„Engel kennen Hölle nur vom Hörensagen“
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Marcus Bensmann ist Investigativjournalist beim Recherchenetzwerk CORRECTIV. Er berichtet seit Jahren über Rechtsextremismus, Korruption und internationale Netzwerke. So entlarvten die Recherchen zu „Geheimplan gegen Deutschland“ im Jahr 2024 die Vernetzung von AfD-Funktionären mit der Neuen Rechten und warfen Licht darauf, wie weit völkisch-nazionalistische Ideen in die politische Mitte vorgedrungen sind. Bundesweite Massenproteste, die verschärfte Beobachtung rechtsextremer Akteure, wie Martin Sellner, und der AfD durch die Verfassungsgerichte waren die Folge.
Mit SALTO spricht er darüber, wodurch sich Investigativ-Journalismus auszeichnet, wie die Neue Rechte tickt, inwiefern sich kritischer Journalismus in der Krise befindet und warum es gerade jetzt wichtig ist, standhaft zu bleiben.
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SALTO change im September
Dieses Gespräch ist Teil unserer Reihe SALTO change.
„Medien und Informationsarbeit unter Druck“, lautet das Schwerpunkthema von SALTO change im September. Damit orientieren wir uns am Jahresthema des Kooperationspartners „Toblacher Gespräche“.
Alle Artikel der Reihe SALTO change findet ihr unter www.salto.bz/change
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SALTO: Wie wird man heute ein guter Investigativjournalist – in einer Medienlandschaft mit KI, Chatbots, Social-Media-Blasen und Fake News?
Marcus Bensmann: Die allerwichtigsten Dinge für investigatives Arbeiten sind Beharrlichkeit und Neugier. Wir sind keine Priester, die Menschen bekehren wollen, sondern wir möchten Informationen bekommen. Das bedeutet meist die Arbeit und Begegnung mit Menschen, mit denen man abends nicht unbedingt ein Bier trinken möchte. Ich sage gern: Wer über die Hölle schreiben will, muss mit den Teufeln reden – die Engel kennen die Hölle nur vom Hörensagen. Da bleibe ich der „alten Schule“ treu. Dennoch, wir leben in einer interessanten Zeit. Durch künstliche Intelligenzen und neue Datentechnologien können wir große Datenmengen sehr schnell verarbeiten, was die Recherche enorm erleichtert. Gleichzeitig fällt auf, dass Recherchen oft nicht denselben Effekt wie früher haben: Es wird in Lagern gedacht, nicht mehr in Inhalten. Die Vermittlung wird dadurch schwieriger.
Wie lange dauert eine gute Investigativ-Recherche?
Das ist sehr unterschiedlich. Die Frage ist: Wann beginnt eigentlich eine Recherche? Bei CORRECTIV verfolgen wir den Ansatz der „offenen Recherche“. Dazu stellen wir zu Beginn eine Frage in den Raum, von der wir glauben, die könnte gesellschaftlich relevant werden. Im Sommer 2023 lautete die Frage: Gibt es angesichts des Wahljahres 2024 eine Strategie der Neuen Rechten in Deutschland und Europa? Dann warfen wir unsere Netze – und in eines fiel die Einladung zum Treffen im „Landhaus Adlon“ hinein. Der Beginn ist also meist nicht das Dokument, das einem heimlich zugesteckt wird – wenn man es gut macht, ist der Leak das Ergebnis der Recherche.
„Selbst gut belegte Skandale führen nicht immer zu politischen Konsequenzen.“
Dann müssen Texte rechtssicher gemacht werden, auch das ist zeitlich intensiv. Anders als in autoritären Staaten begegnen uns in einer liberalen Demokratie statt Schlägertrupps, rechtliche Auseinandersetzungen, wie SLAPP-Klagen. Man muss Texte so schreiben, dass sie prozessfest sind – und bereit sein, belegte Aussagen zu verteidigen. Aber bei CORRECTIV bewahren wir uns den Vorteil, dass wir das Prinzip der Einschüchterung nicht verstehen. Mein Kollege David Crawford, der unter anderem als investigativer Korrespondent für das Wall Street Journal arbeitet, würde sagen: Eine Recherche ist fertig, wenn sie fertig ist! Führt eine Recherche mal ins Nichts, ist das auch eine Erkenntnis: Man darf die Bestätigung von Thesen niemals erzwingen.
