Società | Schülerfragen

„Es soll mal weitergehen!“

Die Maturareise steht auf dem Spiel. Fünf Schülerinnen und Schüler der Abschlussklasse schildern, wie sie die Lehrerproteste erleben.
Beda Weber Meran Sprachengymnasium
Foto: DO/Salto
  • Wie steht es um die Maturareise? Wie fühlt sich der Schulalltag derzeit an? Und wie blicken Schülerinnen und Schüler auf die Lehrerproteste und die Verantwortung von Lehrerschaft und Politik? 

    Mit einem Rucksack voller Fragen besuchte SALTO das Sprachgymnasium „Gymme“ (ehemals Humanistisches Gymnasium „Beda Weber“) in Meran

    Der Kontext: Lehrerinnen und Lehrer begleiten keine Reisen mehr, Ausflüge entfallen, Workshops finden nicht statt und es kommen keine externen Referentinnen und Referenten an Schulen. In einem Gruppeninterview schildern fünf Schülerinnen und Schüler aus zwei Abschlussklassen ihre Perspektiven auf ein Schuljahr, das für viele anders verläuft als erwartet.

  • Eine „private“ Maturareise am Gymme?

    Dass im kommenden Semester die Maturareise auf dem Spiel steht, wiegt offensichtlich für alle Anwesenden schwer. Die Schülerinnen und Schüler erklären, dass die Schule ihnen in der Zeitspanne von Anfang Februar bis Ende Mai zwei entschuldigte Tage zur Verfügung stellt, die – kombiniert mit Feiertagen oder Wochenenden – genutzt werden können, um „privat“ zu verreisen. 

    Der zeitliche Rahmen ist dabei eng gesteckt, die Organisation obliegt ganz der Schülerschaft. Eine Schülerin erklärt: „In den Faschingsferien oder in den Osterferien sind viele weg, also bleibt eigentlich nur das Wochenende vom ersten Mai, wenn man wie üblich fünf Tage verreisen will.“

    Doch diese Kompromisslösung fühlt sich für viele nicht wie eine Maturareise an. „Wir hatten bereits eine Sprachreise und das ist einfach anders strukturiert. Die Lehrer planen sie, alle gehen mit, und das schweißt zusammen. 

    Es geht auch um die Möglichkeit, mit den Lehrern mal über etwas anderes zu reden als Schule“, sagt eine Schülerin. Was fehlt, sei nicht vordergründig die Organisation, sondern ein gemeinsamer Rahmen, Verbindlichkeit, die alle zu einer Gruppe zusammenschweißen – und nicht zuletzt die Möglichkeit, die Schulzeit gemeinsam mit Lehrpersonen abzuschließen, die die Klasse über Jahre begleitet haben.

     

    „Einige haben schon gefragt, ob wir es nicht sein lassen sollen und das verdiente Ballgeld einfach aufteilen“

     

    In Bezug auf die Maturareise stehen die Schülerinnen und Schüler nun aber weitgehend allein da. „Wir müssen uns in den zwei Stunden Klassenversammlung organisieren, die wir jeden Monat zur Verfügung haben. Einige haben schon gefragt, ob wir es nicht sein lassen sollen und das verdiente Ballgeld einfach aufteilen“, berichtet eine Schülerin. Ob die Reise überhaupt stattfinden wird, stehe in beiden Klassen als offene Frage im Raum. 

    Für rund zwanzig Schülerinnen und Schüler muss ein gemeinsamer Zeitraum gefunden werden. Dazu kommen Fragen nach Programm, Unterkunft, Transport und Kosten. Wer übernimmt Verantwortung für Buchungen und Zahlungen? Wer koordiniert Absprachen? „Nicht alle wollen oder können das. Es ist halt nicht leicht, zum Maturastress auch noch den Stress zu haben, eine Maturareise zu organisieren“, wirft ein Schüler ein.

  • Zusammenhalt: wird unter den Schülerinnen und Schülern heuer hart auf die Probe gestellt. Foto: DO/SALTO
  • Abstriche für die Einen, Luft für die Anderen

    Neben der Reise fallen zahlreiche außerschulische Aktivitäten weg: Theaterbesuche in Fremdsprachen, Workshops, Projekte mit externen Fachleuten. Gerade diese Angebote hätten den Unterricht ergänzt und neue Perspektiven eröffnet. 

    Auch gemeinschaftliche Erlebnisse innerhalb der Schule fehlen. „Leid tut es mir auch um das Volleyball-Turnier, das immer am Ende des Jahres stattfand“, ergänzt eine Schülerin. Ein Moment, in dem Schülerinnen und Schüler aller Klassen sowie Lehrerinnen und Lehrer zusammenkommen, bevor man sich in die Sommerpause verabschiedet.

    Vermisst werden zudem die „Erfahrungen aus erster Hand“. „Wir hatten zum Beispiel einmal einen Referenten in Religion, der uns über den Buddhismus erzählt hat“, erinnert sich ein Schüler. Begegnungen, wie diese hätten Themen greifbarer gemacht und den Unterricht erweitert. „Dass wir nicht mehr ins Theater gehen, ist für eine Schule mit Theaterschwerpunkt schon spürbar“, ergänzt ein Mitschüler.

