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Der Moving Day

Warum die Amerikaner nicht gern über den Ursprung des 1. Mai sprechen und weshalb sie mit Anarchisten bis heute ein Problem haben. Ein Rückblick.
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Foto: Salto.bz

Der Ursprung der 1. Mai-Geschichte liegt in Chicago, im industrialisierten Amerika am Ende des 19. Jahrhunderts. Ausgangspunkt waren Unruhen unter den Arbeitern. Ab 1872 gab es erste Demonstrationen, bei welchen die Bewegung erstmals einen Acht-Stunden-Tag forderte. Die gängigen Arbeitszeiten in den meisten US-Betrieben lagen zwischen 11 bis 13 Stunden am Tag – sieben Tage die Woche! Plakativ und schlüssig entwickelten sich in allen größeren Industriezentren Amerikas engagierte Gruppen von Arbeitern. Ihr Motto:

„Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden für uns!“

Besonders die Einwandererwelle aus Europa brachte viele in ihrer Heimat verfolgte Sozialisten und Anarchisten in die USA. Sie waren wesentlich an der Neuorganisation der nordamerikanischen Arbeiterbewegung und Gewerkschaftsbildung beteiligt, druckten Flugblätter, publizierten, und nutzten Wirtshäuser und Versammlungsräume für den Arbeiterkampf. Viele Unternehmer setzten in Folge gezielt Spitzel ein, die zum Teil die geheim geplanten Proteste der Arbeiter mitorganisierten, jedoch wertvolle Information an Betriebsleitung und die Polizei weiterleiteten.

Die Lage in Amerika hatte sich um 1886 dermaßen zugespitzt, dass Arbeiter und Gewerkschaften an der Durchführung eines mehrtägigen Generalstreiks, ab dem 1. Mai 1886, ins Auge fassten. Die Acht-Stunden-Bewegung forderte zudem: Die Einführung eines arbeitsfreien Sonntags, die Abschaffung der Kinderarbeit, Einführung gerechter Arbeitsschutzgesetze, das allgemeine Wahlrecht, sowie das Recht, sich in Gewerkschaften zusammenschließen zu dürfen.

Der 1. Mai galt in den USA traditionell als Moving Day, als Stichtag für den Abschluss oder die Aufhebung von Verträgen (der 1. Mai 1886 sollte der Stichtag für die Aufnahme des Acht-Stunden-Tages in die neuen Verträge sein). Doch warum nach den Mai-Protesten 1886 nur 20.000 Arbeiterverträge diesen Passus aufnahmen, auch wenn die 1. Mai-Demonstrationen rund 400.000 Beschäftigte (40.000 in Chicago) aus 11.000 Betrieben der USA zum Streik motivierte, liegt daran, dass der Großteil der Proteste während der darauffolgenden Tage fortgeführt wurde und schlussendlich im „schwarzen Tag der amerikanischen Arbeiterbewegung“ (4. Mai 1886) gipfelten. Während der zunächst friedlichen Proteste hatten Unternehmer Streikbrecher, sowie Polizei und privat angeheuerte Söldnertruppen gegen die Streikenden eingesetzt. Zudem ereignete sich am 3. Mai 1886, auf einer Versammlung in der Nähe der Landmaschinenfabrik McCormick in Chicago, eine Massenveranstaltung der Holzarbeitergewerkschaft, die plötzlich von der Polizei überfallen wurde. Vier Arbeiter wurden erschossen.

In dieser heiklen Phase des Arbeiterwiderstandes folgte am Tag darauf eine weitere Kundgebung auf dem legendären Haymarket. Nach der Veranstaltung – ein Großteil der Demonstranten, sowie der anwesende Bürgermeister con Chicago waren bereits nach Hause gegangen –, explodierte gegen 22 Uhr ein Sprengkörper inmitten eines Polizeitrupps, der gerade dabei war die Demonstration gewaltsam aufzulösen. Die Bombe tötete sieben Polizisten. Daraufhin schoss die Polizei in die Menge und tötete 4 Demonstranten. Für Polizei und Presse, für Politiker und Unternehmer war klar wer die Verantwortung für dieses Desaster zu tragen hatte: Die Anarchisten von Chicago.

In einem hervorragend inszenierten Schauprozess am 20. August 1886 wurden fünf Todesurteile gegen die Angeklagten verhängt, auch wenn sich einige Jahre später herausstellen sollte, dass es sich – laut der revidierten Gerichtsurteile sieben Jahre nach der Hinrichtung durch den Strick – bei der Urteilsfindung im sogenannten „Anarchistenprozess“ um „einen Justizirrtum gehandelt haben soll“ und die „gefällten Todesurteile an Georg Engel, Adolph Fischer, Louis Lingg, Albert R. Parsons und August Spies demnach aufzuheben wären“. Die Aufhebung der Urteile war für die Arbeiterorganisationen eine Bestätigung für die stets vertretene Überzeugung.
Eine gute historische Schilderung zu den Aufständen und Streiks in Chicago liefern die Memoiren des einstigen SPD-Parlamentariers und bekennenden John Most. Der gebürtige Augsburger zählte, als Herausgeber der anarchistischen Zeitung Freiheit, zu den wortgewaltigsten Schreibtischtätern Amerikas. Most der zuvor rund 30 Jahre lang sozialrevolutionäre Propaganda in allen Facetten verbreitete, musste Europa verlassen, da er aus nahezu jedem Land bereits ausgewiesen worden war. Der Rebell, der auf seinen Agitationsreisen unter anderem in den Städten Innsbruck, Bozen, Rovereto und Trient zu Gast war, emigrierte Anfang der 1880er in die Vereinigten Staaten.
Die Aufhebung des Gerichtsurteils im Anarchistenprozess löste in Amerika kaum Reaktionen aus, das feige Attentat war ohnehin – so die Meinung einiger amerikanischer Blätter – „eine Tat der Fremden, der deutschen Einwanderer und Anarchisten gewesen“, nur „einer der Angeklagten war ein native-born“ (= Amerikaner in der zweiten Generation in Amerika).

Ab Dezember 1888 erklärte das Gros der in St. Louis versammelten Gewerkschaftsdelegierten, den 1. Mai 1890 erneut dazu, Streiks und Kundgebungen durchzuführen. Auch französische Gewerkschaften wählten im selben Jahr den 1. Mai, als Tag für große Kundgebungen. Ein Protest lernte laufen.