Heißes Eishockey
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„Heated Rivalry“ sorgt in Amerika und Kanada für Furore, seitdem es im Dezember dort erschienen ist. Sogar in der großen Politik zeigt man sich begeistert: Sowohl der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani als auch der kanadische Premierminister Mark Carney empfahlen öffentlich die Serie beziehungsweise ihre Romanvorlage. Die aus sechs Episoden bestehende erste Staffel wurde von der kanadischen Streaming-Plattform „Crave“ mit relativ kleinem Budget produziert. Die beiden Hauptdarsteller, Hudson Williams und Connor Storrie, wurden in kürzester Zeit zu Hollywoods heißesten Newcomern. Nachdem die Prestige-TV-Schmiede HBO die Rechte für die Ausstrahlung in den USA erworben hatte, war der Aufstieg zum Fernsehhit besiegelt.
Pünktlich zum Valentinstag – erscheint „Heated Rivalry“ am heutigen Freitag endlich auch in Italien. Die Serie – die auf der Romanreihe der kanadischen Autorin Rachel Reid basiert – lässt sich dem Genre „gay romance“ zuordnen. Protagonisten sind die NHL-Hockeyprofis Shane Hollander und Ilya Rozanov, die sich ineinander verlieben. Aber die Liebe zwischen zwei Männern ist auch zu Beginn der Staffel im heteronormativen Sport ein Tabu. Außerdem stehen sich die beiden regelmäßig auf dem Eis als Spieler zweier verfeindeter Vereine gegenüber.
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„Werde es mir auf jeden Fall ansehen“
Spätestens seitdem die beiden Hauptdarsteller als olympische Fackelläufer im Veneto im Einsatz waren, spricht man auch in Italien von „Heated Rivalry“. Auch bei den Spielern der größten Südtiroler Hockeyclubs, dem HC Bozen und dem HC Pustertal, ist die Serie bereits ein Thema: Einige von ihnen haben bereits von der Serie gehört, die meisten davon wissen aber nur, dass es sich irgendwie um Hockey dreht. So auch Daniel Frank vom HC Bozen: „Einige in der Kabine haben bereits darüber geredet. Ich habe mir die Serie für die anstehenden Busfahrten aufgehoben, aber ich werde es mir auf jeden Fall ansehen,“ sagt der Kapitän des HCB.
Auch im Team des HC Pustertal war die Serie bereits Thema, wie Matthias Mantinger berichtet: „Als ‚Heated Rivalry‘ auf den sozialen Medien getrendet ist, haben wir in der Mannschaft mal kurz darüber geredet.“ Außerdem habe Mantinger mitbekommen, dass der NHL-Funktionär Gary Bettman Ende Jänner verlautbaren ließ, die ganze Staffel an einem Tag angeschaut zu haben.
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Auch Mantingers Teamkollege Henry Bowlby hat schon von „Heated Rivalry“ gehört: „Ich habe schon mitbekommen, dass es um ein schwules Hockeypaar geht, mehr aber eigentlich nicht“, sagt er. Wie viele von den befragten Hockeyprofis hat auch Austin Osmanski vor allem den Hype auf sozialen Medien wie Instagram und Twitter mitbekommen. „Ich finde es gut, dass jemand eine Serie geschaffen hat, die den Hockeysport für alle voranbringt“, meint der Verteidiger des HCP. Der Tormann des HCB, Sam Harvey, schlägt in dieselbe Kerbe: Er findet es großartig, wenn sich mehr Menschen und auch mehr Frauen für den Eishockeysport begeistern. „Außerdem wird mehr Inklusion geschaffen. Ich glaube nicht, dass Hockey irgendwelche Grenzen hat. Wenn man Hockey spielen möchte, spielt es wirklich keine Rolle, welche ethnische Herkunft oder welche sexuelle Orientierung man hat“, meint der Goalie, der ebenso wie die Serie aus Kanada stammt.
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„Heated Rivalry“ als Social-Media-Strategie
Der HC Pustertal hat bereits im Jänner einen Tik-Tok Post mit einer Anspielung auf „Heated Rivalry“ online gestellt. Wie auch in der Serie wurde das Lied „All the thing she said“ verwendet. Emma Schenk, die den Tik-Tok Account des HCP betreut, tat dies bewusst, da das Thema aktuell auf Social Media stark präsent sei und entsprechend viel Aufmerksamkeit generiere.