     

    „Mir fehlen die Ausflüge und außerschulischen Tätigkeiten nicht einmal so sehr. In den letzten Jahren haben wir oft extrem viele Projekte gehabt.“

     

    Aber im Gespräch kamen auch „Kontroversen“ innerhalb der Schülerschaft auf. So merkte etwa eine Schülerin an: „Mir fehlen die Ausflüge und außerschulischen Tätigkeiten nicht einmal so sehr. In den letzten Jahren haben wir oft extrem viele Projekte gehabt. Den Lehrern ist es teilweise selbst auf die Nerven gegangen, da sie keine Stunden mehr für ihren Stoff übrig hatten. Wir spürten das aber am meisten, denn so mussten sie uns in wenigen Stunden extrem viel Stress machen.“ 

    Theaterworkshops fehlen der Schülerin, auch zwei – drei Projekte mit externen Referenten, aber die Masse an Projekten, die sich im Wochenrhythmus anhäufte, die würde ihr nicht fehlen. Einige Schülerinnen in der Gesprächsrunde schlossen sich dem an.

    „Oft war unklar, welche überhaupt Projekte stattfinden und welche nicht. Es kam vor, dass Schüler und Lehrer in der angefangenen Stunde herausfanden, dass wir jetzt eigentlich ein Projekt haben“, erklärt eine Mitschülerin.

  • Verständnis für die Proteste

    Bemerkenswert ist der Blick der Jugendlichen auf die Lehrerproteste selbst. Trotz persönlicher Einschränkungen überwiegt das Verständnis. 

    Viele argumentieren sehr besonnen, politisch und strukturell. Auf die Frage, wie die Proteste wahrgenommen werden und welche Botschaften die Schülerinnen und Schüler an die Öffentlichkeit entsenden möchten, eröffnet eine Schülerin die Diskussion: „Seit ungefähr einem Monat wird die ganze Zeit damit angegeben, wie viel Geld im heurigen Haushalt drin ist. Und ich finde, da sollte aber in Bildung investiert werden, zumindest ein großer Teil. Ich stehe hinter den Lehrerprotesten, weil ich mir denke: Bildung ist der Anfang einer Gesellschaft. Wenn hier nicht von oben investiert wird, wenn man versucht, hier zu sparen, dann wird Bildung halt immer mehr degradiert werden. Deshalb verstehe ich die Lehrer! Klar, wir müssen jetzt darunter leiden, aber anders geht es halt nicht.“

    Dem schließt sich ihre Mitschülerin an: „Ich stehe auch hinter den Lehrern. Ich finde es zwar schade, wie es heuer für uns läuft, denn wir werden kein nächstes Maturajahr haben. Aber meine Oma und meine Mama sind Lehrerinnen. Und in den letzten 20 Jahren haben sie vielleicht einmal eine kleine Gehaltserhöhung bekommen, während alles teurer wurde. Nun hat es die Inflationsanpassung gegeben, aber war das nicht schon länger notwendig? Schule muss verbessert werden, damit sie in der Zukunft noch weiter erhalten bleiben kann. Ich kann schon verstehen, wenn sie keine Lust mehr haben, weil sie merken, dass sie von der Lehre nicht mehr leben können. Ich habe mir auch mal überlegt, Lehrerin zu werden. Aber sicher nicht hier, wenn es so weitergeht. Dann wundern sie sich, wenn wir Jungen gehen. Ich will keinen Reichtum aufbauen, aber ich will normal leben können.“

     

    „Es ist ein Kindergetue, dass von beiden Seiten gesagt wird ‚Nein, du musst‘! Man muss das endlich ausdiskutieren.“

     

    Eine andere Schülerin zeichnete ein etwas gegensätzlicheres Bild: „Ich verstehe die Lehrer, das mit dem Gehalt ist ein Problem! Sie sind nicht schuld, aber wir sind halt auch nicht schuld! Am Anfang war man logisch wütend. Auf die Lehrer, dass sie das mitmachten, aber auch auf die Politik, dass sie nicht zum Wohle der Schüler einlenkten. Wenn man Österreich anschaut, dann bekommen die einfach viel mehr bezahlt. Aber klar fragt man sich als Schüler: warum hat es genau uns getroffen?!“

    Ein Schüler hegte zu Beginn des Jahres noch die Hoffnung, dass die Proteste nicht von Dauer sein werden, „aber es ist immer klarer geworden, dass es nicht so schnell vorbei sein wird. Die meisten Lehrer halten sich halt ein bisschen auch an den Gruppenzwang. Im Lehrerzimmer gibt es viel Uneinigkeit. Gerade jetzt, wenn es heißt: bestimmte Lehrer machen bestimmte Ausflüge, wird das vor den anderen keine gute Figur machen“.

     

    „an alten Werten festhalten, aber kein Verständnis für die neue Generation, für Social Media oder für Dinge haben, die man jetzt braucht und will.“ 

     

    Das Schlusswort fand sein Mitschüler, der einen Appell über die eigene Klasse hinaus richtete: „Ich finde persönlich, es gehört sich schon, dass Lehrer besser bezahlt werden. Und dass die Verhandlungen endlich anfangen. Es soll mal weitergehen! Es ist ein Kindergetue, dass von beiden Seiten gesagt wird ‚nein, du musst‘. Man muss das endlich ausdiskutieren, dass die nächsten Klassen nicht auch wieder in so einer Situation landen.“ 

    Denn für die Zukunft, so argumentiert er weiter: „geht es schlussendlich ja darum, dass junge coole Leute Lust haben, den Job zu machen. Das hätten auch wir nötig, denn wir sehen auch bei uns entscheidende Lehrpersonen, die in einer anderen Generation feststecken zu scheinen. Die an alten Werten festhalten, aber kein Verständnis für die neue Generation, für Social Media oder für Dinge haben, die man jetzt braucht und will.“