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Die Auswahl ist ein politisches Zeichen

Die „Bücherwelten“ rücken heuer das Thema Macht ins Zentrum. Monika Obrist über politische Trends am Buchmarkt und das vielseitige Programm bis Ende Februar.
Bücherwelten Südtiroler Kulturinstut
Foto: Südtiroler Kulturinstitut
  • SALTO: Frau Obrist, beobachten Sie in der deutschsprachigen Buchszene einen Trend zu mehr politischer Einmischung und der Hinterfragung von Machtstrukturen?

    Monika Obrist: Im Bereich Sachbuch und Wissenschaft findet derzeit eine rege Auseinandersetzung mit Politik und den sich rasant verändernden Machtkonstellationen statt. Allein die Bücher über Donald Trump würden wohl Regale füllen. Die Belletristik befasst sich meist eher mit den Machtstrukturen im Kleinen, wie sie in jeder Beziehung oder Familie zu finden sind. Manchmal geht es auch hier um politische Verhältnisse. Ein Beispiel ist der Roman „Der Beweis meiner Unschuld“ von Jonathan Coe, der in deutscher Übersetzung im Südtiroler Folio Verlag erschienen ist und vom Rechtsruck in England handelt.

     

      Von weißen Männern hat man schon so vieles gelesen.

     

    Was aber schon seit einigen Jahren auffällt: Die deutschsprachigen Verlage publizieren bewusst mehr Bücher von Frauen, von Autor/inn/en mit Migrationshintergrund, von Menschen, die der LGBTQ+-Gemeinschaft angehören, usw. Insofern ist die Auswahl selbst ein politisches Zeichen bzw. entspricht dem verstärkten Interesse dafür auf Seiten der Leserinnen und Leser. Oder wie Joe Lendle, Verleger des Hanser Verlages, es bei einer Diskussionsrunde im Rahmen der „Bücherwelten“ vor zwei Jahren ausgedrückt hat: Von weißen Männern hat man schon so vieles gelesen, nun sind auch mal vermehrt die anderen dran. Aber auch dieser Trend kann sich schnell wieder ändern.

  • Leiterin der Sprachstelle im Südtiroler Kulturinstitut: Foto: Südtiroler Kulturinstitut

    Die „Macht der Liebe“ grafisch interpretiert: Was war die Idee hinter der Kooperation mit der Fakultät für Design, bei der Studierende Liebesbriefe Südtiroler Autor*innen neu gestaltet haben?

    Es handelt sich hier um ein gemeinsames Projekt der Landesbibliothek Dr. F. Teßmann, der Südtiroler Autorinnen-und-Autoren-Vereinigung SAAV und der Fakultät für Design und Künste der Freien Universität Bozen. Mitglieder der SAAV haben Liebesbriefe verfasst und die Studierenden der Fakultät für Design haben sie grafisch gestaltet. Es geht in dieser Ausstellungsreihe stets auch darum, die enge Verknüpfung zwischen Text und Grafik/Gestaltung zu verdeutlichen. Wer Lust hat, kann sich bei einer Schreibwerkstatt zum Thema Liebesbriefe mit der Autorin Greta Maria Pichler am 27. Jänner auch selbst darin versuchen, Worte für die eigene Liebe zu finden.

    Neuheit „Langer Abend“: Warum haben Sie sich entschieden, die Ausstellung am 18. Februar bis 21 Uhr zu öffnen – wollen Sie damit gezielt ein neues, vielleicht berufstätiges Publikum ins Waltherhaus locken?

    Immer öfter treffen sich Menschen an schönen, gemütlichen Orten, z. B. in Literaturhäusern, um gemeinsam still für sich ein Buch zu lesen. Diesen Trend wollten wir aufgreifen und mit den Bücherwelten verknüpfen: Wir laden alle Interessierten dazu ein, sich einfach einmal einen ganzen Abend zu gönnen, um Bücher zu entdecken, darin zu blättern und zu lesen. Alle Altersgruppen sind willkommen. Auch das berufstätige Publikum kann somit nicht nur die Öffnungen samstags von 9-18 Uhr nutzen, sondern ebenso diesen Abend.

  • Zur Person

    Monika Obrist Monika Obrist ist die Leiterin der Sprachstelle im Südtiroler Kulturinstitut. Sie zeichnet maßgeblich für die Organisation und inhaltliche Ausrichtung der „Bücherwelten im Waltherhaus“ verantwortlich und engagiert sich seit Jahren in der Südtiroler Kultur- und Sprachvermittlung.

  • Ihr persönliches „Macht“-Highlight: Wenn Sie aus den 1.000 Neuerscheinungen ein einziges Buch wählen müssten, das die verschiedenen Facetten von Macht am beeindruckendsten zusammenfasst – welches wäre das?

    Ein philosophisch vielstimmiges, satirisches und bibliophil gestaltetes Werk zu diesem Thema ist Ilija Trojanows „Das Buch der Macht“. Der Autor wird es bei der Eröffnung der „Bücherwelten“ am 20. Jänner vorstellen und sich auch am 21. Jänner an der Diskussionsrunde „Macht und Kontrolle“ beteiligen. Neben diesem sehr lesenswerten Buch wird mir persönlich vor allem „Every Body Counts“ von Barbie Latza Nadeau unvergesslich bleiben. Wir werden bei der „Sachbuch-Debatte“ am 5. Februar darüber diskutieren. Das Buch handelt von denen, die kein Land haben will, die niemand vermisst meldet, wenn sie verschwinden, und die dem Menschenhandel daher oft schutzlos ausgeliefert sind: den Flüchtlingen. Die Machtlosen leben gefährlich, auch in Europa.

  • Foto: Südtiroler Kulturinstitut
  • Die wievielte Ausgabe der Bücherwelten ist die diesjährige?

    Es ist die 49. Ausgabe der Buchausstellungen im Waltherhaus, die seit einigen Jahren nun unter dem Namen „Bücherwelten“ laufen. 2027 steht also ein Jubiläum an! Aber jetzt heißen wir erst einmal alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen bei der 49. Ausgabe 2026 herzlich willkommen!

  • Termine & Highlights

    • Eröffnung: Dienstag, 20. Jänner, 18 Uhr. Der Schriftsteller Ilija Trojanow stellt sein neues Werk „Das Buch der Macht“ vor.
    • Diskussionsrunde „Macht und Kontrolle“: Mittwoch, 21. Jänner, 18 Uhr. Über die Rolle von Literatur, Wissenschaft und Journalismus diskutieren Ilija Trojanow, Tamara Ehs (Politikwissenschaftlerin) und Petra Thorbrietz (Journalistin). Moderation: Nina Schröder.
    • Die Bücher zur Diskussion:
      • Tamara Ehs: Verteidigung der Demokratie (OGB Verlag)
      • Petra Thorbrietz: „Wir werden Europa erobern!“ (Verlag Antje Kunstmann)
      • Ilija Trojanow: Das Buch der Macht (Die Andere Bibliothek)
    • Weitere Termine: Schreibwerkstatt (27.01.), Sachbuch-Debatte (05.02.) und Langer Abend (18.02. bis 21 Uhr).
    • Ort: Waltherhaus Bozen, Schlernstraße 1. Eintritt frei.
    • Hinweis: Die Diskussion am 21. Jänner wird als Fortbildung für Journalisten anerkannt.
    • Über 1000 Neuerscheinungen und ein vielfältiges Programm rund ums Buch.