Gewinner Architekturpreis 2026
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Text: Thomas Huck | Koordinator des Architekturpreises Südtirol 2026
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In Anbetracht der kontinuierlichen und immer weiter zunehmenden Bautätigkeit in Südtirol dient der Architekturpreis Südtirol 2026 dazu, die Aufmerksamkeit von Gesellschaft und Politik verstärkt auf das Thema Baukultur zu lenken und so einen offenen gesellschaftlichen und auch politischen Diskurs anzustoßen. Umso erfreuter sind wir daher dieses Jahr über Gewinner-Projekte, die teils gesellschaftlich und politisch bereits vorher nicht nur bekannt waren, sondern auch kontrovers diskutiert wurden und so aufzeigen, dass Architektur sehr wohl im Alltag wahrgenommen wird und Einfluss auf die Gesellschaft hat. Denn Architektur kann sowohl gesellschaftlich wie politisch polarisieren, was sich auch im diesjährigen Preis selbst widerspiegelt. Trotz dieser Verbundenheit von architektonischem Inhalt und gesellschaftlicher Bedeutung ist es auch wichtig Aufgabe und Umsetzung differenziert betrachten zu können. So weisen alle Gewinner unabhängig der Aufgabenstellung ein ganz klares Bekenntnis zum Ort, dessen Geschichte und dessen Umgebung auf. Es handelt sich also weder um losgelöste Neubauten auf der grünen Wiese noch um Spekulationsobjekte oder Landmarks. Vielmehr versuchen sie ihren Teil zur Baukultur beizutragen und eine angemessene Lösung für die auf sie herangetragene Bauaufgabe zu finden, ohne selbst hervorzustechen, aber auch ohne sich zu verstecken. Die Gewinner erzählen die Geschichte des Ortes weiter und eröffnen gleichzeitig neue Möglichkeiten, ohne jedoch der Gesellschaft und den zukünftigen Generationen zu sehr zur Last zu fallen. So zeigen sie die Möglichkeiten und den Mehrwert von guter Architektur auf.
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Von den 150 Einreichungen, welche in den letzten 4 Jahren realisiert wurden, wurden 32 Nominierungen - zwischen dem Reschenpass und dem Fischleintal, sowie zwischen Sterzing und Fennberg- von der Jury vor Ort besichtigt. Die Auswahl fiel in keiner Kategorie leicht, denn die aktuelle Architektur des Landes ist nicht nur hochwertig, sie ist auch sehr vielfältig und vielerorts präsent. Um deshalb den Fokus weg von einem Gewinner je Kategorie auf die hochwertige und vielfältige Bauaufgaben und Lösungsansätze in Südtirol zu lenken gibt es sowohl mehrere Ex aequo-Gewinner als auch Anerkennung in den Kategorien, sowie ein Sonderpreis für das Verständnis und Nutzung von Raum sowohl im engeren gebauten Umfeld wie auch im weitläufigen regionalen Verständnis.
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In diesem Sinn also nicht nur eine Gratulation den Gewinnern, sondern auch ein Dank an alle Architekturschaffende in Südtirol die sich täglich dem Thema Baukultur widmen und in einer außergewöhnlichen Vielzahl am Preis teilgenommen haben. Von Anfang an gebührt auch ein Dank der Stiftung Südtiroler Sparkasse die den Preis stiftet, unserem Hauptsponsor: der Baufirma Schweigkofler und dem Land Südtirol als Förderer, die es uns als Architekturstiftung Südtirol zusammen mit der Kammer der Architekten, Raumplaner, Landschaftsplaner und Denkmalpfleger der Provinz Bozen ermöglicht den Preis zu vergeben.
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Instandhaltung
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GEWINNER:
Sanierung Alter Widum Tartsch | Dr. Arch. Christian KapellerJury-Statement: Erhalten ist hier keine Nostalgie, sondern Haltung; Pflege–Instandhaltung wird zu einem aktiven Prinzip des Architektur Denkens, nicht nur im Anfassen der Materialien, sondern auch in der Unumgänglichkeit des Wandels verschiedener Anforderungen der Bewohnerstrukturen des Hauses. In der langen Geschichte dieses Hauses liegt kein Ende, sondern ein Übergang. Architektur heißt hier Freilegung, Offenlegung, Pflege und Weiterbau und im Besonderen Noch-Nicht-Fertig- Bauen. Ein fortlaufender Prozess, offen für die Erwartung, noch nicht und vielleicht auch nie abgeschlossen. Die Erweiterung bleibt einfach in Material und Form, sie nimmt ihren Platz dort, wo sie programmatisch schon vorgesehen war, als hätte das Haus auf sie gewartet. Es entsteht ein Dialog, nicht nur durch Volumen, Material und Funktion, sondern auch durch freisinnige Blickbeziehungen.
