Leergepresste Tränendrüsen
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Ein Lateinlehrer und eine Bauerstochter lernen sich irgendwann in den 1580er Jahren in England kennen. Sie verlieben sich, müssen sich den Widrigkeiten jener Zeit stellen, unter anderem wird Agnes, so heißt die junge Frau, vorgeworfen, sie wäre eine Hexe, und der Lehrer stammt aus einer Familie, die die Heirat nicht billigt. Die Jugend widersetzt sich der Elterngeneration, und bald schon wächst eine Familie heran. Erst ein Mädchen, dann die Zwillinge Judith und Hamnet. Im Laufe der Zeit wächst die Familie eng zusammen, erlebt Schicksalsschläge und auch biblische Wunder – bis zur Auflösung, die gleichzeitig Katharsis und Trost darstellt.
Schon kurz nachdem Regisseur Chloé Zhao in ihrem neuen Film Hamnet das Vorgeplänkel – nennen wir es den ersten Akt des Dramas – während dem sich das Liebespaar näherkommt, erledigt hat, greift sie tief in die Trickkiste des Kinos. Daraus holt sie den Vorschlaghammer, der spätestens ab der Geburt der Zwillinge nahezu pausenlos und mit voller Wucht auf die Tränendrüse des Publikums schlägt. Ja, Hamnet erzählt eine Geschichte, die von Höhen und Tiefen geprägt ist. Was die Familie mitmachen muss, ist tragisch, dann wieder rührend schön, doch bei allen Tränen, die das Drehbuch dem Auge mit Gewalt zu entziehen versucht, bleibt bald ein fader Beigeschmack. Ganz in der Tradition eines Steven Spielberg, der an Hamnet als Produzent beteiligt ist, spielt Zhao die Klaviatur des manipulativen Kinos sehr gut. Und doch bleibt sie bis zum Schluss verblüffend durchschaubar. Ob man sich als Zuschauer*in auf diese Weise manipulieren lassen möchte, ist jeder und jedem selbst überlassen. Widerstrebt einem jedoch das Sich-mit-ziehen-lassen in ein hochemotionales Drama, das um jeden Preis gefühlt werden möchte, hat man mit Hamnet ein Problem. Der Film überlässt dem Publikum nicht seine Emotionen, sondern erzwingt sie.
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Chloé Zhao ist eine Regisseurin mit Profil, doch in Hamnet opfert sie dies einer uninspirierten Inszenierung. Die Bilder mögen schön sein, doch wirken oftmals belanglos, wahllos, mäandernd im Wald verloren. Anders als bei Terrence Malick hat es hier aber kaum einen Reiz. Spannender sind da schon die Hauptdarsteller*innen. Angeführt wird das Ensemble von Jessie Buckley, die Agnes verkörpert, und den Begriff „Körper“ sehr ernst nimmt. Ihre Darstellung geht unter die Haut, führt das Drehbuch und ihre Rolle derart perfekt aus, dass am Ende der Eindruck bleibt: Schade um die großartige Leistung im falschen Film. Der Oscar für die Beste Hauptdarstellerin dürfte Buckley aber dennoch sicher sein. An ihrer Seite spielt Paul Mescal den Lateinlehrer, eine Figur, um die lange Zeit im Film ein Geheimnis gemacht wird – eines, welches das Marketing von Hamnet leider direkt verraten hat. An dieser Stelle wollen wir nicht weiter darauf eingehen, nur andeuten, dass Mescals Figur vor allem deshalb so spannend ist, da die Tragweite ihrer Existenz nur dem Publikum bewusst ist. Wir sind die allwissenden Erzähler.
Was ist Hamnet nun für ein Film? Publikumsliebling, Preiskandidat, emotionales Drama, ein „Tearjerker“, historisches Gemenge, Wundererzählung, der Versuch, einen Mythos zu entschlüsseln, großes Schauspielerkino, Unterwerfung einer talentierten Regisseurin vor Hollywood? Ja, alles in einem, und doch ein Film, der die großen Fußstapfen, in die er treten möchte, nicht zu füllen vermag.
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