Mit Kamera auf Bärenpirsch
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SALTO: Herr Eberhöfer, in Ihrem neuen Buch „Ursus Brenta“ erzählen Sie, dass Sie lange durch die acht Täler des Naturparks Adamello Brenta streiften, aber kein Bär zeigte sich. Und wenn Sie einen Bären sahen, so lief er meistens weg. Wie haben Sie es schließlich geschafft, über 50 Bären zu beobachten und aus all den Fotos ein Bärenbuch zu machen?
Horst Eberhöfer: Bären haben eine faszinierende Gabe sich zu verstecken, im dichten Wald hatte ich in all den Jahren nur zwei Mal einen Bären gesehen. Meistens fand ich sie oberhalb der Waldgrenze. Manche Individuen siehst du nur mit technischen Hilfsmitteln. Ich wollte nicht Bären fotografieren und fertig, als ob das Foto eine Trophäe wäre. Ich war in den fünf Jahren mehr als 300 Tage im Gebirge und beobachtete ihr Verhalten. Ich bin gerne im Gebirge unterwegs, das ist ein Teil meines Lebens. Schlussendlich ist es immer ein großes Glück, einen Bären wahrzunehmen und fotografieren zu können. Und auch wenn es richtig zäh war, das Gewicht der ganzen Fotoausrüstung steil hinaufzutragen – die Weite dieser Berge faszinierte mich derart, da war mir kein Weg zu weit, ganz im Gegenteil.
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Zur Person
Horst Eberhöfer hat einen Malerbetrieb in Prad am Stilfserjoch und wohnt in Taufers im Münstertal. Die Beobachtungen im Gebirge prägten sein Leben. In jungen Jahren war er der Bergjagd regelrecht verfallen. Heute fotografiert Eberhöfer die Tiere. Den Bärenaufnahmen widmete er vier Jahre seines Lebens.
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Wie gingen Sie vor?
Ich nahm mir viel Zeit und saugte die Landschaft in den Brenta-Bergen gerade zu auf. Ich stieg die Hänge zu Fuß hoch, langsam, beobachtete tagelang alles. Auch die Vögel, die kleinen Säugetiere, alle sind sie ein Teil. Wenn du dich bei Tieren auskennst, dann merkst du auch, was sich tut! Die Steinhühner gackern, dann weiß ich, es kann ein Bär in der Nähe sein. Begegnet ihnen ein Mensch, fliegen sie auf. Du musst lernen: Bären sind sehr vorsichtig. Triffst du einmal einen Bären, so musst du fast einen Monat warten, bis er sich wieder an diese Stelle traut. Ich habe daher verzichtet, mich auf die Lauer zu legen. Du musst Distanz lassen. Im Brenta-Gebiet kann ich einen Bären am Kamm eines Tals vom anderen Tal her beobachten. Hinterherlaufen hat keinen Sinn; die Bären sehen schwerfällig aus, tatsächlich sind sie schnell. Die Bären haben mir das Maximum an Geduld und Ausdauer abverlangt, aber genau das machte den Reiz aus. Ich beobachtete sogar eine Bärin mit Jungbären mitten in einer steilen Geröllhalde oder in den Dolomit-Felsen bei Kletterübungen, die Kleinen zogen sich an den Felsen nach oben, unter den wachsamen Augen der Bärenmutter.
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Diese Bärin mit ihren drei Jungen kommt in Ihrem Buch öfter vor. Bärenmüttern, so heißt es in den Verhaltensempfehlungen, sollte man ja nicht zu nahekommen, da sie immer besorgt sind um ihre Jungen.
Ich begegne allen Bären mit großem Respekt. Bei dieser Bärin kann ich sagen, wir kennen uns mittlerweile – sie bleibt ruhig, wenn ich meine Distanz einhalte.
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Zur Autorin
Johanna Platzgummer, PhD in Alter Geschichte, arbeitet seit 1998 in Museen, seit 2007 im Naturmuseum Südtirol, Bereich Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind die so genannten Großen Beutegreifer.
