Pusterer Wölfe jagen den Olympia-Traum
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„Ich glaube, für einen Sportler gibt es nichts Größeres“, sagte Daniel Glira (31) noch im vergangenen Oktober im Gespräch mit SALTO. „Und ich weiß, welche Leistung ich bringen muss, um dieses Ziel zu erreichen.“ Vor wenigen Wochen dann die Erleichterung, „eine Riesenlast, die abfällt“: Der gebürtige Innichner ist im Aufgebot von Italien-Coach Jukka Jalonen für die Olympischen Spiele, quasi vor der Haustür.
Von Gliras Heimatort,Toblach, braucht man mit dem Auto keine Dreiviertelstunde nach Cortina. Antholz ist sowieso nur einen Steinwurf entfernt, zumindest, wenn der Verkehr auf der Pustertaler Straße mitspielt. Nach Mailand, dem Austragunsort der Eishockey-Bewerbe, sind es zwar fast 400 Kilometer - ein Heim-Olympia ist es aber allemal. Richtig begreifen mag Glira die Teilnahme kurz vor Start des Eishockeyturniers am 11. Februar noch nicht. „Richtig passieren wird das wohl erst, wenn es losgeht“.
Am Mittwochabend (21:10 Uhr) starten die Azzurri gegen Schweden ihren Vorrunden-Reigen. Mit von der Partie ist mit Tommy Purdeller (21) noch ein weiterer waschechter Pusterer Wolf im Dienst des HC Falkensteiner Pustertal. Die Olympischen Spiele hat er schon länger im Visier. „Seit ich weiß, dass Italien Gastgeber für Olympia 2026 ist, habe ich mir immer gedacht: ‚es wäre brutal bärig, dabei zu sein und den Sprung in den Kader zu schaffen‘“, verrät der Montaler SALTO. Jetzt erfüllt sich für Tommy-Boy, wie Purdeller liebevoll von Kommentator Thomas Laconi genannt wird, der große Traum aus Jugendzeiten.
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David gegen Goliath - HCP-Cracks messen sich mit den Besten der Welt
Was diese Spiele nochmal besonderer macht: nach 12 Jahren sind erstmals wieder die absoluten Topspieler zurück auf olympischem Eis. Die nordamerikanische NHL stellt ihre Superstars ab, Glira und Purdeller stehen Ikonen gegenüber, die sie sonst nur aus dem Fernsehen oder früheren Großereignissen kennen. Einer davon ist auch der Schwede Victor Hedman. Der 35-jährige Abwehrveteran misst fast zwei Meter und bringt stattliche 110 Kilogramm auf die Waage. Der zweifache Stanley-Cup-Champion steht seit 2009 im Dienst der Tampa Bay Lightning und blickt auf 1152 NHL-Spiele und 807 Punkte zurück, seit zwei Jahren trägt er das „C“ auf der Brust.
„Ich treffe auf Vorbilder, zu denen ich aufgeschaut habe und von denen ich versucht habe, vieles zu lernen. Es wird brutal bärig, mich mit ihnen messen zu können.“
Daniel Glira traf schon 2017 bei der Weltmeisterschaft in Köln, damals noch gemeinsam mit den HCP-Legenden Armin Helfer und Armin Hofer in der Defensive, auf den schwedischen Giganten. Italien zog damals klar mit 1:8 den Kürzeren. Angst vor dem Wiedersehen hat der Toblacher nicht, aber gehörig Respekt: „Hedman ist schon ein imposanter Spieler“. Auch Purdeller schlottern beim Gedanken an das Auftaktspiel nicht die Knie. „Wenn du gegen einen Hedman auf dem Eis stehst, ist das schon ein bisschen surreal. Aber ich will mich nicht einschüchtern lassen und mein Spiel machen“.