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Die Strategie der Rechten fand CORRECTIV bei der Recherche für „Geheimpläne gegen Deutschland“. Ist es Alltag eines Investigativjournalisten, sich in Veranstaltungen der Neuen Rechten zu schmuggeln?
Ein Grundprinzip ist: Journalistinnen und Journalisten geben sich zu erkennen. Man nimmt auf herkömmlichem Wege Kontakt zu Quellen auf oder Quellen kontaktieren aus verschiedenen Gründen Journalisten – Bekanntschaft, Vertrauen, Unzufriedenheit, Rache, Enttäuschungen, Wissen über Ungerechtigkeiten oder Opportunismus. Das ist der Normalfall – offen, mit Gesicht und Berufsbezeichnung. Es gibt Ausnahmen, in denen bestimmte Strukturen verhindern, dass ein öffentliches Auge Einblick in gesellschaftlich relevante Vorgänge erhält. Dann, und nur dann, ist die Undercover-Arbeit zulässig. Das ist presserechtlich so vorgesehen. Im Sommer 2023 bekamen wir von einer Quelle eine Einladung zu einer Veranstaltung in Potsdam, organisiert von einem seit den 1970er-Jahren aktiven Vernetzer der völkisch-neonazistischen Szene. Wir fanden heraus, dass neben den „üblichen Verdächtigen“ auch hochrangige AfD-Funktionäre, CDU-Mitglieder, Juristen und Politiker eingeladen waren.
Eine Party, die man sprengen muss!
Absolut. Martin Sellner stellte dort sein „Remigrations“-Konzept vor – in der völkischen Ideologie das Tarnwort für Vertreibung, auch von Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern. Wenn dann auch noch einflussreiche Politiker anwesend sind, um Themen von hoher Relevanz zu verhandeln, kann man nicht mehr von einer Privatveranstaltung sprechen. Mein Kollege Jean Peters buchte sich sofort im Hotel ein. Telefonisch hieß es zwar, alles sei ausgebucht, aber die hatten vergessen, auf Booking.com ein Zimmer zu blockieren. Er trat dort als nerviger Alleinreisender auf. Zwei Tage mit anderer Identität, Rolle halten, beobachten und dokumentieren – das war fordernd für ihn. In der Redaktion hieß es, parallel zum gewonnenen Bildmaterial zu recherchieren, dokumentieren, wer da eigentlich vor Ort war, das Material mit weiteren Quellen aufzubauen und die Geschichte rechtssicher zu publizieren. Gerichte haben inzwischen festgestellt, dass Remigrationsideen, sobald sie Staatsbürger betreffen, verfassungswidrig sind und ein Teilnehmer an der Veranstaltung bestätigte, öffentlich und unter Eid, dass Martin Sellner bei der Veranstaltung einen Masterplan zur „Remigration“ auch für „nicht-assimilierte Staatsbürger“ vorstellte.
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Worin besteht das Ziel des investigativen Journalismus?
Wir geben uns mit Pressestellen-Erklärungen nicht zufrieden. Wir versuchen, hinter verschlossene Türen zu kommen – aus einem Nein ein Ja zu machen, in Akten zu blicken, die Öffentliches betreffen, aber nicht öffentlich sein sollen. Gleichzeitig steckt der investigative Journalismus heute in einer Krise: Selbst gut belegte Skandale führen nicht immer zu politischen Konsequenzen. Trump wurde nicht gewählt, weil man nichts über ihn wusste, sondern trotz allem, was über ihn bekannt war. Ungeachtet der investigativen Recherchen zu sexueller Übergriffigkeit, Epstein, Russland-Verbindungen, gelang es Trump, über seine Kanäle sozialen Trotz zu erzeugen und derartigen Veröffentlichungen den Stinkefinger zu zeigen. Das ist eine Herausforderung am Journalismus: Wir sind keine Prediger; wir liefern ein Angebot und die Gesellschaft nimmt es an – oder nicht. Das müssen wir akzeptieren.
„da hilft es nichts, schmollend in der Ecke zu stehen!“
Besteht die Krise im Journalismus in Social-Media-Blasen?
Die klassische Medienpyramide – ein Sender, viele Empfänger – existiert nicht mehr. Heute ist jeder potenziell Sender und Empfänger. Journalisten sind nicht mehr die Gatekeeper für Informationen, eher Lotsen im Strom, die auf Wasserfälle und Strudel hinweisen. Erik Ahrens, der Kopf hinter der TikTok-Präsenz der AfD, sagte mal in einem Vortrag: TikTok sei das Fenster in das Gehirn der Jugendlichen. Diese Kommunikationskanäle beschreiten Wege abseits jener des klassischen Journalismus. Das müssen wir ernst nehmen; da hilft es nichts, schmollend in der Ecke zu stehen. Vielleicht dürfen wir nicht bloß Recherchen machen, sondern müssen uns auch überlegen, wie die Recherche den Menschen besser vermittelt werden könnte.
