Cultura | Rezension

Ein unmögliches Ave Maria

Netflix übt sich in der Etablierung ihrer eigenen Marken in der Streaming-Welt. Regisseur Rian Johnson arbeitet mit dem 3. Ableger seiner Knives-Out-Reihe fleißig mit.
Ein Priester und ein Detektiv stehen in einer Kirche
Foto: Netflix
  • Agatha Christies Todestag jährte sich am 12. Januar zum 50. Mal. Totzukriegen ist die Grand Dame der Krimi-Literatur aber keineswegs. Besonders das von ihr so populär gemachte Sub-Genre des „Whodunnit“ erfreut sich großer Beliebtheit. Darin geht es zentral um einen Kriminalfall, häufig einen Mord, bei dem eine ermittelnde Instanz, bei Christie oft in Gestalt von Hercule Poirot, aus einem Kreis von Verdächtigen den oder die Schuldige findet. Der belgische Meisterdetektiv findet heute auf Netflix statt, in Form der Verfilmungen von Kenneth Brannagh, die aus filmischer Sicht leider wenig Interessantes bieten. Wesentlich spannender ist das zweite Netflix-Projekt, das sich dem altmodischen Ermitteln verschrieben hat: Knives Out von Rian Johnson.

     

    Seine überschaubare, aber sehr treue Gemeinde hört auf jedes Wort, und doch wird er eines Tages während der Messe ermordet.

     

    Die Reihe des US-amerikanischen Regisseurs hat jüngst ihren dritten Teil erhalten, der auf dem Erstling Knives Out und dem 2022 erschienenen Glass Onion folgt. Wake Up Dead Man heißt nun die Fortsetzung, wobei dieses Wort eigentlich nicht zutrifft, denn Johnson erzählt keine fortlaufende Geschichte, sondern schickt seinen Poirot-Verschnitt Benoit Blanc (Daniel Craig) jedes Mal in ein neues Abenteuer, einen neuen Fall. Dieses Mal verschiebt das Drehbuch jedoch die Perspektive, weshalb Blanc nicht länger als Protagonist und Blickpunkt des Publikums fungiert, sondern eher zur Randfigur verkommt. Im Zentrum steht nämlich der junge Priester Jud Duplenticy (Josh O´Connor), der in eine kleine Gemeinde im Bundesstaat New York versetzt wird, nachdem der ehemalige Boxer einem Diakon während eines Streits mit Gewalt begegnet ist. Dort predigt und herrscht Monsignore Jefferson Wicks (Josh Brolin), ein Pfarrer mit Autorität, lauter Stimme und Trump-Anleihen. Seine überschaubare, aber sehr treue Gemeinde hört auf jedes Wort, und doch wird er eines Tages während der Messe ermordet. Wie kann das sein, fragen sich die Anwesenden ebenso wie der junge Priester, und natürlich das Publikum. Die Umstände erlauben keine rationale Erklärung, es liegt ein unmöglicher Mord vor, scheint es. 

  • Der Kreis der Verdächtigen sieht sich dem Tod ihres Predigers gegenüber. Foto: Netflix
  • Benoit Blanc muss her und einmal mehr ein Mysterium lüften. Mehr als noch in den Vorgängerfilmen begleitet die Inszenierung aber vor allem den jungen Priester. Dieser ermittelt in eigener Sache, wird dabei immer tiefer in die Ereignisse verstrickt und fällt ihnen fast selbst zum Opfer – während er besonders in den Augen der Gläubigen immerzu Verdächtiger bleibt. Der dritte Fall der Reihe besticht abermals durch eine verschachtelte Erzählung und durch eine Auflösung, die vielleicht in manchen Punkten nicht vollständig glaubwürdig daherkommt, doch gut unterhält. Im Unterschied zu Glass Onion wählt Johnson bei Wake Up Dead Man wieder den Gothic-Ansatz des Erstlings, heißt: Die Atmosphäre ist dicht, die Farben gedeckt, die Stimmung unterkühlt, mit einzelnen Aspekten, die dem Horror-Film entlehnt sind. 

     

    Durch die Verschiebung der Erzählperspektive sind wir Benoit Blanc meist einen Schritt voraus.

     

    Alles ist ein Stück mehr heruntergekommen, anders als noch im Hochglanz-Krimi Glass Onion. Dazu passt auch Daniel Craigs Darstellung von Benoit Blanc, der mit nun deutlich längerem, etwas schütteren Haar hier mehr zum Stichwortgeber als tatsächlichen Detektiv verkommt. Das ist einerseits erfrischend, weil es etwas Abwechslung in die Reihe bringt, andererseits besteht der Reiz eines „Whodunnit“ doch auch darin, sich stets an der Seite des Ermittlers zu wähnen, und immer nur so viel zu wissen, wie er oder sie. Durch die Verschiebung der Erzählperspektive sind wir Benoit Blanc meist einen Schritt voraus. Bis zum Finale, das überraschend schnell über die Bühne geht und nicht mit den ausschweifenden Vorträgen von Poirot am Ende eines Falls konkurrieren kann, hält der Film dennoch die Spannung. Er ist kein Triumph des Genres, ja noch nicht mal ein besonders kreativer Eintrag, doch einer, der für einen Krimi-Abend abseits biederer Tatort-Unterhaltung gut funktioniert. Für einen eventuellen nächsten Teil wäre es wünschenswert, den eigentlich interessanten Charakter von Benoit Blanc wieder in den Mittelpunkt zu rücken.