Politica | Nachtökonomie

Gute Nacht, Bozen

Bozen will in Sachen „Nachtökonomie“ Impulse setzen. Kann das gelingen? Die Herangehensweise ist etwas förmlich und wenig praxisnah.
Lichtverschmutzung
Foto: Othmar Seehauser
  • „Mit den neuen Leitlinien wird die Stadtverwaltung das Nachtleben steuern, anstatt dass die Nacht die Stadt auf anarchische Weise steuert“, meinte Sabrina Michielli kurz vor Weihnachten 2025 im Rahmen einer medial wirksam in Szene gesetzten Vereinbarungsunterzeichnung zwischen der Stadt Bozen und der Freien Universität zum - in modernen Städten so angesagten - Thema „Nachtökonomie“.

    Anarchisch Gewachsenes für Tag und Nacht, für Jung und Alt, wurde in Bozen bereits einmal dem Erdboden gleichgemacht, als die Stadtregierung glaubte, die Kontrolle über die Jugend wäre beim Gebäude Ex-Monopolio aus dem Gleichgewicht geraten. Während die Stadt dann Ende der 1990er-Jahre aus ihrem Dornröschenschlaf aufzuwachen schien, schlief sie nur wenige Jahre später wieder ein. Nun will man die verlorengegangenen Jahre wieder gutmachen – mit nächtlichem Spirit.
     

    Wer sind die beteiligten Akteure? Welche Angebote existieren bereits? Wo liegen die besonderen Herausforderungen für Bozen?

  • Funktionierendens Tandem?: Alex Weissensteiner von der Universität Bozen und Bozens Bürgermeister Claudio Corrarati. Foto: SALTO/HM

    Wenn sich dazu die zwei Big Player Universität und Stadtregierung zusammentun, um zumindest die Nachtstunden in der Landeshauptstadt besser zu regeln als jene am Tag, mag das zunächst löblich klingen. Leider wirkt es aber noch wie ein unstimmiges Regelwerk, das beide Institutionen heute den Medien präsentierten. Vielleicht auch deshalb, weil gerade die Stadt Bozen wie auch die Uni in den vergangenen Jahren vor allem dafür gesorgt haben, dass das Nachtleben gegenwärtig noch schlechter dasteht als vor 25 Jahren. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Ein Grund für ein mögliches Scheitern des von Rektor Alex Weissensteiner und Bürgermeister Claudio Corrarati wichtigen Projekts ist vor allem in der einseitigen Herangehensweise zu suchen. Bislang wurden alternativ geborene Dringlichkeiten engagierter Bürgerinnen und Bürger oder von Subkulturen, die von unten entstehen und gelebt werden, in Bozen (wie auch im Rest vom Land) gerne im Keim erstickt. Nun wird Nachtökonomie von oben herab als hof- und zukunftsfähig verkauft. Gelingt es tatsächlich Wurzeln zu schlagen? Die Stadt wird sehen. 

    Das heute bei einer erneuten Zusammenkunft den Medien vorgekaute Projekt möchte die nächtliche Mobilität, die Lebensqualität sowie die kulturellen und sportlichen Angebote in der Stadt verbessern. Der erste Schritt besteht in einer umfassenden Analyse und Sammlung vorhandener Daten – mit dem hehren Ziel, sich zunächst ein klares Bild der aktuellen Situation zu machen und nachzufragen: Wer sind die beteiligten Akteure? Welche Angebote existieren bereits? Wo bestehen die besonderen Herausforderungen für Bozen? Erst auf dieser Grundlage werde dann entschieden, welche Entwicklungen in Zukunft angestrebt werden.
     

    Zweimal wurde ausdrücklich betont, dass es der Stadt nicht darum gehe, Bozen in eine „Party- oder Diskostadt“ zu verwandeln.

  • Haben Sie Bozen bei Nacht erlebt?: Was passiert während der Nachtstunden in Bozen? Zu wenig! Das soll sich nun ändern. Foto: Seehauserfoto

    Der gesamte Prozess ist als inklusiver Beteiligungsprozess angelegt, hieß es: bürgernah und studierendenfreundlich. Neben der Stadtverwaltung sind die Universität, Studierende (betreut von Stefania Baroncelli), verschiedene Organisationen sowie die Bevölkerung insgesamt eingeladen, sich aktiv einzubringen. Über einen Fragebogen und Arbeitstische will man Probleme und Kritikpunkte sammeln und Verbesserungsvorschläge vorbereiten. Man orientiere sich unter anderem an Erfahrungen anderer Städte. Beispielsweise wurden Modelle aus Städten wie Bologna untersucht, die bereits als Vorreiter im Bereich der sogenannten „Nachtökonomie“ gelten.

    Zweimal wurde ausdrücklich betont, dass es der Stadt nicht darum gehe, Bozen in eine „Party- oder Diskostadt“ zu verwandeln. Vielmehr gehe es hingegen um ein ausgewogenes Konzept für das nächtliche Leben, das unterschiedliche Interessen berücksichtigt: Arbeit, Freizeit, Kultur, Mobilität und Sicherheit. Ebenso würden neue Mobilitätslösungen geprüft, etwa flexible oder bedarfsorientierte Verkehrssysteme für die Nacht.

    Viele Veranstalter und einstige Mitstreiter für eine bessere „Nachtökonomie“ in Bozen reagieren auf das lancierte Projekt im Rathaus und an der Universität skeptisch bis hoffnungsvoll. „Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren haben in Bozen kaum Orte, an denen sie sich abends zwanglos treffen können – besonders ohne Konsumzwang“, meint Tobe Planer, der sich über Jahrzehnte für ähnliche Belange einsetzte, die nun vom Rathaus über Fragebögen eruiert werden. Er habe damals neben anderen Ideen auch eine „Gleitzeit“ bei den Öffnungszeiten der Lokale vorgeschlagen, „damit nicht alle gleichzeitig schließen und große Menschenansammlungen entstehen“. 

    Ein weiterer Beobachter aus der freien Kulturszene glaubt, dass das Projekt zur Nachtökonomie in Bozen durchaus Potenzial habe, dass es aber noch eine Menge an Netzwerkarbeit benötige. Außerdem wäre es notwendig, das Projekt von seinem noch sehr institutionellen Sockel auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Aber das soll ja noch passieren. Schlaf gut, bis dahin! Du Projekt, du!