„Berufseinstieg erleichtern“
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Der Handlungsbedarf ist gerade bei den Jüngsten groß: 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Südtirol zeigen Anzeichen psychischer Belastung. Das zeigte eine letztes Jahr veröffentliche Studie des Instituts für Allgemeinmedizin. Das Phänomen ist italienweit beobachtbar: Bildungsminister Giuseppe Valditara hat deshalb für das Jahr 2026 rund 18 Millionen Euro für den Ausbau der Schulpsychologie vorgesehen. „Unser Traum wäre es, das Bozner Modell in ganz Italien einzuführen. In einem ersten Schritt soll an allen Schulen eine Online-Sprechstunde angeboten werden“, erklärt Maria Antonietta Gulino, nationale Präsidentin der Psychologenkammer, bei ihrem Besuch in Bozen am letzten Freitag.
An den italienischen Bildungseinrichtungen in Südtirol sind schon seit mehr als 20 Jahren Schulpsychologinnen im Einsatz, im Jahr werden 3.500 Gespräche geführt. Der Dienst „…Parliamone“ trägt damit dazu bei, die Stigmatisierung rund um das Thema psychische Gesundheit abzubauen. Auch bei Erwachsenen ist der Bedarf groß, wie lange Wartelisten auf Therapieplätze zeigen. „Unsere Gesellschaft ist komplexer geworden. Wir müssen miteinander reden und uns zuhören“, sagt auch Marco Galateo, Vize-Landeshauptmann und Landesrat für italienische Bildung, im Sitz der Psychologenkammer.
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Die Landesregierung will deshalb auch an den deutschen Schulen vermehrt Schulpsychologen einsetzen, derzeit werden die Stellen in diesem Bereich verdoppelt. Das Fachpersonal soll als erste Anlaufstelle für Jugendliche dienen, aber auch für Lehrpersonen und Eltern. Darüber hinaus plant Gesundheitslandesrat Hubert Messner, in den neuen Gemeinschaftshäusern psychologische Beratung anzubieten. Für das Erstgespräch sei keine ärztliche Verschreibung notwendig.
„Gemeinsam mit der Psychologenkammer und den beteiligten Diensten arbeiten wir derzeit an einem Konzept für die sogenannte ‚Basispsychologie‘, das heißt für die psychische Grundversorgung unserer Bevölkerung, wo jede Südtirolerin und jeder Südtiroler wohnortnah Zugang zu psychologischen und psychotherapeutischen Angeboten hat“, erklärt Messner. Für den basispsychologischen Dienst der Gemeinschaftshäuser sollen neue Stellen für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ausgeschrieben werden.
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Schwieriger Karriereweg
Dabei stellt sich allerdings – wie in anderen Bereichen – die Frage, ob überhaupt ausreichend Fachkräfte gefunden werden. Hinzu kommt, dass die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich vor allem zu Beginn der Berufslaufbahn im Vergleich zur Schweiz oder zu Österreich alles andere als attraktiv sind. Psychologiestudierende forderten deshalb kürzlich in einem offenen Brief strukturelle Verbesserungen ein.
„Dieser verzögerte Berufseinstieg von mehreren Jahren ist weder attraktiv noch zukunftsfähig.“
„Im öffentlichen Gesundheitsbetrieb sind keine Stellen für Personen vorgesehen, die noch ihre Therapieausbildung abschließen müssen. Im Vergleich zur ärztlichen Facharztausbildung können unsere Praktika damit teilweise nicht vergütet werden, obwohl wir wichtige Aufgaben übernehmen, etwa bei der Diagnostik“, erklärt eine Sprecherin der Protestgruppe.
Die Ausbildung in der Psychotherapie ist ähnlich aufgebaut wie in der Medizin. Nach dem fünfjährigen Studium folgt in Italien ein Pflichtpraktikum mit 750 Stunden und eine staatliche Prüfung, die nur jedes dritte Jahr stattfindet. Darauf folgt eine vierjährige berufsbegleitende und meist teure Ausbildung, die aus eigener Tasche bezahlt werden muss. „Dieser verzögerte Berufseinstieg von mehreren Jahren ist weder attraktiv noch zukunftsfähig“, so die Initiative in dem offenen Brief.
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Francesca Schir, Präsidentin der Südtiroler Psychologenkammer, kennt die Problematik. „Wir brauchen junge Talente und wollen sie wieder zurückholen. Dafür muss der Berufseinstieg leichter werden“, sagt sie. Die Kammer sei nun im Gespräch mit dem Landesamt für Studientitelanerkennung, um zumindest die bereits im Ausland geleisteten Praktika anzuerkennen.
„Ansonsten sind einige von uns gezwungen, in fachfremden Berufen oder schlecht bezahlt zu arbeiten.“
„Die Bemühungen der Psychologenkammer sind ein erster Schritt in die richtige Richtung, auch wenn die Anerkennung der geleisteten Praktikumsstunden für uns Betroffene wahrscheinlich zu spät kommt. Unser Augenmerk liegt deshalb nun auf bessere Bedingungen in der Therapieausbildung. Ansonsten sind einige von uns gezwungen, in fachfremden Berufen oder schlecht bezahlt zu arbeiten“, so die Sprecherin der Initiative.
Landesrat Hubert Messner will sich Anfang März mit der Protestgruppe austauschen, um Anreize für eine Rückkehr der dringend gebrauchten Fachkräfte auszuarbeiten. „Ein wesentlicher Schritt ist die Anerkennung der Praktika für Studierende nach österreichischem Modell sowie die Vereinfachung des Erwerbs der Berufsbefähigung“, erklärt Messner.
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