„Bildung, nicht Politik!“
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SALTO: Wie haben Sie den frühen Kontakt Ihrer Kinder mit der italienischen Sprache erlebt?
Ulrike aus Villanders: Ich bin Mutter von zwei Kindern, eines besucht den Kindergarten, das andere ist schon in der zweiten Klasse Volkschule. In der Kita hatten wir eine italienischsprachige Pädagogin, mit der wir sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Mein Sohn hatte eine ganz gute Beziehung zu ihr und hat die italienische Sprache spielerisch aufgenommen. Ohne Initiative unsererseits, hat er Gegenstände oder Tiernahmen auf italienisch ausgesprochen. Ich habe die Initiative, dass man die Kinder auf diesem Weg im Kindergarten weiterbildet stets unterstützt. Wenn man im Kindergarten weitergeht, sieht man ja, dass das etwas bringt.
„Ich bin einsprachig aufgewachsen und heute schäme ich mich, wenn ich Italienisch sprechen muss.“
Das Argument, dass Kinder im Umgang mit mehreren Sprachen überfordert werden, ist ein Witz. Die Kita, die in Villanders von der Sozialgenossenschaft Coccinella organisiert wird, vermittelt Sprache spielerisch. Beim Vergleich mit meinem älteren Sohn, der die Kita nicht besucht hat, sehe ich den Unterschied deutlich. Der Kleine tut sich leichter beim Lernen und Verstehen der Sprache, weil er vieles wiedererkennt, was einst spielerisch gelernt wurde. Ich bin einsprachig aufgewachsen und heute schäme ich mich, wenn ich Italienisch sprechen muss. Ich würde meinen Kindern wünschen, dass sie es einmal besser können.
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„Warum nutzt man die sprachliche Vielfalt nicht?”
Eltern aus Villanders haben mit ihrem gemeinsamen Anliegen an die Politik in den vergangenen Monaten Aufsehen erregt: Sie wünschen sich, dass Kinder bereits im Kindergartenalter spielerisch mit Mehrsprachigkeit in Berührung kommen. Auch in Kastelruth formuliert eine Elterngruppe eine ähnliche Forderrung: Mehrsprachigkeit soll bitte gefördert werden.
Auslöser sind in beiden Fällen die positiven Erfahrungen, von spielerischen mehrsprachigen Betreuungsangeboten in den Kindertagesstätten der Gemeinden. Viele Eltern halten es für pädagogisch sinnvoll, diesen Ansatz auch im anschließenden, bislang rein deutschsprachigen Kindergarten weiterzudenken. Die Eltern betonen, dass es nicht um Ideologie oder Systemfragen, sondern um altersgerechte Bildungsprojekte und frühe Sprachkontakte gehe.
SALTO hat mit vier Eltern aus Villanders und drei Eltern aus Kastelruth über das Thema gesprochen. Sie möchten in diesem Beitrag anonym bleiben, daher haben wir ihnen Fantasienamen gegeben. Die richtigen Namen sind dem Redakteur bekannt. -
Warum halten Sie Mehrsprachigkeit im Kindergarten für unproblematisch?
Patrizia aus Villanders: Ich selbst bin zweisprachig aufgewachsen. Mein Vater ist italienischsprachig, meine Mutter deutschsprachig. Ich habe das bis heute nie als Nachteil empfunden, im Gegenteil. Als Mutter zweier Kinder finde ich es extrem schade, dass sie im Kindergarten nicht bereits ans Italienische herangeführt werden. Zudem erscheinen die Italienischstunden in der Grundschule sehr wenig, geschweige denn lernt man die Sprache dort auch nicht mehr unbedingt spielerisch.
„Es geht hier nicht um Italianisierung oder Identitätsverlust.“
Es geht hier nicht um Italianisierung oder Identitätsverlust. Überhaupt nicht. Es geht darum, dass Kinder beim Spielen früh mit der Sprache in Kontakt kommen – ohne Zwang und ohne Überforderung. In meiner Diplomarbeit habe ich mich genau mit deutsch-italienischer Kommunikation in Südtirol beschäftigt. Das Argument, Kinder würden durch Mehrsprachigkeit überfordert, ist wissenschaftlich längst überholt. Ich finde es ehrlich gesagt schade, dass wir im Jahr 2026 noch solche Diskussionen führen müssen.
Hatten Sie jemals die Sorge, dass Ihr Kind sprachlich überfordert sein könnte?
