Brüssel lässt die Korken knallen
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Brüssel an einem bewölkten Tag Ende Jänner. Im Stadtviertel der Büros und Plenarsäle der Europäischen Union (EU) herrscht reges Treiben. Sirenengeheul, Wortfetzen in Englisch, Französisch oder Niederländisch. Während die EU auf der geopolitischen Weltbühne nach neuen Verbündeten sucht, rumort es auch im Inneren des Staatenverbunds.
Viele fragen sich, welches Gewicht die EU ohne ihren traditionellen US-amerikanischen Bündnispartner hat. Befinden wir uns im freien Fall? Ist unsere Demokratie widerstandsfähig genug, um extreme Kräfte wie die deutsche AfD oder die Süd-Tiroler Freiheit zu überleben? Vielleicht liegt die Antwort im Kleinen. Gerade weil die europäische Großmacht kein einheitlicher Staat ist, sondern die Vielfalt aller Völker der EU-Mitgliedsländer repräsentiert.
Im Cardo Hotel von Brüssel fand diese Woche eine Preisverleihung statt, die den Blick auf eben diese kleinen Dinge lenkt. Kleine Dinge wie ein restaurierter Platz in der Innenstadt oder selbstgemachtes Eis. Ausgezeichnet wurden keine Spitzenpolitiker, sondern einzelne Gemeinden aus den Mitgliedsländern wie Schlanders im Vinschgau. Kristin Schreiber, Leiterin der Abteilung für Chemikalien, Bioökonomie und Einzelhandel der EU-Kommission, erklärte die Gemeinde zum Sieger in der Kategorie der Kleinstädte im ersten Städtewettbewerb dieser Art.
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Zuvor warben Hannes Götsch von der Plattform BASIS und Thomas Schuster von der Eisdiele Ortler in ihrem 15-Minuten-Pitch für die Gemeinde mit knapp 6.400 Einwohnerinnen und Einwohnern. „Ich erinnere mich an die Eisdiele Ortler aus meiner Kindheit. Manchmal hatte ich Taschengeld dabei, manchmal nicht. Aber ich habe trotzdem immer ein Eis bekommen. Nicht aus Nächstenliebe, sondern weil man sich in einem Ort wie Schlanders gegenseitig vertraut und der Ladenbesitzer weiß, wer man ist“, sagt Hannes Götsch beim Pitch.
„Wenn die Eisdiele geschlossen worden wäre, hätte die ganze Gemeinde einen Teil ihrer Seele verloren.“
Der gelernte Metallfacharbeiter ist Gründer und Geschäftsführer der BASIS, die sich in der alten Drusus-Kaserne von Schlanders befindet. Es finden dort verschiedenste Veranstaltungen statt, zum Beispiel Workshops zu Holzbau oder Programmieren für Kinder, ein Repair Café und Musik-Events. 700 Meter weiter befindet sich die Eisdiele Ortler, die vor einigen Jahren die Ehefrau von Thomas Schuster übernommen hat. „Wir wussten, dass sie nicht nur ein Geschäft ist, sondern eine soziale Infrastruktur. Wenn sie geschlossen worden wäre, hätte die ganze Gemeinde einen Teil ihrer Seele verloren. Also zogen wir nach Südtirol zurück“, sagt er auf der Bühne.
Die schwierige Suche nach einer Nachfolge für den eigenen Laden kennt auch Aaron Pircher. Der Bezirksleiter im Vinschgau des Wirtschaftsverbands hds hat die Teilnahme am Wettbewerb mitinitiiert und begleitete die Delegation von Schlanders nach Brüssel. Außerdem berät Pircher Gemeinden, Kaufleute, Gastbetriebe und Dienstleister. Er ist überzeugt: Wenn der Einzelhandel trotz der übergroßen Konkurrenz von Lieferdiensten wie Amazon bestehen bleibt, hält das Orte langfristig lebendig.
