus Angst und Scham die Zweitsprache zu sprechen. Das ist eine Bankrotterklärung für unser aktuelles System. Der vorliegende Gesetzesentwurf ist ein Destillat unserer Arbeit der letzten Jahre, rechtlich geprüft und mit unserem Autonomiestatut vereinbar. Außerdem wäre es eine Entlastung der deutschen Schule, welche enorm unter Druck steht“, erklärt Foppa.
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Nach dem leidenschaftlichen Plädoyer der langjährigen Politikerin herrscht im Landtag zunächst kurzes Schweigen. Erst nach einigen Sekunden meldet sich der PD-Abgeordnete Sandro Repetto und befürwortet den Entwurf. SVP-Abgeordnete Waltraud Deeg erteilt dem Vorschlag als Vertretung der Mehrheit aber anschließend mit ihrer Wortmeldung eine klare Absage.
„Wir diskutieren hier nicht über ein Schulmodell, sondern über einen tragenden Pfeiler der Südtiroler Autonomie, auf den wir stolz sein können. Es betrifft somit einen sehr sensiblen Bereich, Art. 19, dem Grundrecht von Unterricht in der Muttersprache. Das ist kein veralteter Paragraph, sondern das Fundament des Minderheitenschutzes in Südtirol. Das Schlimmste für eine Minderheit ist es, das Gefühl zu verlieren, eine Minderheit zu sein“, so Deeg.
„Ihr öffnet hier die Büchse der Pandora.“
Hannes Rabensteiner, Abgeordneter der Süd-Tiroler Freiheit (STF) aus Villanders, erklärt: „Die Sprache ist die Seele eines Volkes und die Muttersprache ist ein sehr emotionales Thema. Ich wurde in dieser aktuellen Debatte zu Villanders angefeindet bis hin zur Morddrohung – das spricht Bände“, so der STF-Abgeordnete. Nach dieser heftigen Kritik verteidigt Madeleine Rohrer, Abgeordnete der Grünen, den Entwurf: „Wir haben als Erziehungsberechtigte und als Schülerinnen und Schüler sehr viele Möglichkeiten bei der Wahl des Bildungswegs. Wir haben aber nicht die Freiheit, in eine Schule zu gehen, wo beide großen Landessprachen gleichermaßen unterrichtet werden.“
Es folgen Stellungnahmen von Bernhard Zimmerhofer (STF) und Zeno Oberkofler (Grüne): Zimmerhofer spricht von einem Niedergang der Minderheit, Oberkofler von dem Glück, in einer zweisprachigen Familie mit Italienisch und Deutsch aufgewachsen zu sein. „Ich bin mehrsprachig aufgewachsen und auch ich bin Sohn dieses Landes“, erklärt der jüngste Abgeordnete des Landtags. Es folgen ablehnende Wortmeldungen von Myram Atz (STF) und Jürgen Wirth Anderlan.
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Renate Holzeisen von der Liste Vita erklärt hingegen überraschend ihre Zustimmung für den Gesetzesentwurf. „Ich war als Mutter entsetzt darüber, dass sich die Deutschkenntnisse meines Sohns in einem deutschen Kindergarten in Bozen Ende der 90er Jahre verschlechterten. Deshalb schrieb ich ihn schlussendlich in einen italienischen Kindergarten ein“, so Holzeisen. Als Wirtschaftsanwältin sehe sie in dem Zusatzangebot einer mehrsprachigen Schule einen längst überfälligen Schritt.
„Damit verlieren unsere Jungen eine Chance, das sage ich als Vater.“
„Es ist ein zentrales Thema, weil es die Zukunft unserer jungen Menschen betrifft. Ich weiß, die Schule ist nicht isoliert zu betrachten und mit Identität und Schutz der Traditionen verbunden“, erklärt im Folgenden Landesrat Christian Bianchi. „Die einzige Methode, um eine Sprache zu lernen, ist sie zu nutzen. Etwas funktioniert hier heute nicht und so verlieren unsere Jungen eine Chance, das sage ich als Vater.“ Und das zeige auch die Forderung der Eltern aus Villanders.
Sven Knoll (STF) vertritt erwartungsgemäß eine ablehnende Position gegenüber dem Vorschlag der Grünen. „Ihr öffnet hier die Büchse der Pandora.“ Auch Landesrätin Ulli Mair (Freiheitliche) erklärt in ihrer Stellungnahme ihre Ablehnung. Damit endet in dieser Landtagswoche die Zeit der Opposition und über den Gesetzesvorschlag wird voraussichtlich im März abgestimmt.