Manuela aus Villanders: Meine beiden Kinder wachsen mehrsprachig auf, da mein Mann mit ihnen in seiner Muttersprache spricht. In der Kita kam noch das Italienische hinzu. Am Anfang war ich ehrlich gesagt skeptisch. Ich dachte, das wird zu viel. Aber diese Sorge ist sehr schnell verflogen. Ich habe gesehen, wie leicht meine Tochter das aufnimmt.
„Wir sind Eltern aus ganz unterschiedlichen Familien, mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und auch unterschiedlichem Wahlverhalten.“
Es geht ja nicht darum, dass Kinder Vokabeln büffeln. Als Erwachsener mit Hilfe von Apps Sprachen zu erlernen ist sehr mühsam. Sprache muss Alltagssprache sein. Die Kinder hören sie, lernen sie zu verstehen und irgendwann kommen die Wörter von selbst. Ich finde der Kindergarten ist der richtige Ort dafür. In unserem Dorf gibt es nicht viel alltäglichen Kontakt zur italienischen Sprache und seien wir ehrlich, in Klausen oder Brixen sieht es nicht wirklich anders aus. Das Ziel soll einfach sein, dass unsere Kinder später einfach ein bisschen besser Italienisch sprechen können als wir. Was ich schwierig finde: Dass das Ganze ist so politisiert worden. Das war nie unsere Absicht. Wir sind Eltern aus ganz unterschiedlichen Familien, mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und auch unterschiedlichem Wahlverhalten. Aber dabei geht es eben nicht um Ideologie oder Politik, sondern um die Bildung unserer Kinder.
Welche Folgen hat es Ihrer Meinung nach, wenn Mehrsprachigkeit zu spät beginnt?
Johanna aus Villanders: Ich finde, dass es für deutschsprachige Südtirolerinnen und Südtiroler ein Armutszeugnis ist, wenn wir nicht einmal gescheit Italienisch reden können. Viele haben Angst vor der Sprache und entscheiden sich deshalb gegen ein Studium in Italien. Ich habe selbst in Italien studiert, und das war sprachlich sehr herausfordernd. Nicht, weil ich es nicht lernen wollte, sondern weil mir einfach die frühe Praxis gefehlt hat.
„Etwas dazuzulernen hat nichts mit Identitätsverlust zu tun.“
Mehrsprachigkeit sollte als Geschenk gesehen werden, nicht als Bedrohung für Autonomie oder Kultur. Etwas dazuzulernen hat nichts mit Identitätsverlust zu tun. Das Gegenteil ist der Fall. Ich wünsche mir für meine beiden Kinder, dass Italienisch einfach normal ist. Ohne Hemmungen, ohne Angst.
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Mehrsprachigkeit in Kastelruth
In Kastelruth hat sich eine inoffizielle Elterngruppe zum Thema Mehrsprachigkeit gebildet, der mittlerweile über 50 Familien angehören. Ziel der Initiative ist es, Mehrsprachigkeit im Alltag zu fördern, vor allem in der Freizeit und auch für Erwachsene. Gleichzeitig sehen die beteiligten Eltern es als Vorteil, wenn Mehrsprachigkeit auch in Kindergärten und Schulen stärker berücksichtigt wird.
Die Elterninitiative Kastelruth hat sich eigenständig entwickelt, steht jedoch in Austausch mit der Elterninitiative aus Villanders. In der Gegenüberstellung, richtet sich der Fokus der Eltern in Kastelruth generell auf die Förderung von Mehrsprachigkeit, während die Initiative in Villanders spezifisch einen Förderungsansatz im frühen Kindesalter anstrebt. -
Warum sollte Mehrsprachigkeit Ihrer Meinung nach bereits im Kindergarten beginnen und nicht erst in der Schule?
Andrea aus Kastelruth: Meine Kinder wachsen zweisprachig auf, ich bin deutschsprachig, mein Mann ist Italiener. Das ist in Kastelruth keine Ausnahme. Wir hätten in Südtirol eigentlich den Vorteil, dass wir zwei Sprachen im Land haben. Warum sollte man das nicht schon im Kindergarten nutzen?