ANERKENNUNG:
Oberbuchfelder - Die Wiederbelebung eines denkmalgeschützten Paarhofes | raumdrei architekten -
Arbeit und Tourismus
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GEWINNER EX AEQUO:
Gretl am See, Unterkünfte für Mitarbeiter | Flaim Prünster architekten
Schutzhaus Santnerpass 2.734m | SENONER TAMMERLE ARCHITEKTENJury-Statement Gretl am See, Unterkünfte für Mitarbeiter: Um- Zu- und Weiterbauen macht natürlich besonders Spaß, wenn die Vorlage entsprechend ist. Liegt die Latte hoch wie bei dieser Badeanlage aus den 70-ern von Othmar Barth, könnte man sich auch hinter Zurückhaltung verstecken. Die neue Architektur kommt ganz ohne Anpassungs- und Unterordnungsreflex aus. Sie erweitert das vorhandene Ensemble auf Augenhöhe, mit Selbstbewusstsein und einer Prise Hedonismus. Die außenliegende Stahlkonstruktion wird weitergezogen und mit Witz und Liebe zum Detail zelebriert. Die tektonische Stapelung und Fügung der Elemente wie aus dem Baukasten evoziert eine Leichtigkeit und ephemere Qualität, die nicht unpassend für den Ort ein wahres Strandgefühl aufkommen lässt. Die kleinen Wohnungen sind in ihrer Attraktivität eine erfrischende und kluge Antwort auf den Fachkräftemangel. Das ist Staffelübergabe auf hohem Niveau. Jetzt ist es komplett.
Jury-Statement Schutzhaus Santnerpass 2.734m: Das Schutzhaus Santnerpass positioniert sich als präziser Eingriff in der extremen Landschaft der Dolomiten. Auf 2.734 m Höhe ergibt sich die Dreiecksform aus der Logik komplexer Anlieferungsprozesse und aus den klimatischen sowie dynamischen Kräften des Hochgebirges. Fest im unregelmäßigen Terrain verankert, formt der langgestreckte Baukörper eine klare, beinahe kristalline Geometrie, die vielleicht ungewollt an Bruno Tauts Vorstellung einer aus der Natur hervorgehenden alpinen Architektur erinnert. Die Jury würdigt die architektonisch raffinierte Umsetzung von Zeitlosigkeit und Einfachheit trotz der baulichen Komplexität im Hochgebirge sowie die hohe Präzision in Raumnutzung und Detail.
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Wohnen
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GEWINNER:
Gartenheim | vuotovolume Architekten GmbHJury-Statement: Dieses Gebäude sprengt das Konzept des freistehenden Wohnhauses. Aus Sicht der Jury verdient das Projekt diesen Preis aus gleich mehreren Gründen. Vor allem stellt die Wahl des Bautyps mit einem übereinandergesetzten Einfamilienhaus eine Neuinterpretation des Doppelhauses dar. Denn in diesem Projekt werden zwei Häuser in einer originellen, raffinierten Lösung baulich miteinander vereint. Von der Straße gesehen scheint dieses Haus nur ein bewohntes Erdgeschoss und ein großes Dach zu besitzen. Beim Betreten des Gebäudes zeigt sich jedoch, dass das Dach eine Wohnung verbirgt, die sich zu einer zentralen Terrasse hin öffnet. Dadurch, dass die erste Wohnung nach außen und die zweite geschickt nach innen konzipiert wurde, scheinen die Proportionen des Daches weitaus großzügiger als die wahrgenommene Wohnfläche. Das Verhältnis von 1:2 ist eine zeitgenössische Hommage an die Dachtradition der Südtiroler Bergbauernhöfe. Originell ist auch die Tatsache, dass die beiden Wohnungen völlig unabhängig voneinander sind. So lässt sich die zweite ganz flexibel – statt als Wohnraum auch zu anderen Zwecken – nutzen.