Die neue Rechte scheint sich gut mit Algorithmen auszukennen …
Trump konnte an den klassischen Medien vorbei, direkt mit seiner Anhängerschaft kommunizieren. Er kreiert ein Narrativ, das ein bisschen an die Zeiten des Römischen Reichs erinnert und ihn sozusagen zum „Volkstribun“ macht: Er stehe für die hart-arbeitenden Menschen ein, die von den Institutionen verraten und unterdrückt werden. Demokratien bieten Raum für Volkstribune, denn die direkte Kommunikation kann auch zu einem Hintertürchen aus dem Parlamentarismus werden. Soziale Medien sind dafür das perfekte Instrument. Das ist im Grunde der moderne faschistische Approach.
„Die liberale Demokratie ist der perfekte Staatsraum für uns unperfekte Menschen“
Wie ordnen Sie das jüngste Attentat auf Charles „Charlie“ James Kirk in den USA ein?Ich schließe mich ganz klar Bernie Sanders' Position an: Gewalt ist an sich immer und mit aller Kraft zu verurteilen – egal gegen wen. Die Verdammung der Gewalt muss jedoch für alle Seiten gelten. Man darf also nicht zulassen, dass jene, die sagen, dass die Kirk-Ermordung genau die Art von Gewalt sei, die sie bekämpfen, gleichzeitig sagen, der Sturm auf das Kapitol wäre gut gewesen. Die älteste Demokratie der Welt befindet sich in einem Härtetest: Widersteht die US-amerikanische Demokratie autokratischen Verführungen?
Die liberale Demokratie ist der perfekte Staatsraum für uns unperfekte Menschen, da nur in liberalen Demokratien Rechtsstaatlichkeit wirklich geschützt ist. Das sieht man auch daran, dass autoritäre Regime zuerst die Unabhängigkeit der Justiz angreifen. Ist die weg, dann betrifft das uns alle. Die Menschen müssen begreifen, dass die Früchte der liberalen Demokratie, und dazu gehört die Rechtstaatlichkeit, nicht selbstverständlich sind. Sie stehen durch autoritäre Tendenzen und den Flirt mit der Kettensäge auf dem Spiel. In den USA geschieht dies derzeit mit atemberaubender Dynamik.
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Und in Europa?
Wir tun so, als wären wir in Europa die Mediatoren im Krieg Russlands gegen die Ukraine, aber das sind wir nicht – wir sind die Beute. Das bedarf politischen Handelns, denn wenn man einem Aggressor gegenübersteht, gibt es zwei Optionen: Widerstand oder Unterwerfung; wählt man Unterwerfung, gibt es kein Zurück.
Welche Rolle spielt Journalismus angesichts solcher Bedrohungen und polarisierten Debatten?Wir sind keine Weltenerklärer und Weltenlenker. Wir bieten recherchierte Informationen an und denken über Vermittlungsformen nach, oder besser gesagt: über neue Formen des Abspielens. Wichtig ist es dabei, offen zu bleiben, neugierig; nicht trotzig oder resigniert. Der Tod des Journalismus ist Zynismus. Geschichte kennt Schatten und Sonnenmomente. Aktuell zieht die Wolke des russischen Autokratismus über Europa auf, aber „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht.“
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Treffende Analyse…
Treffende Analyse. Hoffentlich findet der Appell ein Echo in Politik und Zivilgesellschaft. Die Frage ist, wer es schafft, das Resilienzpotenzial der Demokratie zu aktivieren und die notwendigen (Reform-)Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Die Vision hierfür läge eigentlich auf der Hand: Mitbestimmung, Rechtsstaatlichkeit, soziale Solidarität, ökologische Transformation des Wirtschaftssystems, weniger Konsum und mehr Lebensqualität.
"Es würde schon reichen,…
"Es würde schon reichen, wenn alle demokratisch geführten Staaten ZEIT-nah, diese Greueltaten nach den eigenen Gesetzen -v e r u r t e i l e n- + beim Grenz-Übertritt verhaften würden!!!
Tolles und informatives…
Tolles und informatives Gespräch, danke dafür.