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Oh! Neapel

Wachbleiben in Neapel: Irene Helmes porträtiert eine Stadt voller Kontraste, die sich nie anbiedert, aber Herz und Verstand öffnet. Ein Plädoyer für das Unverfälschte.
Oh! Neapel Folio Verlag Irene Helmes
Foto: Irene Helmes
  • Fast so, wie es war.

    Ex libris

    Questo estratto dal libro di Irene Helmes fa parte del formato „Ex libris“ su SALTO.

    Dieser Auszug aus dem Buch von Irene Helmes ist Teil des Formats „Ex libris“ auf SALTO. 

    MONTESANTO

    Überbordende Fischtheken mitten auf der Straße, Läden für Alltägliches und alles, was sonst noch dazugehört: Im Viertel um den Markt Pignasecca wird weiterhin vor allem eins: gelebt.

     „Mit Pauken und Trompeten“ gehört zu diesen schönen Sprachbildern, für die es selten Verwendung gibt. Als ich als Studentin in der Via Brombeis wohnte, wurde ich an Sonntagen regelmäßig so geweckt. Buchstäblich. Dann zog nämlich unter den Fenstern der engen Gasse zwischen Montesanto und der Piazza Dante häufig ein kleiner Festzug mit Blaskapelle vorbei, feierlich ein Heiligenbild hochhaltend. 

     

    Es geht hier nicht um dahindämmernde Traditionen, es war ein fröhliches, leicht dissonantes Spektakel. 

     

    Auch jetzt, viele Jahre später, kann man solche Grüppchen in der Gegend noch antreffen, mir ist es kürzlich an einem Frühlingssonntag passiert beim Spaziergang in der Via Pignasecca. Ich lief der Kapelle spontan hinterher, Richtung Piazza Carità. Es geht hier nicht um dahindämmernde Traditionen, es war ein fröhliches, leicht dissonantes Spektakel. Die Musiker waren jung, spielten in T-Shirts und Jogginghosen, der Trommler trug viele Tattoos unterm Muscleshirt, ein kleiner Junge schlich mäßig motiviert nebenher. Vor Lokalen und Ge schäften blieb die kräftige Frau im Bunde stehen und wedelte mit ihrer Monstranz.

    Natürlich gab es ein paar überraschte Reisende, die fotografierten. Aber eigentlich ging dieser Brauch völlig an ihnen vorbei, war längst vor ihnen da und gilt weiterhin nicht Fremden, sondern den Menschen, die hier jeden Tag in ihren Läden und Lokalen arbeiten, die sich Segen wünschen und Spenden geben. Das passt zu einem Viertel, das auf dem Stadtplan zentral wirkt, aber immer noch et was abseits des touristischen Rummels liegt. Montesanto ist zwar ein Verkehrsknoten, am gleichnamigen Bahnhof starten die Funicolare auf den Vomero und die Regionalbahnen Cumana und Circumflegrea, die Metrostation ist ein paar Ecken weiter. 

  • Im Viertel um den Markt Pignasecca wird weiterhin vor allem eins: gelebt.: Foto: Irene Helmes

    Gleichzeitig aber gibt es wenige Orte im alten Neapel, an denen so viele Nachbarschaftsläden durchhalten. Hier können Einheimische sie noch kaufen, die Wäscheständer, Bettlaken, Putzmittel, Bilderrahmen, Gießkannen, die sie ebenso brauchen im Alltag. Es gibt die schlauchartigen Geschäfte mit ihren bis in die letzten Winkel vollgestopften, deckenhohen Regalen. Deren Inhalt kann aus den obersten Fächern nur mithilfe von Leitern erreicht werden, öfter noch werden die Sachen mit einer langen Teleskop-Greifstange herab gefischt oder einfach hinuntergeschubst, attenzione, da kommt das Küchenpapier geflogen! Der Markt Pignasecca, wenige Schritte neben dem Krankenhaus Pellegrini gelegen und deshalb oft von Sirenengeheul untermalt, bietet seit Generationen beeindruckende Straßentheken.

     

    Alles, alles gibt es auf der Straße, bei Sonne, Wolken und Regen.

     

    Wie es Matilde Serao im „Bauch von Neapel“ beschrieben hat: „Die Bürgersteige sind verschwunden, wer hat sie je gesehen? (…) Alles, alles gibt es auf der Straße, bei Sonne, Wolken und Regen.“ Die Fischhändler der Pescheria Azzurra etwa türmen weiterhin täglich alles auf, was das Mittelmeer an Essbarem zu bieten hat, Muscheln, Schwertfische, Garnelen, Oktopusse, Brassen, Sardinen und vieles mehr. Auch ohne Kochambitionen können Sie in der Gegend etwas finden, eine Spezialität als Mitbringsel oder mindestens ein paar Erinnerungen. Und vielleicht machen Sie von den ausladenden Verkaufstheken ja nicht nur ein hübsches Foto, sondern kaufen sogar was. Ist günstig und schmeckt! Und es erhöht die Chance, dass es nächstes Mal auch noch was Interessantes zum Fotografieren gibt, nicht mehr nur den Supermarkt neben Ihrer Unterkunft.

  • Die Autorin des Buches Irene Helmes: Foto: Alma Schnellbach
  • Zur Person

    Irene Helmes, geboren 1981 in Bayern, arbeitet als Redakteurin für die Süddeutsche Zeitung in München. Sie hatte auch schon eigene Schlüssel in New Jersey, Nizza, kurz gar Berlin. Und eben Neapel – dort klemmte das Schloss mit Abstand am häufigsten, umso weiter ging ihr das Herz auf. Bis heute kehrt sie nirgendwohin lieber zurück. Neapel ist und bleibt für sie die Stadt der Städte, zum Immerwiedersehen, Weltverstehen, Wachbleiben.