ANERKENNUNG:
Mondwiese | ANDREAS GRUBER ARCHITEKTEN -
Öffentlicher Raum und soziale Infrastruktur
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GEWINNER:
verbindungen - adler historic guesthouse + kontrapunkt - badhaus | bergmeisterwolfJury-Statement: Hier hat die Jury das Badhaus und einen kleinen Hotelzubau zu einem Beitrag in der Kategorie öffentlicher Raum, Landschaft und sozialer Infrastruktur zusammengefasst. Beide Projekte desselben Büros befinden sich mitten in der Brixner Altstadt. Neben dem architektonischen Engagement überzeugte die Jury der holistische Ansatz der VerfasserInnen, der eine beharrliche Vermittlung zwischen AnwohnerInnen, Gemeinde und EigentümerInnen leistet. Es geht um eine greifbare qualitative Verbesserung des urbanen Gefüges. Die Allgemeinheit profitiert von öffentlich nutzbaren Räumen mit Aufenthaltsqualität sowie von der engmaschigen Ergänzung des Wegenetzes. Badhaus und Hotelzubau sind architektonisch eigenständig und entwickeln im jeweiligen Kontext eine idealtypische Persönlichkeit. Das größere Badhaus spielt mit Maßstab und Volumen, amalgamiert sich in das enge Altstadtgefüge, immer mit Sehen und Gesehenwerden arbeitend. Der Hotelzubau wächst als Pilz im Hinterhof in die Höhe, in Erwartung zukünftiger Öffnungen und Wegverbindungen, die den darunterliegenden Freiraum erst zur Entfaltung bringen. Ein nicht eingereichtes Atelierhaus dazwischen ist hier auch noch nicht vollendet mit im Spiel. In Summe ein never ending process mit beachtlichem Zwischenergebnis!
ANERKENNUNG:
Verbreiterung Zufahrtsstrasse Altenburg | Architekturbüro / studio di architettura Elisabeth Schatzer -
Bauen im Bestand
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GEWINNER:
Zischglhof | Pavol Mikolajcak ArchitectsJury-Statement: Besonders gute Räume sind in Bildern oft kaum einzufangen. Beim Zischglhof ist das sicher der Fall. Die volle Intensität und Qualität des Raums vermittelt sich erst beim Durchgehen. Das Haus dient als Wohnhaus für eine Familie. Die Substanz ist nicht herausragend, daher nicht denkmalgeschützt. Was aus Wertschätzung dieser Substanz gegenüber, im Zusammenspiel mit den neuen Bedürfnissen entsteht, ist herausragend. Mit Sensibilität und sicherer Hand wird das Vorhandene genommen und bei Bedarf neu ergänzt. An vielen Stellen verwischt die Grenze zwischen Bestand und Intervention, was das Raumabenteuer entsprechend steigert. Höchste handwerkliche Qualität in allen Details, die so gut gelöst sind, dass sie gleichsam verschwinden. Räumlich am stärksten wirkt der massive Sockelbereich des Hauses. Schon der Eingang führt in eine fast unwirkliche Situation, wie der Zutritt in ein Theater mit unbekanntem Programm. Er ist zugleich leer und aufgeladen. Der geschickt geschichtete Raum wirkt jedenfalls eher wie ein öffentlicher Raum. Beeindruckend auch die angeschlossenen Freibereiche, besonders die Veranda über der ehemaligen landwirtschaftlichen Betriebsfläche.
ANERKENNUNG:
in der mauer - wiedenhofer | bergmeisterwolf -
Junge Architektur
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GEWINNER EX AEQUO:
Leichenkapelle St. Lorenzen | Studio Paradiso
alter Stadel - Maireggerhof | Arch. Philipp StegerJury-Statement Leichenkapelle St. Lorenzen: Wie radikal schön es ist, sich ganz in die Tiefe einer Aufgabe zu widmen. Die Tür, der dünne Zwischenraum zwischen 2 Sphären, ist ein kultureller und psychologischer „Gegenstand“. Der Eingriff ist klein, fast unscheinbar, und verändert trotzdem die Wahrnehmung. Die Doppeltür ist im Gespräch mit dem Dorf. Ein Platz öffnet sich – davor und dahinter – er ist nicht hinzugefügt, sondern freigelegt. Im Öffnen der Flügel liegt ein choreografierter Ablauf – die Mitteilung an die Gemeinschaft: Jetzt ist die Kapelle offen, jetzt wird erinnert. Hier wird der Eingriff zur Übersetzung von einer Bewegung – nicht neu erfunden, sondern neu verstanden.
Jury-Statement alter Stadel - Maireggerhof: Auf die allgemeine Einsicht, nach der dem Bauen besonders in Tourismusgegenden möglicherweise auch eine landschaftsbeeinträchtigende Zerstörungskraft innewohnt, wird mit konsequenter Unsichtbarkeit der Bauaufgabe reagiert. Von den räumlichen Möglichkeiten für zeitgemäßes Wohnen innerhalb des historischen Ensembles aus Wohnhaus, Brotbackofen, Kornkasten und zwei Wirtschaftsgebäuden fiel die Wahl auf den alten Stadel. In der Eigendefinition des Architekten zurückhaltend, aber in der Konsequenz radikal, entwickelt sich verborgen innerhalb des Bestandes kompromisslos aktuelles und großzügiges Wohnen auf zwei Ebenen, gleichsam als Haus im Haus. Licht und Außenbezug gibt es über den umlaufenden alten Söller, der als Puffer zur Außenwelt fungiert. Dementsprechend fühlt sich die Jury beim Besuch vor Ort definitiv als Eindringling in eine introvertierte Welt.
