Wenn Wörter Geschichte schreiben
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Zum Tod des letzten „Puschtra Buam“ haben sich viele zu Wort gemeldet, die mehr dazu berufen sind. Doch sei an dieser Stelle ein nicht unwichtiger Aspekt in Zusammenfang mit Stegers Tod hervorgehoben.
Für viele in Südtirol und Österreich – auch für den Autor - war Siegfried Steger -in keiner Weise ein Verbrecher, sondern ein Mann, der sich – wie viele seiner Wegbegleiter – um seine Heimat verdient gemacht hat. Er wuchs in einer Zeit auf, in der die Deutschsprachigen in Südtirol politisch und kulturell unterdrückt wurden. Steger entschied sich für den Widerstand. Der Preis, der er dafür zahlte - er lebte Jahrzehnte im Exil in Österreich, weil ihn in Italien eine lebenslange Haftstrafe erwartete. Sein Lebensweg war geprägt von Loyalität zu seiner Überzeugung und zu seiner Heimat.
Die Medienplattform Kobuk hat die Nachrufe auf das Ableben Siegfried Stegers in Österreich ausgewertet und im wöchentlichen Newsletter (leider nicht über Internet abrufbar) berichtet, wie sich die Sprache in der Berichterstattung verändert hat. Noch 2003 schrieb die österreichische Tageszeitung Der Standard in Zusammenhang mit den Südtirol-Aktivisten vom „Streit über Amnestie für Terroristen“. 2011 titelte das Wochenmagazin Profil über den „Terror um Tirol“. Und als Präsident Sergio Mattarella 2021 den Puschtra Buam Heinrich Oberleiter begnadigte, war in österreichischen Medien vom „früheren Südtiroler Terroristen“ die Rede. Heute, im Nachruf auf Steger, liest man fast nur mehr „Ex-Südtirol-Aktivist“ oder „Aktivistengruppe“.
Die Fakten haben sich nicht geändert. Geändert hat sich der Blickwinkel. 2021 stand die juristische Bewertung im Vordergrund. 2026 geht es um einen Nachruf, um das gesamte Leben eines Menschen. Der journalistische Rahmen – der sogenannte Frame – verschiebt sich. Begriffe wie „Terrorismus“ sind nicht nur juristische Kategorien. Sie sind auch moralische Urteile. Gerade deshalb braucht es Sorgfalt. Ob jemand als Terrorist oder als Aktivist bezeichnet wird, entscheidet sich nicht nur im Gerichtssaal, sondern auch in der Sprache der Medien.
Vielleicht liegt in dieser Entwicklung auch eine Chance. Mit zeitlichem Abstand wird es möglich, differenzierter zu urteilen. Man kann anerkennen, dass Menschen wie Steger aus tiefer Verbundenheit mit ihrer Heimat handelten – und zugleich festhalten, dass Gewalt immer ein gefährlicher Weg ist. Erinnerung darf weder verklären noch verurteilen, ohne zu verstehen. Versöhnung entsteht dort, wo man beides wagt: die Würdigung der Motive und die Ehrlichkeit gegenüber den Mitteln.
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