„Später braucht man die Sprachen sowieso in der Schule, im Studium, im Beruf, für die Zweisprachigkeitsprüfung.“
In der Kita haben meine Kinder auf Deutsch, Italienisch und auch Ladinisch gesungen. Zu Hause haben sie dann auf Deutsch und Italienisch gezählt. Wenn sie so klein sind, ist das viel leichter. Später braucht man die Sprachen sowieso in der Schule, im Studium, im Beruf, für die Zweisprachigkeitsprüfung. In der Schule fehlt oft die Praxis, wenn das Umfeld nur deutschsprachig ist. Je früher die Kinder einen Kontakt zu unserer Sprachenvielfalt haben, desto besser. Ich frage mich, warum man das so streng trennt. In Gröden funktionieren drei Sprachen. Warum funktioniert es dort mit drei Sprachen und anderswo nicht einmal mit zwei? In Kastelruth haben sich Eltern unabhängig von Villanders zusammengeschlossen. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe gegründet und wollen uns spielerisch mit Sprache beschäftigen. Konkrete Rückmeldungen aus der Politik gibt es bisher nicht.
In der Kastelruther Kita kommen die Kinder also sogar mit drei Sprachen in Berührung. Was hat dieser Kontakt bei Ihrem Kind bewirkt?
Alexander aus Kastelruth: In Kastelruth hat sich unabhängig von der medialen Diskussion eine private Elterninitiative gebildet, um Mehrsprachigkeit zu fördern, fernab vom Kindergarten. Kastelruth ist eine Tourismushochburg, das fördert natürlich auch den Zuzug von Familien aus Italien oder aus anderen Ländern. Diese Kinder kommen dann in den Kindergarten und in die Kita.
„Das ist nicht nur Lernen für die Schule, sondern fürs Leben.“
Ich bin Vater einer Tochter, die zwei Jahre in der Kindertagesstätte Kastelruth verbracht hat. Dort wurde sie praktisch dreisprachig begleitet: Deutsch, Italienisch, Ladinisch. Jeden Morgen gab es einen Morgenkreis, bei dem der Tag jeweils mit einem Lied in einer anderen Sprache begonnen wurde. Für Kinder in diesem Alter ist das extrem wertvoll. Seit sie im Kindergarten ist, merkt man den Bruch. Ohne Übung geht halt vieles verloren. Aber ein Fundament bleibt. Das ist nicht nur Lernen für die Schule, sondern fürs Leben.
Und die Nachbargemeinden machen das besser?
Maria aus Kastelruth: Wir sind keine zehn Minuten von Gröden entfernt, wo drei Sprachen alltäglich gesprochen werden. Zehn Minuten weiter Richtung Kastelruth ist größtenteils nur noch eine Sprache präsent. Das finde ich schade. Ich bin Mutter zweier Kinder, die zweisprachig aufwachsen. Aber man sieht, wie unterschiedlich die sprachlichen Realitäten auf so kurze Distanz sind.
„Mein Sohn war in der Kita, dort kam tatsächlich auch Ladinisch vor. Er konnte von eins bis zwanzig zählen und hatte Spaß an Wörtern, die ich selbst nicht kannte.“
Kinder lernen Sprachen spielerisch. Für sie ist das kein Stress, sondern ein Spiel. Mein Sohn war in der Kita, dort kam tatsächlich auch Ladinisch vor. Er konnte von eins bis zwanzig zählen und hatte Spaß an Wörtern, die ich selbst nicht kannte. Er hatte eine riesige Freude daran. Im Kindergarten ist dieser Kontakt dann weggefallen, und vieles ging wieder verloren. Oft wird gesagt, Kinder dürften nicht überfordert werden, in unserer Familie sowie im lokalen Bildungskontext sehe ich das nicht. Wir organisieren jetzt unter den Eltern ein Nachmittagsangebot mit Liedern, Spielen und Basteln, und zwar auf Deutsch, Italienisch und Ladinisch. Es geht nicht um Politik. Südtirol bleibt Südtirol. Wir verstehen nur nicht, warum man die sprachliche Vielfalt, die wir haben, nicht nutzt.
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Diese Elternanliegen in Villanders und Kastelruth sind bewundernswert und man sollte sie tatkräftig unterstützen. Wahrscheinlich bestehen dieselben Wünsche auch anderswo, auch in den Städten, sind aber noch nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Im Kindergarten etwas zu stoppen, was in der Kita funktioniert, ist schon extrem kurzsichtig.
Die Resultate dieser Kurzsichtigkeit sieht man dann teilweise auch bei den Zweisprachigkeitsprüfungen.
Der frühe, spielerische Kontakt mit der zweiten Landessprache sollte auf keinen Fall unterbrochen werden: Dabei geht es nicht, wie auch im Artikel beschrieben, um Vokabeln zu studieren, sondern um das Gehör und das Gefühl für die andere Sprache zu entwickeln.