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BASIS Place Making

Beim Architekturpreis Südtirol 2026 wurde ein Sonderpreis vergeben. Er ging an BASIS Vinschgau Venosta. Das Projekt hat Signalwirkung für Südtirol im Umgang mit historisch belastetem Kulturerbe.
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Die BASIS von außen
Foto: (c) Samuel Holzner/BASIS Vinschgau Venosta
  • Die Preisträger der 11. Ausgabe des Südtiroler Architekturpreis stehen fest (und können hier nachgelesen werden). Neben den üblichen Kategorien wurde in diesem Jahr auch ein Sonderpreis vergeben. Er ging an BASIS Vinschgau Venosta. Die Schlanderser Initiative hat 2016 die ehemalige palazzina servizi der Drusus-Kaserne vor dem Abbruch bewahrt, umgebaut, 2019 bezogen und komplett verwandelt. Aus dem Stück Militärareal ist ein Social Innovation & Creative Hub geworden, der durch seine modulare Architektur Platz für die unterschiedlichsten Nutzungsarten bietet: Vom Co-Working-Space zur Eventlocation, vom Wohnraum zur Werkstatt und Aufenthaltsort für Tourist*innen. Aus einem abgeschlossenen Areal, den nur gewisse Menschen betreten durften, ist ein Ort der Kooperation und des Friedens geworden, ein öffentlicher Raum, der bewusst gemeinsam genutzt und gestaltet wird. Ein Novum im ländlichen Südtirol, das gleichzeitig einem urbanen und europäischen Trend folgt.

  • Die BASIS als Co-Working-Space. Foto: (c) BASIS Vinschgau/Venosta
  • All das honoriert auch die Jury in ihrer Begründung für die Vergabe des Preises: 

    BASIS Vinschgau trägt in vielerlei Hinsicht zum zeitgenössischen architektonischen Diskurs bei. Hier entsteht eine neue Öffentlichkeit – nicht vollständig geplant, sondern praktiziert, erlebt, verhandelt. Aus der ehemaligen „Drusus Kaserne“ wird eine Infrastruktur des Austauschs. Nicht durch große architektonische Gesten – „Place Making“ als kollektiver Prozess, als sozialer Raum im Werden, ist ein prägender Bestandteil der Architektur. BASIS Vinschgau ist Architektur im Gebrauch. Vielleicht ist ein kleines räumliches Konzept manchmal sogar in Vergessenheit geraten, doch was hier geschieht, ist das radikale Raum Geben für diverse Nutzungen. Dieser soziale Prozess mit seinen aktiven Akteuren wird hier mit einem Sonderpreis ausgezeichnet.

  • Und als multifunktionale Event-Location. Foto: (c) BASIS Vinschgau Venosta
  • Einer dieser Strategieakteure ist Hannes Götsch, der CVO der BASIS. Für ihn, dem operativen Team, dem ehrenamtlichen Vorstand und den vielen freiwilligen Helfern ist der Preis eine „große Anerkennung und Wertschätzung des geleisteten. Wir freuen uns nicht nur über den Preis selbst, sondern auch darüber, dass die Jury beschlossen hat die neue Kategorie “Place Making„ einzuführen.“ Das Gebäude der BASIS sei nämlich ein „Prototyp und Präzedenzfall für Südtirol und darüber hinaus“. Ein Vorreiter der NEB – New European Bauhaus Arbeitsprinzipien: partizipativ, transdisziplinär und die Verbindung lokaler, regionaler und internationaler Ebene. Götsch hat sich persönlich für den Erhalt und die funktionale Sanierung der Palazzina eingesetzt. Ihm und seinem Team war es wichtig, eine intelligente, modulare Nachnutzung zu ermöglichen, die auf schon vorhanden Ressourcen aufbaut und auch die Vergangenheit nicht ausspart. „Die Kaserne hat eine schwierige Geschichte. Eine Geschichte, die ab jetzt neu geschrieben werden kann und viel Potenzial birgt. Gleichzeitig hat die rationale Bestandsarchitektur und deren Räume eine sehr hohe Qualität. Und diese Räume wollten wir für möglichst viele Menschen und Unternehmungen zugänglich machen. Uns ist eine flexible Nutzung samt Innovationsdienstleistung und Kulturbetrieb sehr wichtig“, erzählt er.

  • Aber auch Familien bietet das ehemalige Militärareal heute einen Platz. Foto: (c) Rosario Multari/BASIS Vinschgau Venosta
  • Bedürfnisorientiert

    Flexibel heißt in dem Fall aber nicht nur, dass die Räume auf viele unterschiedliche Arten und Tag wie Nacht nebeneinander genutzt werden können. Ein Hybrid also. Sondern auch, dass die Nutzenden die Räume und Prozesse durch ihre Bedürfnisse mitgestalten. Die Interaktion mit dem Gebäude spielt eine große Rolle im Alltag der BASIS. Genau wie das Gebäude verändert sich die Organisation ständig. „Wir entdecken laufend neue Bedürfnisse und Arten, wie das Gebäude ihnen gerecht wird“, so Götsch. „Der Bestandsbau liefert dahingehend sehr viel Licht, Luft und eine gute Raumakustik. Das hilft beim Neu- und Umdenken.“

  • Genauso wie einem Repair-Café. Foto: (c) Dominik Pazeller/BASIS Vinschgau Venosta
  • Gründlich durchdacht wurde wo eingegriffen wurde und wo nicht. „Eine unserer wichtigsten Fragen von Anfang an waren der Erhalt der bestehenden Funktionen, Ergänzung weiterer und das Managen der Dynamik: Was brauchen wir, um das Gebäude nach der Instandsetzung lebendig und ökonomisch nachhaltig zu führen? Als Visionsgeber habe ich meine technischen Erfahrungen zu Zwischen- und Nachnutzung und das notwendige Kulturwissen im Eventbereich eingebracht. Unser Architekt, Thomas Hickmann, sowie der Bürgermeister Dieter Pinggera und Vize Reinhard Schwalt haben unsere Bedürfnisse gut verstanden und durch qualitative Vergaben umgesetzt. Auch der Gemeindeverwaltung, der Provinz Bozen und den beauftragten Firmen gilt großer Dank. “

  • Hohe Räume, viel Licht und Spuren von Altem und Neuem finden sich im Inneren der BASIS unter anderem. Foto: (c) Samuel Holzner/BASIS Vinschgau Venosta
  • Die Jury des Architekturpreises war von dieser Tatsache sichtlich angetan. „Architektur steht im Dienst der Gesellschaft. Das Leben mit seinen sozialen Aktivitäten wird durch architektonischen Raum unterstützt und manchmal erst ermöglicht. Der Kasernenbestand fordert zudem eine gegenwärtige Positionierung ein und situationselastisches Handeln an den einzelnen Stellen. Brauchbarer, geeigneter Raum kann nicht einfach beschlossen werden, sondern entsteht durch gute gemeinsame Planung. Das braucht Vertrauen, und den Willen und die Fähigkeit zur Kooperation unter den Beteiligten. Dabei geht es nicht um publikationsfreundliche Hochglanzdetails, sondern um das Heben des verborgenen, innewohnenden Potentials“, erklärt Jurymitglied Anna Popelka. Und erklärt abschließend noch einmal, wie es zu dem Entschluss kam, der BASIS den Sonderpreis zu verleihen: „Es hat sich für uns als Jury bald herausgestellt, dass das Projekt schwer einzuordnen ist. Die enorme Energie, die Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit, mit der hier in alle Richtungen sozialpolitisch agiert wird, war unter den eingereichten Arbeiten kaum vergleichbar.“