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Der Entwurf
Die Grüne Landtagsfraktion hatte den Gesetzesentwurf bereits 2023 eingebracht: Ihr Vorschlag einer mehrsprachigen Schule sieht ein Zusatzangebot im Kindergarten, in der Unter- und Oberstufe vor. Laut Gesetzesentwurf soll der Unterricht in den Muttersprachen Deutsch und Italienisch abgehalten werden. „In den Klassen mit mehrsprachigem Schwerpunkt wird rund die Hälfte der Unterrichtszeit in der primären Schulsprache unterrichtet, die restliche Zeit in der Zweitsprache und, falls vorgesehen, in der Fremdsprache bzw. den Fremdsprachen“, so der Entwurf.
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Aus meiner Sicht gibt es…
Aus meiner Sicht gibt es sehr wohl einige gute Argumente für den Versuch, eine solche zweisprachige Schule im Rahmen der Landesschulpolitik anzubieten:
- Sprachen erlernt man, wenn man sie sprechen muss und auch Gelegenheit dazu hat
- Das jetzige Modell entlässt Maturanten nach ca. 1.200 Unterrichtsstunden mit relativ schlechten Zweitsprachenkenntnissen
- In Südtirol gibt es ca. 80.000 Menschen, die in Familen mit Eltern unterschiedlicher Sprachen leben: Welche ist da die „Muttersprache“ bzw. „Erstsprache“?
- Ich bin überzeugt, dass wir als deutsche Volksgruppe die italienischen Südtirolerinnen näher an unsere Anliegen heranziehen können, wenn sie besser Deutsch lernen
- Ich sehe bei Familien, wo die Kinder in paritätisch mehrsprachige Schulen gehen, extrem gute Kenntnisse der (beiden) Hauptsprachen der Schülerinnen und damit auch bedeutend größere Chancen im Berufsleben
- Wir haben in Südtirol ca. 50.000 Menschen aus anderen Ländern der Welt: Für sie wäre es eine Chance, beide Landessprachen zu lernen. Auch das wieder in unserem eigenen Interesse, um ihnen die Anliegen der deutschen Mnderheit in Italien näher zu bringen. Heute lernen Ausländerkinder sehr oft fast nur Italienisch
- Südtirol stellt sich politisch als mehrsprachiges Land dar, ist es de facto aber weniger, als man annehmen möchte. Insofern wäre es den Versuch wert, so eine Schule einzuführen
- Und noch einmal, für alle, die es immer noch nicht glauben wollen: Es sollen ja nur einzelne Klassenzüge eingerichtet werden, die auf Freiwilligkeit basieren! Z.B. in den Hauptorten der Talschaften. So ein Prozess kann begleitet und evaluiert werden, um positive, aber auch negative Entwicklungen zu erfassen und ggfs. gegenzusteuern.
Ich glaube, Südtirol muss mehr wagen dürfen und können, als nur sturheil am Art. 19 festzuhalten. Wir haben in diesem Land viele Chancen, aber wir nehmen sie nicht immer wahr.
In risposta a Aus meiner Sicht gibt es… di Sigmund Kripp
Heute lernen Ausländerkinder…
Heute lernen Ausländerkinder sehr oft fast nur Italienisch
Es ist für die Ausländerkinder sehr schwierig Deutsch zu lernen weil es keine Immersionssituationen gibt, ausser die „einsprachige“ deutsche Schule (die lange nicht mehr einsprachig ist, das vergisst man immer).
In einer mehrsprachigen Unterrichtssituation ist es viel schwieriger Deutschkenntnisse zu erwerben. Als Folge werden die Italienischkenntnisse der Ausländerkinder verbessert und das Gefühl, Deutsch sei nur eine unbedeutende Fremdsprache gestärkt.
Alle Kinder leben heute in einer Situation, wo Überall in der Öffentlichkeit die italienische Sprache immer Vorrang hat. Mit Behörden, im öffentlichen Verkehr, in Geschäften, in den Krankenhäusern und s.w.
Das Gefühl, dass die italienische Sprache in Südtirol viel wichtiger ist, wird den Ausländern bereits bei der Einwanderung vermittelt. Denn sie müssen Italienischkenntnisse vorweisen, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen oder die Staatsbürgerschaft zu beantragen.
Die Einführung der mehrsprachigen Unterricht in einer deutschen Schule wird dieses Gefühl weiter stärken, und nochmals die Offensichtlichkeit bestätigen :
Die deutsche Sprache ist nicht wichtig und nicht a mal in einer deutschen Schule Priorität.
Heute bekommen ausländische Kinder in der deutschen Schule zusätzliche Deutschstunden wenn ihre Kenntnisse zu schlecht sind.
In einer mehrsprachigen Unterrichtssituation wird dieses Problem nicht mehr so ernst genommen. Und die Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen werden einfach als Normalität empfunden und in die nächste Stufe reibungslos promoviert.
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