„Ziel war es, eine jüngere Zielgruppe im Alter von etwa 17 bis 25 Jahren anzusprechen, die sowohl Interesse an der Serie als auch an Eishockey habe. Die Serie hat dazu beigetragen Eishockey einer breiteren Öffentlichkeit näherzubringen und teilweise interessieren sich nun auch Personen für den Sport, die primär durch die Serie darauf aufmerksam geworden sind“, meint Schenk. Auch Vereine der DEL sowie einige NHL-Clubs würden derzeit eine solche Social-Media-Strategie verfolgen.
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@hcpustertal_official Room 1️⃣2️⃣2️⃣1️⃣ @EC Red Bull Salzburg . #HCPustertal #Icehockey #heatedrivalry ♬ All The Things She Said - t.A.T.u.
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Großes weibliches Interesse
Die Fernsehserie begeistert vor allem Mädchen und Frauen. Diese haben „Heated Rivalry“ mit viralen Edits (kurzen Videozusammenschnitten) zu einem Social-Media-Phänomen gemacht. Die Bezeichnung „boy aquarium“ (dt. Jungsaquarium) für den Besuch im Hockeystadion etwa wurde zum Trend-Begriff. Aber auch im echten Leben war der Hype um die Serie in Amerika zu spüren: Fans trafen sich in Bars, um die neu erschienen Folgen gemeinsam anzuschauen und es gibt sogar Clubs, in denen Social-Media-Edits der Serie auf Leinwände projiziert und dazu getanzt wird.
Nicht nur wegen der attraktiven Hauptdarsteller und der expliziten Intimszenen ist die weibliche Fanbase von „Heated Rivalry“ groß. Katharina Crepaz, Wissenschaftlerin an der EURAC mit Forschungsfokus auf Gender und Diversität, erklärt sich das große Interesse vieler Frauen für queere Serien mit komplexeren Männlichkeitsbildern und der abwesenden Objektifizierung der weiblichen Charaktere.
Frauen hätten ein immer größeres Interesse an Inhalten, die nicht dem male gaze folgen, die sich am nackten männlichen anstatt weiblichen Körper als Objekt der Begierde der Zuschauenden orientieren.
„Generell bietet die Serie wohl auch einen Gegenentwurf zu derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen: Vor sexuellen Handlungen wird ganz gezielt consent, also die Zustimmung der anderen beteiligten Person, eingeholt, während wir in Italien in der Gesetzgebung zu sexualisierter Gewalt gerade in die andere Richtung gehen“, meint die Genderforscherin Crepaz.
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Julia Ganterer, Forscherin am Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung der Universität Innsbruck, interpretiert das große Interesse bei weiblichen Fans „als ein klares Signal für ein Bedürfnis nach alternativen Modellen von Liebe, Beziehung, Geschlechterrollen und Körperlichkeit, die sich jenseits oder zumindest alternativ zu heteronormativen Lebens- und Liebesformen ergeben können“.
Kulturwandel im Profi-Sport möglich?In der NHL, der höchsten nordamerikanischen Liga, hat sich noch nie ein aktiver Spieler öffentlich geoutet. Eine Szene wie in Episode 5 von „Heated Rivalry“, als Team-Kapitän Scott Hunter seinen Freund auf der Eisfläche vor einem Millionenpublikum küsst, gab es in unserer Realität noch nicht. Im Zuge der Serie sprach allerdings der ehemalige Amateur-Hockeyspieler Jesse Kortuem öffentlich über seine Erfahrungen als schwuler Spieler und erhielt dafür viel Zuspruch.
Überraschend großen Zuspruch erhält „Heated Rivalry“ auch in Russland – einem Land, in dem die Rechte der LGBTQIA+‑Community stark eingeschränkt sind.
Mit dem inneren Konflikt, dem dort viele Menschen ausgesetzt sind, sieht sich auch Protagonist Ilya aufgrund seiner russischen Herkunft konfrontiert: Bleibt er den Erwartungen seines Heimatlandes treu oder entscheidet er sich dafür, offen zu seiner Identität zu stehen?
Dass im Eishockey des Westens LGBTQIA+‑Spielerinnen selbstverständlich am Spitzensport teilnehmen und sichtbar sind, zeigt sich bei den aktuellen Olympischen Winterspielen: So treten die offen lesbischen Profi‑Hockeyspielerinnen Anna Kjellbin und Ronja Savolainen für die schwedische beziehungsweise finnische Nationalmannschaft an, stehen trotz ihrer Beziehung auf gegnerischen Seiten und bekommen für ihre Präsenz und Leistung viel Zuspruch.
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