„In Berlin ist Therapie salonfähiger“
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Vor wenigen Wochen hat sich eine Protestgruppe von jungen Psychologiestudierenden aus Südtirol an die Öffentlichkeit gewandt: Zu lange sei das Anerkennungsverfahren für Studientitel, zu unattraktiv die Therapieausbildung hierzulande. Das findet auch Johanna Maria Lang, die in Wirklichkeit anders heißt und ihren Namen lieber nicht in den Zeitungen lesen möchte. Als Betroffene kehrte sie vor zwei Jahren von Deutschland nach Südtirol zurück und kann trotz abgeschlossener Ausbildung nicht als Psychotherapeutin arbeiten.
SALTO: Frau Lang, wieso wenden Sie sich an die Öffentlichkeit?
Johanna Maria Lang: Ich überlege schon lange, mich in irgendeiner Form an die Öffentlichkeit zu wenden. Als die Protestgruppe die Missstände in einer Stellungnahme aufzeigte, war für mich der richtige Zeitpunkt gekommen. Denn als Einzelkämpferin ist es mehr als ermüdend.
In welcher Situation befinden Sie sich?
Seit meiner Rückkehr im September 2024 kann ich nicht in meinem eigentlichen Beruf arbeiten und bin derzeit als Schulsozialpädagogin angestellt. Das bedeutet enorme wirtschaftliche Einbußen für mich, außerdem habe ich diesen langwierigen und kostenintensiven Bildungsweg nicht umsonst auf mich genommen. Ich habe rund 20.000 Euro in die Ausbildung gesteckt und würde sehr gerne als Psychotherapeutin arbeiten, aber ich stoße auf sehr viele Hürden. Wäre ich in Deutschland geblieben, hätte ich meine Karriere nach meinem Abschluss ohne langes Warten starten können.
„Sie hoffen, von niemandem gesehen zu werden, wenn sie das Behandlungszimmer verlassen.“
War das auch Ihre Hoffnung für die Rückkehr nach Südtirol?
Ich wusste, dass es ein Anerkennungsverfahren für meine Ausbildung braucht, aber nicht, dass es solche Ausmaße annimmt. Sowohl mein Psychologiestudium als auch die anschließende Therapieausbildung müssen vom Gesundheitsministerium in Rom anerkannt werden, die Bearbeitungszeit beträgt 1,5 Jahre. Ohne das Anerkennungsdekret aus Rom kann ich mich nicht in die Psychologenkammer Bozen eintragen lassen. Und ohne Kammereintrag keine Berufsbefähigung.
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Die Protestgruppe fordert eine Angleichung an die Facharztausbildung. Inwiefern ähnelt denn die Psychotherapie dem Berufsbild eines Arztes, einer Ärztin?
Aktuelle Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene unter psychischen Belastungen leiden. Diese Erkenntnisse aus der Wissenschaft sind hilfreich, um zu verstehen, dass eine Psychotherapie nicht weniger wichtig ist als beispielsweise eine Zahnarztbehandlung. Auch unsere Ausbildung ist ähnlich aufgebaut wie in der Medizin.
Können Sie das genauer erklären?
An das fünfjährige Psychologiestudium schließt sich eine drei- bis fünfjährige Psychotherapieausbildung an, während der man wie auch in der Facharztausbildung bereits eigenständig Klientinnen und Klienten behandelt, sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich. Ich selbst habe 2.400 Praxisstunden während meiner knapp sechsjährigen Therapieausbildung abgeleistet, selbstverständlich unter begleitender Supervision. Umso härter hat es mich getroffen, nach meinem Umzug nicht mehr selbstverantwortlich behandeln zu dürfen.
„Es passt nicht zusammen, wenn eine Präsidentin der Psychologenkammer junge Talente zurückholen will und die Berufsbefähigung so unendlich schwierig ist.“
Wie beurteilen Sie den gesellschaftlichen Stellenwert von psychischer Gesundheit in Südtirol im Vergleich zu Deutschland?
Ich habe während meiner Therapieausbildung im sogenannten Kassensystem in Berlin gearbeitet. Das heißt, die Krankenkasse kommt für die Kosten der Psychotherapie auf. In so einer Großstadt ist es zudem salonfähiger, in Therapie zu gehen als hier. In Südtirol habe ich den Eindruck, dass viele Menschen sich rechtfertigen müssen, wenn sie zur Psychotherapie gehen. Sie hoffen, von niemandem gesehen zu werden, wenn sie das Behandlungszimmer verlassen. Zudem finde ich es problematisch, dass im öffentlichen Gesundheitswesen die Wartelisten auf Therapieplätze so lange sind. Damit müssen viele auf private Angebote ausweichen und das kann sich nicht jeder und jede leisten.
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Die renommierte deutsche Psychologin Stefanie Stahl erklärt im Podcast der ZEIT, dass „die Welt nicht so im Arsch wäre“, wenn Selbstreflexion einen höheren Stellenwert hätte…
Um sich Hilfe zu holen, muss vorher eine Hemmschwelle überwunden werden. Ich muss mir eingestehen, dass sich irgendetwas im eigenen Leben so verändert hat, dass ich Unterstützung von außen brauche. Übrigens vermisse ich auch in der aktuellen Debatte zum Brain Drain Selbstreflexion.
Inwiefern?
Es passt nicht zusammen, wenn eine Präsidentin der Psychologenkammer sagt, dass sie junge Talente zurückholen will und gleichzeitig die Berufsbefähigung so unendlich schwierig ist. Um dem Fachkräftemangel und der Abwanderung junger Akademiker etwas entgegenzusetzen, müssen wirklich passendere Schritte gefunden werden anstatt, immer wieder dieselben Aussagen zu treffen.
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Ausbau psychologischer Betreuung
Die Landesregierung arbeitet am Ausbau der psychologischen Betreuung in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Gemeinschaftshäusern. Dafür werden auch mehr Stellen in diesem Bereich ausgeschrieben. Zudem hat Gesundheitslandesrat Hubert Messner angekündigt, mit der Psychologenkammer und der Protestgruppe in Austausch zu treten. Der Gesetzesentwurf der Grünen zu psychologischer Betreuung wurde letzte Woche im Landtag abgelehnt.
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