Spiel mit der Lüge
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Scheinwerfer an! Im Februar verwandelt sich die Dekadenz in Brixen in eine Bühne, auf der die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit verschwimm. Die Koproduktion „ECHT WAHR?!“ mit dem Gostner Hoftheater Nürnberg ist eine Hommage an glitzernde TV-Exzesse – doch unter der Fassade verbirgt sich ein psychologisches Labor. Ein Gespräch mit Regisseur Laurent Gröflin und dem Ensemble über die Lust an der Lüge und die Frage, warum unser Gehirn auf „Echtheit“ so stark reagiert.
In einer Ära, in der Deepfakes und perfekt kuratierte Social-Media-Profile unseren Alltag bestimmen, ist die Sehnsucht nach dem Ungefilterten paradoxerweise so groß wie nie zuvor. Das Stück „ECHT WAHR?!“ liefert genau das: Ein Live-Erlebnis ohne Sicherheitsnetz. Doch warum fasziniert uns ein Format, in dem Menschen vor unseren Augen ins Stolpern geraten, so sehr?
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Es ist eine tief verwurzelte menschliche Eigenschaft: Wir suchen in der künstlichen Umgebung einer Show nach dem Moment, in dem die Maske fällt. Psychologen nennen dies die Suche nach „Leakage Hierarchies“ – jene winzigen Augenblicke, in denen die wahre Emotion durch die einstudierte Rolle bricht.
Wir wissen nicht, wer am Ende die meisten Punkte erzielt.
Regisseur Laurent Gröflin nutzt genau diesen Effekt. Auf die Frage, ob der Sieger feststehe, betont er die absolute Ungewissheit „Der Sieger steht nicht vorher fest – wir spielen die Runden jeden Abend mit offenem Ausgang aus. Wir wissen nicht, wer am Ende die meisten Punkte erzielt.“ Für das Publikum bedeutet das: Es wird zum Zeugen eines echten psychologischen Stresstests. Wenn die Spieler nicht wissen, was kommt, reagiert ihr Nervensystem authentisch – und genau diese hormonelle Spannung überträgt sich auf den Zuschauerraum.
Interessanterweise macht uns das Scheitern der Akteure auf der Bühne sogar glücklich. Studien zum sogenannten „Pratfall Effect“ belegen, dass wir Personen als deutlich sympathischer und nahbarer empfinden, wenn sie kleine Missgeschicke begehen. In einer Welt voller glatter Gewinner ist das „Stolpern“ eine Erleichterung.
Ein paar blaue Flecken gehören vermutlich zur Berufsausstattung.
Das Ensemble – Linda Covi, Johanna Steinhauser, Mirko Costa und Thomas Witte – setzt sich diesem Urteil des Publikums jeden Abend aus. Angesprochen auf den Spaß am (un)absichtlichen Stolpern, geben Linda Covi und Johanna Steinhauser zu „Ein paar blaue Flecken gehören vermutlich zur Berufsausstattung... aber solange man im besten Fall in weiche Arme fällt – eine große Menge Spaß!“Hinter diesem Spaß steckt jedoch eine tiefere Wahrheit „Unser Ziel ist es weniger, das Publikum zu blenden, sondern vielmehr, jeden Abend aufs Neue mit Lüge und Wahrheit zu spielen“, erklären die Schauspielerinnen. Dieser Prozess sei nicht nur lustvoll, sondern „sehr ehrlich, verletzlich und offen“. Es ist diese Verletzlichkeit, die im Theater eine Intimität schafft, die kein Fernsehschirm jemals replizieren könnte.
Das 1979 gegründete Nürnberger Haus ist eine Institution der freien Szene. Es produziert pro Spielzeit fünf bis sechs Eigenproduktionen und ist für zeitgenössische Stoffe sowie das Jugendfestival „licht.blicke“ bekannt.
Termine & Tickets
- Ort: Dekadenz, Brixen
- Termine 2026: 05.02. (Premiere), 07., 08., 12., 13., 15., 26., 27., 28.02. sowie 01.03.
- Beginn: 20:00 Uhr (So 18:00 Uhr)
- Tickets
50/50: Das Spiel mit der kognitiven DissonanzDas Stück fordert das Gehirn der Zuschauer heraus. Da laut Gröflin das Verhältnis von Skript zu Improvisation bei „ungefähr 50/50“ liegt, gerät das Publikum in eine ständige kognitive Prüfung: Ist das gerade noch Teil der Inszenierung oder eine echte Reaktion auf die Resonanz im Saal?
Es geht um die Entlarvung der Mechanismen, mit denen wir täglich manipuliert werden.
Diese Unschärfe zwischen Parodie und Ernsthaftigkeit ist kalkuliert. „Wir beschäftigen uns mit Themen wie Inszenierung, Geschichtenerzählen und dem Spiel mit Realität und Fiktion“, so Gröflin. Es geht um die Entlarvung der Mechanismen, mit denen wir täglich manipuliert werden – verpackt in ein buntes, temporeiches Gameshow-Gewand. Wer in die Dekadenz kommt, wird also nicht nur unterhalten. Er wird Teil eines kollektiven Lügen-Detektors. „ECHT WAHR?!“ ist ein Plädoyer für den ungeschminkten Moment – mit allen blauen Flecken, die dazu gehören. Echt wahr!
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