Frauen im Alter: unSICHTBAR
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Oberschenkelbruch. Der zweite innerhalb von zwei Jahren. Dieses Mal knapp oberhalb des Knies. Operation zwei Tage später. Postoperative Krise, zwei Tage Intensivstation, an die sie sich nicht erinnert, danach zurück auf die Traumatologie.
Eine Reha würde wohl eher schwierig werden, meint eine Krankenschwester emotionslos. Wir sollten uns darauf einstellen, dass unsere Mutter bald nach Hause entlassen wird. Das sei eben so. Die Plätze in der Reha seien begrenzt und wenn die Aussicht auf Erfolg gering ist, ja dann … dann sei das eben so. Es zahlt sich nicht mehr aus. Ganz klar sagt das niemand, aber wir verstehen auch so.
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ALCHEMILLAndo
Alchemilla ist der lateinische Name des Frauenmantels. Diese Pflanze ist die Namensgeberin des feministischen Vereins „Alchemilla“ mit Sitz in Bozen. Seit beinahe 30 Jahren geben die Alchemillen den Südtiroler Frauenkalender heraus.
Die SALTO-Reihe „ALCHEMILLAndo“ leitet sich vom Vereinsnamen ab. Sie greift Themen des Kalenders auf, dient als feministischer Auf- und Zwischenruf und lädt zum Nachdenken und Vertiefen ein. Sie erscheint ab nun am 8. Tag jeden Monats; alle Texte sind von Alchemillen für SALTO verfasst unter der Koordination von Heidi Hintner.
Foto: Gabi Veit -
83 Jahre alt ist unsere Mutter, Zeit ihres Lebens Hausfrau, Mutter, Großmutter. Ihre eigenen Bedürfnisse hat sie stets hintenangestellt, hinter die bedingungslose Fürsorge für ihre Familie. Sie wäre gerne Lehrerin geworden. Nachdem ihre eigene Mutter aber kränklich war, galt es, für die Familie da zu sein. Als einzige Tochter war das einfach selbstverständlich. Für die Gesellschaft, für ihre Familie und letztendlich auch für sie selbst.
Am Ende kamen nicht einmal zwei Versicherungsjahre zusammen.
Vor ihrer Ehe war sie Kindermädchen, Haushaltshilfe, Mädchen für alles. Am Ende kamen nicht einmal zwei Versicherungsjahre zusammen. Für die Hausfrauenrente hatte sie sich auf unser Drängen hin gemeldet, den fehlenden Sockelbetrag vom mühsam Ersparten eingezahlt. Knappe 500 Euro bekommt sie nun monatlich. Sie freut sich darüber. Zum (Über-)Leben reicht der Betrag nicht.
Sie würde einfach gerne noch ein paar Jahre leben, sagt sie. Daheim. Möglichst selbständig. Wir kämpfen für ein paar Wochen Aufenthalt in einer Rehaklinik. So wie schon zwei Jahre zuvor. Und irgendwie geht es dann auch. Weil wir bitten und erklären. Weil wir drängen. Weil wir beharrlich bleiben. Und weil jeder noch so kleine Fortschritt allen das Leben einfacher und würdevoller macht.
Unsere Mutter gibt ihr Bestes, fügt sich den manchmal etwas ungeduldigen Aufforderungen, sich aufzurichten, ihre Übungen zu machen, demütig, still. Es bleibt ihr ja auch nichts anderes übrig.
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Zum Glück treffen wir immer wieder auf Menschen, die ein großes Herz und vor allem Verständnis für die Langsamkeit des Alters haben. Für die Pflege, die nach der Reha erforderlich ist, finden wir nach einer unglaublichen Odyssee durch einen nicht immer nachvollziehbaren Bürokratiedschungel mit Stempeln und ärztlichen Zeugnissen und Gutachten und weiteren Stempeln für drei Wochen einen Platz in einem Altersheim. Kurzzeitpflege. Zu Hause ist es einfach noch nicht zu schaffen, weil unsere Mutter auf einen Rollstuhl angewiesen ist.
Das müsse sie eben akzeptieren und unser Vater, 87 Jahre alt, eben auch.
Eine Woche Krankenhausaufenthalt, knappe vier Wochen Reha, drei Wochen Kurzzeitpflege, danach sind wir auf uns gestellt. Wir sollten halt eine „Badante“ suchen, sagt man uns immer wieder. „Badanti“ als Lösung für ein System mit großen Lücken. Ob unsere Mutter das will, steht nicht zur Debatte. Das müsse sie eben akzeptieren und unser Vater, 87 Jahre alt, eben auch. Derart tiefgreifende Veränderungen über den Kopf unserer Eltern hinweg in die Wege zu leiten widerstrebt uns. Verständnis ernten wir dafür nicht. Wir arrangieren uns, finden privat Hilfe. Vom System haben wir bis auf ein paar mühsam erkämpfte Physiotherapieeinheiten bis auf Weiteres nichts mehr zu erwarten.