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Nach den Schweden zum Auftakt wartet am Freitag (13.02.) die Slowakei. Am Samstag (14.02.) geht es dann Back-To-Back gegen die Finnen. Allesamt Teams gespickt mit Top-Spielern vom Format Mikko Rantanen, William Nylander, Filip Forsberg oder dem jungen Slowaken Juraj Slafkovský, wie Purdeller Jahrgang 2004. Die Wölfe-Cracks tun sich schwer, da einzelne herauszupicken: „Da gibt es einen Haufen Spieler, auf die ich mich freue“, gibt der junge Montaler zu Protokoll und auch bei Glira ist die Vorfreude auf alle Teams groß.
Besonders ein Name versetzt den 31-jährigen Linksschützen dann aber doch ein bisschen in Ehrfurcht: „Wenn jetzt Kanada käme und Sidney Crosby mir an der Bande gegenüberstünde, wäre das natürlich nochmal ein anderes Niveau“. Die Legende der Pittsburgh Penguins bedarf keiner langen Vorstellung, allein zwei Goldmedaillen bei Olympischen Spielen und 1746 NHL-Punkte (in 1408 Spielen) sprechen eine eindeutige Sprache. Für Daniel Glira ist der 38-jährige Kanadier, der Team Kanada als Kapitän aufs Eis führen wird, ein absolutes Idol. Den Titelfavoriten aus Übersee (Kanada gewann drei der letzten sechs Ausgaben) begegnen die Italiener aber frühestens in einem Playoff-Spiel fürs Viertelfinale, sofern die Kanadier im Grunddurchgang hinter ihren Erwartungen zurückbleiben.
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Sieben Schwarzgelbe für Italien
Neben Tommy Purdeller und Daniel Glira stellt der HC Pustertal für das italienische Team die beiden Italo-Angreifer Mikael Frycklund und Nick Saracino sowie die Verteidiger Luca Zanatta und Greg DiTomaso. Für Dänemark schnürt zudem Markus Lauridsen die Schlittschuhe. Für ihn sind es bereits die zweiten Olympischen Spiele. Vor vier Jahren avancierte er zweimal zum Matchwinner für die Nordmänner. Das Tor der Italiener hütet mit Damian Clara ebenfalls ein Pusterer, der allerdings bei Brynäs IF in der schwedischen SHL sein Geld verdient.
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Der “Südtiroler-Block“ als Hoffnungsträger
Sportlich macht sich bei den Azzurri niemand Illusionen. Gegen Kaliber wie Schweden oder Finnland ist Italien der klare Underdog, wie Luca Zanatta im Interview bereits bekräftigte. „Wir wissen alle, wo wir stehen“, sagt auch Glira. Zumindest auf dem Papier kann der Kader der Italiener auch mit jenem der Slowakei kaum mithalten. Dennoch gibt sich der Toblacher kämpferisch: „Wir müssen sicher viel Zeit in unserer Zone verbringen und werden wohl kräftig unter Druck stehen. Aber wir werden versuchen, defensiv so gut wie möglich zuzumachen. Chancen hat man in jedem Spiel. Die müssen wir eiskalt ausnutzen, dann ist vielleicht eine Überraschung möglich.“
Viel Vorbereitungszeit auf die Vorrunden-Gegner hatte das Nationalteam nicht. Im Gegensatz zu Weltmeisterschaften blieben neben dem bereits geschlagenen Testspiel gegen Deutschland (3:4) nur wenige Trainingseinheiten, um die richtige Chemie zu finden. Helfen dürften dabei jedoch die zwei großen Südtiroler Blöcke: acht Spieler stellt der HC Bozen, deren sechs wurden vom HC Pustertal einberufen. „Viele haben schon zusammengespielt, die Linienkollegen kennen sich seit Langem. Das ist sicher ein Vorteil, auch wenn wir jetzt gegen NHL-Kaliber spielen“, ist sich Purdeller sicher.