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Öffentlich
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Jury-Statement: Die neue Feuerwehrhalle in Vetzan überzeugt durch ihre konsequente Einfachheit und eine hohe Sorgfalt im Detail. Eine reduzierte Architektur wird gemeinsam mit dem Künster Manfred Alois Mayr durch ein fein abgestimmtes Farb-, Material- und Oberflächenkonzept präzisiert und erhält eine starke Identität. Die durchgängige Palette reicht bis in die kleinsten Bauteile und tritt in einen bewussten Dialog mit den funktionalen Elementen des Feuerwehrbetriebs. Dabei werden Symbole eigensinnig interpretiert: Der Schlauchturm, genutzt zum Trocknen der Schläuche, trägt ein markantes rotes Zeichen aus Metall – zusammengesetzt aus Megaphonen, Sprossenleiter und kleinem Windrad. Die Farben der Feuerwehruniform – Rot und Gelb – finden sich subtil in Bullaugen, Metallteilen und Gesimsen der Sichtbetonelemente wieder. Der Baukörper bleibt insgesamt schlicht, lässt jedoch seine Hauptkomponenten – Schlauchturm, großes Tor und Leitstelle – klar hervortreten. Zur Straße zeigt sich das Gebäude zurückhaltend und von zwei großen Fronten geprägt, während die Gartenseite durch eine changierende Fassadenverblendung an Ausdruck gewinnt, deren Farbwirkung sich je nach Licht und Blickwinkel verändert.
ANERKENNUNG:
Haus der Berge | Delueg Architekten -
Innenraum
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Gewinner:
Firmensitz Beton Eisack | pedevilla architectsJury-Statement: Das Vorhandene wird zum Gefäß für einen szenografischen Ablauf. Jeder Raum öffnet sich dem nächsten – unspezifisch in seiner Programmatik, aber klar in seinem Ausdruck. Zwar wurde dieses Projekt nicht in dieser Kategorie eingereicht, doch wir halten es für wichtig, es hier zu prämieren: Ein Experimentieren mit Materialien, nicht als Dekor, sondern als lustvolles Interesse an Materialforschung. Hier wird nicht ausgestellt, hier wird erprobt. Der Innenraum selbst wird zum sakralen Versuchsfeld – jede Fläche erzählt vom Prozess ihrer Entstehung: Vom Gießen, vom Schleifen, vom Trocknen. Architektur als Sammlung von Spuren, als Erzählung im Material.
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Sonderpreis
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Gewinner:
BASIS Vinschgau VenostaJury-Statement: BASIS Vinschgau trägt in vielerlei Hinsicht zum zeitgenössischen architektonischen Diskurs bei. Hier entsteht eine neue Öffentlichkeit – nicht vollständig geplant, sondern praktiziert, erlebt, verhandelt. Aus der ehemaligen „Drusus Kaserne“ wird eine Infrastruktur des Austauschs. Nicht durch große architektonische Gesten – „Place Making“ als kollektiver Prozess, als sozialer Raum im Werden, ist ein prägender Bestandteil der Architektur. BASIS Vinschgau ist Architektur im Gebrauch. Vielleicht ist ein kleines räumliches Konzept manchmal sogar in Vergessenheit geraten, doch was hier geschieht, ist das radikale Raum geben für diverse Nutzungen. Dieser soziale Prozess mit seinen aktiven Akteuren wird hier mit einem Sonderpreis ausgezeichnet.
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Die bisherigen Gewinnerinnen und Gewinner aller Ausgaben sind unter atlas.arch in einer eigenen Kategorie gelistet bzw. wurden in den „Turris Babel“-Ausgaben 51, 57, 65, 72, 78, 88, 94, 100, 112 und 127 veröffentlicht.
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Seit Anbeginn wird der Preis von der Kammer der Architekten RLD: Bozen und Architekturstiftung Südtirol in Kooperation organisiert sowie von der Stiftung Südtiroler Sparkasse gestiftet, der dem Land Südtirol gefördert und von privaten Sponsoren (2026: Firma Schweigkofler) unterstützt.
In der Sonderausgabe der Zeitschrift Turris Babel #141 wurden die Gewinner und Nominierungen veröffentlicht welche von nun an im Handel erhältlich ist.
Weitere Informationen zu den nominierten Projekten unter:
https://stiftung.arch.bz.it/de/architekturpreis/2026/nominierungen/
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