Platz zwei und ein geliehener Smoking
-
Wenn die Scheinwerfer im ORF-Zentrum angehen, muss jeder Handgriff sitzen. Der Meraner Schlagzeuger Thomas Ebner war beim nationalen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) für die Sängerin Lena Schaur mit dabei.
Der ORF schaut natürlich, dass von allem etwas dabei ist.
Der Weg auf die ESC-Bühne begann für Thomas Ebner fast schon zufällig in seinem eigenen Tonstudio. Als gefragter Session-Musiker, der bereits für internationale Künstler wie Madame oder Federico Rossi gearbeitet hat, wurde er ursprünglich vom Gitarristen und Produzenten Thomas Tolloy angefragt, ob er die Drums für das Album von Lena Schaur einspielen möchte. „Damals habe ich gar nicht gewusst, dass sie sich damit bewerben wird“, erinnert sich Ebner an die Anfänge der Zusammenarbeit. Erst ein Jahr später wurde es ernst. Aus über 500 Einreichungen landete der Song schließlich unter den 12 Acts für die große Fernsehshow. „Der ORF schaut natürlich, dass von allem etwas dabei ist: Solo-Artists, Bands, verschiedene Musikrichtungen, damit es eine abwechslungsreiche Show wird.“
-
Die Organisation im ORF-Zentrum beschreibt Ebner als „mega professionell“. Der Alltag im Studio erforderte viel Geduld, aber sobald es auf die Bühne ging, war höchste Disziplin gefragt. „90 Prozent deines Tages wartest du auf irgendetwas“, lacht Ebner. Doch die Probenarbeit selbst war intensiv „Wir haben die ganze Show sicherlich sechs bis acht Mal durchgespielt. Es gab zwei echte Generalproben, die exakt so abliefen wie die Live-Sendung. Bis du zur Show kommst, bist du eigentlich überhaupt nicht mehr nervös, weil du es schon zehn Mal gesehen und gemacht hast.“ Besonders beeindruckt zeigt sich der Meraner von der technischen Detailarbeit. Nach den Proben erhielt jeder Musiker ein Video zur Analyse. „Man kann genau sehen, wie sie schneiden werden. Da sagt der Sänger vielleicht: ‚Es wäre cool, wenn du mich aus diesem Winkel filmst, weil da mache ich den Tanzschritt‘. Am Abend der Show wussten wir auf die Sekunde genau, welche Kamera wann wo eingeschaltet sein wird.“
-
(c) ORF ON
-
Ein interessanter Einblick hinter die Kulissen ist die strikte logistische Planung. Thomas Ebner musste für den Auftritt praktisch mit leerem Gepäck anreisen. „Ich musste gar nichts mitnehmen, das Instrument kriegst du zur Verfügung gestellt. Logistisch ginge das gar nicht anders, wenn jeder sein eigenes Equipment aufbauen würde.“ Sogar die Kleidung war Teil der Produktion. Da die Performance einen klassischen Look verlangte, war Abendgarderobe Pflicht. „Wir haben alle Smokings getragen. Da natürlich nicht jeder Musiker einen eigenen besitzt, kriegst du den einfach vom ORF geliehen und fertig.“
Wenn du dann wirklich in der Show sitzt und es zum Voting kommt, dann fiebert man schon mit.
Thomas Ebner ging die Sache anfangs pragmatisch an. „Ich habe mir gedacht, es wäre sicher ganz nett. Du machst dir ein paar coole Tage in Wien und im Prinzip bist du ein Angestellter unter Anführungszeichen.“ Doch die Atmosphäre im Studio änderte alles. „Wenn du dann wirklich in der Show sitzt und es zum Voting kommt, dann fiebert man schon mit. Du kommst da voll rein, weil alle um dich herum auch so drin sind.“ Die Stimmung unter den 12 Acts beschreibt er als überraschend harmonisch. „Konkurrenz? Null. Es war eigentlich wie ein Klassenausflug. Alle haben versucht, das Beste zu machen und sich gegenseitig zu helfen.“ Auch das Live-Publikum – etwa 600 Personen im Studio – sorgte für Atmosphäre, wenngleich Ebner findet „Es hätte schon ein bisschen wilder sein können, die Leute waren zum Teil etwas zurückhaltend.“
-
Zur Person: Thomas Ebner
Hinter dem scheinbar mühelosen Auftritt in der Wiener Show steckt bei Thomas Ebner jahrelange harte Arbeit und eine fundierte Ausbildung. Der Meraner studierte Schlagzeug im Bereich Pop-Musik am renommierten BIMM in London und vertiefte seine Kenntnisse in Jazzlehrgängen an der Kunstuniversität Graz sowie am Konservatorium in Trient. Sein technisches Wissen verfeinerte er in Workshops bei Weltstars der Szene wie Karl Brazil (Robbie Williams) oder Mark Schulman (Pink).