Wir gehen in jedes Spiel rein, um hart zu spielen und alles zu geben. Wir sind die Underdogs, aber lassen uns nicht einschüchtern. (Tommy Purdeller)
„Man kennt sich richtig gut“, unterstreicht auch Glira. Diese Eingespieltheit der Bozner und Pusterer, aber auch das allgemein gute Mannschaftsklima, könnte das Zünglein an der Waage sein, um in einem entscheidenden Spiel vielleicht doch für die Sensation zu sorgen. Denn im Gegensatz zu einer langen Playoff-Serie könne in einem einzigen K.O.-Spiel schließlich alles passieren.
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Die Aufregung ums Mailänder Eis und…die Spiele selbst
Ein Faktor, der den Italienern möglicherweise ebenfalls in die Karten spielt, ist die Größe der Eisfläche. Zwar entsprechen die Maße der Mailänder Spielflächen in der Breite ziemlich genau den Standards der NHL und sind somit für die heimischen Cracks um ganze vier Meter schmaler. Weil die Olympia-Eisfläche der NHL jedoch fast einen Meter zu kurz ist, gab es im Vorfeld Bedenken seitens Vertretern der nordamerikanischen Topliga.
„Sie haben großartige Arbeit geleistet“, beschrieb Kanadas Kapitän Crosby zuletzt aber gegenüber Canadien Press die Eisfläche in Mailand. Die Aufregung ums Eis dürfte sich bei den Topstars mittlerweile also fürs Erste gelegt haben.
„Ich sehe es nicht als Nachteil. Für uns könnte es sogar ein Vorteil sein, weil du in diesen Spielen weniger Zeit und Platz mit dem Puck hast“, glaubt Tommy Purdeller. „Man muss Entscheidungen schneller treffen und schneller reagieren“. Eines ist laut dem Jung-Wolf aber sicher: „Am Ende wird es bestimmt interessant. Es wird physischer gespielt und wir sehen vielleicht mehr Tore.“
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Diskussionen abseits des Eises, besonders im Heimattal der beiden Nationalspieler, brechen allerdings nicht ab. Im Pustertal halten sich in puncto Olympia Begeisterung und Skepsis die Waage. Nicht nur das Verkehrschaos rund um den Biathlon-Auftakt in Antholz sorgte weit über die Landesgrenzen hinaus für scharfe Kritik. Die großen Investitionen und Baumaßnahmen im Osten Südtirols waren schon im Vorfeld Grund für Unmut.
Glira verschließt davor nicht die Augen: „Ich verstehe jeden, der das kritisch sieht. Die letzten Olympiaden haben oftmals gezeigt, dass viel auch nicht richtig gelaufen ist.“ Dennoch ist der Pusterer Verteidiger der Meinung, dass es oft schwierig sei, es allen recht zu machen: werde nichts gemacht, klage man über Stillstand; komme das Großereignis, fürchten viele die Folgen. Dennoch hofft der Verteidiger auf einen positiven Effekt: „Ich glaube, die zwei Wochen werden die Leute echt mitreißen.“ Auch die leise Hoffnung, dass das Eishockey in Italien durch die Präsenz der Weltstars in Mailand nachhaltig aus dem Nischendasein geholt wird, schwingt mit.
Was auch immer die Spiele in Mailand bewegen mögen, eines ist jedenfalls sicher: für Daniel Glira und Tommy Purdeller ist die bloße Teilnahme an Olympia bereits ein Traum, der in Erfüllung geht. Und wenn sich beide den Gegner für ein KO-Spiel aussuchen dürften? „Gegen Kanada zu spielen, gegen all die Stars, wäre ein absolutes Traum-Match“, hält Purdeller fest. „Auch wenn die Chance zu gewinnen geringer ist“. Und auch für Glira wäre ein Match gegen das Team seines Kindheitsidol „das Größte“. Letztendlich spiele es aber keine Rolle, denn jeder Gegner im Turnier habe das Prädikat Top-Mannschaft.
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