Alte Menschen werden immer unsichtbarer, war vor einiger Zeit in einer unserer Tageszeitungen zu lesen. Das erleben wir gerade hautnah. Alte Menschen werden immer unsichtbarer und die Menschen, vorwiegend Frauen, die sie pflegen, auch.
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Die allermeisten Menschen…
Die allermeisten Menschen beschäftigen sich viel zu spät damit, wie sie im hohen Alter gepflegt werden wollen und wälzen alles auf ihre Kinder ab, die dann schon selber alt sind oder Arbeit und Familie haben. Eine Generation die alles gehabt hat, was man sich wünschen kann. Kein Krieg, selbstständiges Leben, Wirtschaftsaufschwung, kostenlose universale Gesundheitsversorgung. Und am Ende irgendwann Badante oder Heimplatz. Ich sehe darin nichts schlimmes. Mehr kann man doch nicht verlangen? Ich wünsche mir, dass die Politik in Junge investiert. Die kämpfen gerade ums Überleben.
Ja, stimmt. Ich habe auch kein Verständnis. Alt werden ist meistens nicht schön.
Würde mich interessiere, was…
Würde mich interessiere, was die Autorin sich vom System erwarten würde.
Die Reha müsste dringend ausgebaut werden: die Nachfrage ist riesig, Tendenz steigend und Junge die sich zum Physiotherapeuten ausbilden lassen würden, gäbe es genug.
Altersheime? Hauspflege? Diese Arbeiten werden immer unattraktiver für junge Menschen.... Hotelfachschulen sind da schon gefragter im Tourismusland Südtirol.
Bei allem Verständnis und…
Bei allem Verständnis und Mitempfinden: Die Gesellschaft altert und die Fälle, wie der oben beschriebene, werden immer zahlreicher. Die öffentlichen Haushalte geben es nicht her, eine Rundumversogung für alle zu sichern. Da wird künftig halt immer mehr an der Familie hängen bleiben. So es diese gibt.
Die Rechnung ist einfach:…
Die Rechnung ist einfach:
Faktor 1: Die Demografie zeigt ganz deutlich, dass geburtenstarken Jahrgänge ans Ende der gesunden Lebensjahre (Kennzahl Healthy Life Years) kommen und dadurch die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen zwangsläufig steigen wird.
Faktor 2: Die Erwartungshaltung an Gesundheitsdienstleistungen ist heute höher, als sie es früher war. Man sieht das z.B. daran, wegen wie vieler Bagatellerkrankungen Bürger zu Fachärzten gehen, obwohl sie bei einem Hausarzt womöglich sogar besser aufgehoben wären.
Faktor 3: Die politische und wirtschaftliche Gemengelage führt dazu, dass man im Gesundheitswesen eher versucht zu sparen, anstatt zu investieren.
Diese drei Faktoren gehen nicht zusammen: Der Bedarf an Gesundheitsdienstleistungen nimmt zu. Das heißt es gibt eigentlich nur 2 Möglichkeiten
1. Wir fahren unseren Sparkurs weiter, dann müssen wir aber auch eine sinkende Qualität in Kauf nehmen, die sich z.B. durch ein weiteres Ansteigen von Wartezeiten oder auch die Anwendung von günstigeren Therapieverfahren zeigen wird.
2. Wir sagen als Gesellschaft, uns ist es wichtig, die Qualität hoch zu halten, dann müssen wir aber auch entsprechend Geld in die Hand nehmen.
Der Beitrag über diese Frau mit dem Oberschenkelhalsbruch zeigt sehr deutlich, woran unser System am meisten krankt: Die Akutversorgung funktioniert bei uns gut. Einen Knochen zu reparieren oder eine Krebsbehandlung durchzuführen, das läuft nach wie vor top.
Ich sehe das große Manko im Bereich der chronischen Erkrankungen und im Bereich der Prävention.
Ich frage mich z.B. hat die Patientin oben mal ein Screening gegen Osteporose gemacht und wurde entsprechend therapiert? Wurden ihr als sie zunehmend gangunsicherer Wurde Angebote für ein Sturzprophylaxe-Training gemacht? Ein Physio- oder Ergotherapeut, der einen Kurs mit 8 Einheiten für eine 20er-Gruppe Senioren gibt, kostet das öffentliche Gesundheitswesen vielleicht 2000 €, also 100 € pro Kopf. Die Behandlung einer Schenkelhalsfraktur kostet aber 25.000 €
Leider lassen sich die Erfolge von Investments in Prävention sehr schlecht betriebswirtschaftlich messen, daher werden solche Ansätze auch viel zu wenig gefördert.