Heute ist Ebner eine zentrale Figur in der lokalen und internationalen Popularmusik-Szene. In seinem Meraner Studio spielt er zum Beispiel für internationale Acts wie Madame, Federico Rossi oder Leon Of Athens die Drums ein. Ob auf der großen ESC-Bühne oder im Studio – für Thomas Ebner zählt am Ende immer der richtige Groove. Weitere Infos zu seinen Projekten gibt es unter www.ebydrums.com.Instagram: @ebydrums
-
Die Spannung am Abend der Entscheidung war enorm. Von der 44-köpfigen Fachjury erhielten Lena Schaur und ihre Band die Höchstwertung: 12 Punkte und damit Platz eins. „Da denkst du dir schon: Osti, was tun wir jetzt?“, lacht Ebner, „ich habe im Mai eigentlich gar keine Zeit!“ Wäre die Reise weitergegangen, wäre die Band im Mai noch einmal für das große Finale nach Wien gefahren. Doch das Publikumsvoting wirbelte die Rangliste durcheinander. Während die Jury sie auf den ersten Platz setzte, landeten sie beim Publikum auf Platz drei, was in der Gesamtwertung den zweiten Platz ergab. Gewonnen hat am Ende der Newcomer Cosmo. Für Ebner eine berechtigte Wahl „Es ist ein totaler ESC-Song, gut gemacht und passend für das Format.“
-
Auch das Live-Publikum – etwa 600 Personen im Studio – sorgte für Atmosphäre.: Foto: [email protected] -
Auch wenn es nicht für den Sieg gereicht hat, bleibt viel Positives. „Es hilft einem Musiker natürlich, wenn man dort gezeigt wird. Es wirkt sich positiv auf den beruflichen Lebenslauf aus, man macht Begegnungen und knüpft Connections.“ Besonders wichtig: Die musikalische Reise mit Lena Schaur ist für den studierten Schlagzeuger mit dem Vorentscheid nicht beendet – er bleibt an ihrer Seite. „Da sind schon mehrere Lieder mit Lena in der Dropbox. Wir bleiben auf jeden Fall dran, ganz unabhängig vom ESC.“
Sing du es erst einmal!
Das musikalische Niveau vor Ort hat ihn nachhaltig beeindruckt „Das Kriterium war: Alle müssen live singen. Man tut den Künstlern oft unrecht, wenn man schnell mit Kritik dabei ist. Aber ich sage: Sing du es erst einmal! Das Level an Professionalität von allen, auch hinter der Bühne, ist krass.“
-
Zur Person Lena Schaur
Lena Schaur lebt in Tirol und steht für einen intensiven Soul- und Blues-Pop-Sound in englischer Sprache. Geboren in Hall in Tirol und aufgewachsen im Bezirk Innsbruck-Land, ist Musik seit ihrem siebten Lebensjahr ihr Lebensmittelpunkt. Seit 2023 arbeitet sie hauptberuflich als Musikerin. Lena ist Multiinstrumentalistin: Sie spielt Gitarre, Klavier, Schlagzeug und Bass – bis auf klassische Gitarre hat sie sich alle Instrumente und das Singen autodidaktisch erarbeitet
-
Articoli correlati
Musik | Handgemachter PopSechsmal vom Ich zum Wir
Musik | Brass-TechnoDie Polka-Party von LaBrassBanda
Musik | Indie-FolkNeue Klänge aus tiefen Wurzeln
Acconsenti per leggere i commenti o per commentare tu stesso. Puoi revocare il tuo consenso in qualsiasi momento.