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Sie haben ein Leben lang gejagt, doch seit 2012 gilt Ihre Leidenschaft der Naturfotografie. Sie wissen, wie Sie sich bewegen müssen, um Tiere nicht zu verschrecken. Wie war es, als Sie damit begonnen haben, Bären zu fotografieren?
Ja, ich weiß, wie ich mich auf der Jagd verhalten muss. Meine Erfahrung half mir bei den Bären aber nicht viel, denn die sind ein anderes Kaliber. Mir fiel schnell auf, dass mich Bären schon von sehr weitem riechen konnten. Manchmal sogar bei Gegenwind. Sie wussten, dass ich es bin und blieben vor Ort. Ich brauchte Monate, bis ich nah genug an einen Bären herankam. Ich biss mir die Zähne aus, bis es soweit war…Bären, finde ich, sind sehr kluge Tiere. Wenn sie sich gestört fühlen, ziehen sie sich zurück. Selbst massige und sehr kräftige Männchen weichen Menschen aus. Haben sie jedoch einen Kadaver vor sich, den sie gerade fressen, bleiben sie bei ihrer Beute und verteidigen sie.
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Haben Sie sich nie Sorgen gemacht in Bärengebieten unterwegs zu sein und nachts unter freiem Himmel zu schlafen?
Ich nehme mich in Acht vor Zecken, das habe ich gelernt nach einer Borreliose-Erkrankung. Gewitter sind in den Bergen nicht zu unterschätzen. Aber vor Bären habe ich keine Angst, sondern Respekt. In Gebieten, in denen ich weiß, dass große Prädatoren leben, auch wenn ich sie nicht sehe, schärfen sich meine Sinne. Ich horche in den Buchenwäldern in den Brenta-Dolomiten auf jedes noch so kleine Geräusch. Das macht alles besonders. Ich meide die Bergwälder, die von Menschen völlig überlaufen sind. Hier kann ich die Natur nicht mehr in ihrer ganzen Kraft erleben. Die Fotografien der Braunbären im Buch zeigen auch, wie schön die Bären sind. Jeder ist anders, aber alle strahlten Souveränität aus. Die Bären haben das Recht da zu sein. Ich bin so froh, dass sie in den Tälern und Bergen des westlichen Trentinos leben dürfen.
Die Angst vor dem Bären ist ständig Thema…
Medial werden in Südtirol und im Trentino immer wieder Ängste geschürt. Dabei tragen sie zur zweiten Ausrottung dieser Tiere bei. Der Bär eignet sich gut für die mediale Vereinnahmung, da er ein charismatisches Tier ist. Charismatischen Tieren wie Braunbären, Riesenpandas, Elefanten, Tigern oder Wölfen ist die Aufmerksamkeit der Menschen sicher. Natürlich kann der Bär gefährlich sein, aber Bären fallen Menschen nicht ohne Grund an, Vorfälle gibt es äußerst selten. Am lautesten schreien jene auf, die gar nicht in die Berge gehen. Ich bin immer zu Fuß und langsam unterwegs, ich nehme mir die Zeit, meine Umgebung wahrzunehmen. Wenn jemand mit einem Mountainbike, ohne nach rechts und links zu schauen, über eine Forststraße herunter rauscht, vielleicht noch in der Dämmerung, wo Bären gelegentlich auch Forststraßen benutzen, kann er auf einen Bären treffen. Dann fühlt sich der Bär bedroht und wehrt sich. Das würde mich nicht überraschen, wenn es dabei zu Unfällen käme.
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Sie haben einige Fotos mit einem Bären im Vordergrund aufgenommen, er ist an einem Hang, dahinter Bäume und die Lichter von einem Dorf im Tal schimmern, ein starker farblicher Kontrast. Was hat Sie an diesem Subjekt interessiert?
Ich wollte die Koexistenz thematisieren: Ich zeige die Bären, sie kommen nachts manchmal in die Nähe der Zivilisation. Sie suchen im Herbst reife Weintrauben und andere süßen Früchte. Ich bin überzeugt, dass die Bären im Trentino einen sehr geeigneten Lebensraum haben und eine Koexistenz mit uns Menschen möglich ist.
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