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Europas Städte stehen vor gleichem Problem
Bei den Pitches der neun Gemeinden von insgesamt drei Wettbewerbskategorien nach Bevölkerungsgröße geht es immer wieder darum: Makarska in Kroatien kämpft erfolgreich gegen Overtourism und Verwahrlosung der Innenstadt, Silla in Spanien muss sich als Vorort der Metropole Valencia behaupten und Schlanders droht wie anderen ländlichen Gemeinden, ebenfalls abgeschlagen zu werden.
Die Teilnahme am EU-Städtewettbewerb zeigt deshalb nicht nur Kampfeswille, sondern auch den europäischen Zusammenhalt in Zeiten von Polarisierung und Hoffnungslosigkeit. Dafür ist die Bürgermeisterin von Schlanders zum ersten Mal in ein Flugzeug gestiegen. Christine Kaaserer ist Grundschullehrerin und Ehefrau eines Obstbauers. Als Vertreterin der Landwirtschaft ist sie bei den Gemeinderatswahlen im Mai 2025 neu ins Amt gewählt worden. Nicht erst seit der Reise nach Brüssel spricht sie von leerstehenden Geschäften im Dorf und ihrem Wunsch, dass Schlanders als Urlaubsziel an Bedeutung gewinnt. Sie weiß, am Ende kommt es auf die Menschen an, die sich für einen Ort entscheiden.
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Schlanders will nun in einer Arbeitsgruppe die Strategie für Einzelhandel und nachhaltige Ortsentwicklung weiter umsetzen. Veranstaltungen, Unterstützung für junge Menschen bei der Unternehmensgründung oder Übernahme bestehender Strukturen und Online-Marketing sollen dabei helfen. Die weiteren Gemeinden sprechen bei ihrem Pitch in Brüssel von ähnlichen Herausforderungen und Maßnahmen.
In den Pausen der Veranstaltung werden Hände geschüttelt und wissende Blicke getauscht. Auch die ehemalige Bürgermeisterin von Dublin, Emma Blain, schüttelt Christine Kaaserer die Hand und gratuliert. Beide kennen die Gemeindepolitik und die damit verbundenen komplizierten Nahverhältnisse. In Brüssel spielt das zumindest vorübergehend eine untergeordnete Rolle. Der Sekt fließt, Lächeln in die Kamera. An diesem Abend wird gefeiert.
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Initiiert hat den Wettbewerb eine Petition der Kaufleute aus Barcelona. Dass Parlament und Kommission der EU die Idee aufgegriffen haben, dürfte dem außergewöhnlichen Zeitpunkt geschuldet sein: Die Petition wurde am 12. November 2021 für zulässig erklärt – mitten in der Corona-Pandemie mit großer wirtschaftlicher Unsicherheit.
Fünf Jahre später ist die wirtschaftliche Situation weiterhin angespannt. Das deutsche Handelsblatt stellte kürzlich fest, dass der Einzelhandel „unter einer dreifachen Krise“ leide: Sinkende Kaufkraft, steigende Kosten bei Miete, Energie und Personal und größere Konkurrenz durch China. Das hat Folgen für die Dörfer und Städte Europas. Um dort attraktive Arbeitsplätze zu bieten, braucht es eine Politik, die den Menschen vor Ort zuhört und neue Wege ausprobiert. Das wird bei der Preisverleihung des ersten EU-Städtewettbewerbs im Einzelhandel klar. Und das zeigen auch die Erzählungen der Delegierten im Flugzeug auf dem Rückweg.
Das staubige, bürokratische Image der EU wird mit dieser Initiative zumindest ein Stück weit widerlegt. Die EU-Kommission zeigt so etwas wie Volksnähe – das darf sie gerne öfter tun.
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Hinweis: Die Reise nach Brüssel wurde von dem Sekretariat der Initiative European Capitals of Small Retail (ECoSR) der EU-Kommission ermöglicht.
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