  • Neapel ist eine Stadt, die um sich selbst kreist.: Foto: Irene Helmes
  • Neapel hat sich noch nie einschmeicheln wollen.

    Eine Straße, eine Treppe weiter wechselt Neapel schon wieder das Gesicht.: Foto: Irene Helmes

    Um was für eine Stadt geht es eigentlich? Jedenfalls um eine, die die unglaublichsten Erzählungen hervorbringt – manche düster, andere lustig, alle besonders. Wer gute Ge schichten liebt, ist hier goldrichtig. 

    „Verschiedener Abstand, verschiedene Städte“, hat Susan Sontag über Neapel geschrieben, und nichts trifft es in meinen Augen besser. Auch mein Neapel verändert sich, je nachdem, ob ich dort bin oder eben nicht. Aus der Ferne scheint mir vieles wie ausgedacht, bei der nächsten Rückkehr dorthin aber sofort wieder ganz normal. Dann die Perspektive: Neapel zeigt sich von oben betrachtet (Petraio!) völlig anders als von der Seite aus (Po sillipo, Pompeji oder Sorrent) oder wenn man mittendrin steht, etwa im Gassengewirr des centro storico. Eine Straße, eine Treppe weiter wechselt Neapel schon wieder das Gesicht. Romane, Filme, Lieder leben davon, wie sich die Stimmungen der Viertel unterscheiden. Wir haben hier eine Stadt, die um sich selbst kreist und doch dem Meer zugewandt ist, offen und für immer im Fluss. In der man selten sagt, „das ist ja wie in …“, weil es eben so ist, wie es in Neapel ist und nicht wie irgendwo sonst. Eine Stadt, die als chaotisch gilt, aber unzähligen eigenen Regeln folgt. Die ein hartes Pflaster ist und zugleich ein Ort aus gesuchter Höflichkeit. Die sich sprichwörtlich zu arrangieren weiß. Die die Bühne für einen Mut zur Hässlichkeit bietet, wie er nur vor so schöner Kulisse möglich ist.

  • Oh! Neapel von Irene Helmes, erschienen im Folio Verlag.: Foto: Folio Verlag

    Neapel ist die Stadt, deren Porträts ein Leseleben füllen könnten – und in der man sich manchmal die Ohren zuhalten möchte, um noch eigene Gedanken über sie fassen zu können. Manche tun so, als sei jedes positive Wort Verkitschung. Ist also nur Napoli noir das Wahre? Für mich spricht sogar aus den härtesten Beschreibungen Neapels eine Verbundenheit, die andernorts undenkbar wäre zwischen Mensch und Stadt. Ein halbes Leben ohne Neapel zu kennen, die andere Hälfte mit dem Gefühl, hier die Stadt der Städte gefunden zu haben. Seit ich als Studentin für eine viel zu kurze Zeit hinter der Piazza Dante leben durfte, auf dem Vomero lernen, an der Küste baden, in Scampia stundenlang zu Mittag essen und so vieles dazwischen erkunden, ist es um mich geschehen. Folgende Besuche haben das verstärkt. Nun ein „Oh! Neapel“ zu schreiben, war auch kurios: Denn das „Oh!“ der anderen klang vor 22 Jahren noch mehr nach „oje“ als nach „wow“. 

     

    Packen Sie leicht – auch was Ihre Erwartungen betrifft.

     

    Erst allmählich ist Neapel seither hip geworden, etwa in Mode, Rap und Film, in der Gastronomie und natürlich für Reisende – bis zu dem Punkt, an dem es den Einheimischen schon wieder zu viel wird. Es ist nun eine Stadt, der manche vorwerfen, sie habe sich gezähmt und sei jetzt im Ausverkauf, während andere kaum glauben können, dass sie sich endlich ein paar Möglichkeiten gönnt. Falls ich etwas raten darf: Packen Sie leicht – auch was Ihre Erwartungen betrifft –, nehmen Sie sich Zeit und nehmen Sie Rücksicht. Goethe, ahnungsloser Uropa des Overtourism, schrieb zu seiner Zeit euphorisch, es könne niemand jemals mehr ganz unglücklich sein im Leben, der die Möglichkeit hat, mindestens in Gedanken nach Neapel zurückzukehren. Ich finde, damit hatte er einfach recht, und hoffe, dass es Ihnen genauso gehen wird.

  • Was hat sich Neapel schon alles anhören müssen. Doch sind nicht die Städte mit dem irritierendsten Ruf die lohnendsten? Für diese hier sei behauptet: Eine schönere und überraschendere wird man schwer finden. Lange verachtet, plötzlich gehypt, macht Süditaliens Metropole letztlich doch immer, was sie will. Wo also anfangen? Einfach losziehen und die Orte entdecken, zu denen es die besten Geschichten gibt. Über Parthenope und zaubernde Dichter, Straßenkinder und Katzen in Ruinen. Über Ballkünstler und Kaffeeabhängige, Revoluzzerinnen und knallharte Traumtänzer.
    Entspannung suchen Sie besser woanders – alles andere wartet hier, zwischen Vulkanen, Meer und der Bellezza aus zweieinhalbtausend Jahren.

    Oh! Neapel Folio Verlag Wien / Bozen 2026

    ISBN 978-3-85256-930-7 Erhältlich im Buchhandel!