Zwischen Glücksrittertum und Prekariat
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Moderne Demokratien versprechen zwar oft soziale Gerechtigkeit, doch zeigt der Blick auf die gesellschaftliche Realität ein anderes Bild: Der Abstand zwischen normativem Anspruch und politischer Praxis ist erheblich – und wächst weiter.
Die sozialen Unterschiede in Einkommen, Vermögen und Bildungschancen haben sich in den vergangenen Jahren verfestigt. Während ein Teil der Gesellschaft von Globalisierung, Digitalisierung und Kapitalmarktdynamik profitiert, erleben andere Prekarisierung, steigende Lebenshaltungskosten und wachsende Unsicherheit. Soziale Mobilität – einst Kernversprechen der sozialen Marktwirtschaft – wird zunehmend zur Ausnahme statt zur Regel.
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SALTO change im März
„Soziale Gerechtigkeit – zwischen Anspruch, politischer Realität und gesellschaftlichem Wandel“ – so lautet das Monatsthema von SALTO change im März. Es geht dabei um einen sehr umfangreichen Themenkomplex, bei dem wir nur einen Teil herausgreifen und auf die Südtiroler Verhältnisse herunterbrechen können. Und auch der Blick auf globale Entwicklungen soll dabei nicht zu kurz kommen. Wir werden uns sehr viel mit dem Vordringen von Armut beschäftigen, bei der es bei weitem nicht nur um den Mangel an Geld geht.
Es wird darum gehen, warum trotz eines wachsenden Landeshaushalts die Mittel für den sozialen Ausgleich immer knapper werden und was reiche Menschen antreibt, eine höhere Besteuerung großer Vermögen zu fordern. Wir werden herausarbeiten, warum die Errungenschaften des Sozialstaates immer stärker unter Druck geraten und wer die Treiber dieser Entwicklungen sind und über Marlene Engelhorn berichten, die einen Großteil ihrer Millionenerbes von Bürgerinnen-Räten verteilen lässt.Auch im SALTO change Partner-Event, bei start.klar. im UFO in Bruneck wird es darum gehen, wie eine sozial gerechte Politik gestaltet werden muss. Am 25. März wird sich Moderator Markus Lobis darüber mit Landesrätin Magdalena Amhof und dem Start-Up-Millionär Sebastian Klein unterhalten, der den Großteil seines Geldes in Impact-Organisationen eingebracht hat, die sich mit den Auswirkungen sozialer Ungleichheit beschäftigt und versuchen, diesen entgegenzuwirken.
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Glücksrittertum auf dem Vormarsch
Wir erleben den Aufstieg moderner Glücksritter und es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis der erste dieser Titanen des Großkapitalismus über ein Vermögen von mehr als 1.000 Milliarden Dollar verfügen kann. Umgerechnet auf Südtirol würde dies bedeuten, dass alle 520.000 SüdtirolerInnen vom Kind bis zur Greisin bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 45.000 Euro über 36 Jahre arbeiten müssten, um so viel Geld zu verdienen. Dieser Betrag entspricht in etwa 106 Südtiroler Landeshaushalten im aktuellen Umfang. Und das alles in der Hand eines Mannes.
Ist das ein Ansporn für besondere Leistungen und der Traum von den unendlichen Freiheiten, die der Kapitalismus verspricht? Oder ist es ein gigantischer Systemfehler, der so viel Macht in den Händen weniger konzentriert, dass sie sich nach Gutdünken über Demokratie, Gesetz und die Errungenschaften jahrtausendelanger gesellschaftlicher Entwicklung hinwegsetzen können?
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Die Konzentration von Vermögen: In Lateinamerika vereinnahmen die obersten 10 % 55 % des Nationaleinkommens, verglichen mit 36 % in Europa. Das Einkommen wird nach Renten- und Arbeitslosenbeiträgen sowie nach von Individuen gezahlten und erhaltenen Leistungen gemessen, jedoch vor Einkommensteuern und anderen Transfers. Foto: www.wir2022.wid.world/methodology -
Besteuerung von Vermögen und Erbschaften
Vor diesem Hintergrund gewinnen die Debatten um die Besteuerung hoher Vermögen und großer Erbschaften an Schärfe. Sie berühren einen neuralgischen Punkt unseres Gerechtigkeitsverständnisses: Wie legitim ist extreme Vermögenskonzentration in einer Gesellschaft, die sich der Chancengleichheit verpflichtet fühlt? Und welche Rolle soll der Staat bei der Korrektur struktureller Ungleichgewichte spielen? Befürworter einer stärkeren Besteuerung argumentieren mit Leistungsfähigkeit, Generationengerechtigkeit und der Notwendigkeit, öffentliche Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Klimaschutz zu finanzieren. Kritiker warnen vor Kapitalflucht, Investitionshemmnissen und einer Schwächung unternehmerischer Dynamik.
Diese Kontroverse ist mehr als eine fiskalpolitische Detailfrage. Sie verweist auf einen grundlegenden Zielkonflikt zwischen individueller Vermögensfreiheit und kollektiver Verantwortung. Soziale Gerechtigkeit ist kein statischer Zustand, sondern ein Aushandlungsprozess – politisch, ökonomisch und kulturell. Sie entsteht dort, wo gesellschaftliche Mehrheiten bereit sind, Verteilungsfragen offen zu diskutieren und institutionelle Rahmenbedingungen anzupassen.
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„Tax me now“
Einige Besitzende und Erben großer Vermögen stellen sich ethische Grundsatzfragen und engagieren sich im prinzipiellen Gerechtigkeitsdiskurs jenseits philanthropischer Großzügigkeit. Das hat zur Gründung der Tax-Me-Now-Bewegung geführt oder zum Engagement von Marlene Engelhorn, die einen Großteil ihres Millionenerbes von Bürgerinnen-Räten verteilen lässt. Sebastian Klein hat ein Start-up zum Erfolg geführt, um viele Millionen verkauft und den größten Teil des Erlöses gestiftet. Was ihn dazu bewogen hat, werden wir beim SALTO change Partner-Event am 25. März erfahren, bei dem er zu Gast sein wird, zusammen mit Landesrätin Magdalena Amhof.
Der gesellschaftliche Wandel – demografisch, technologisch, ökologisch – verschärft diese Diskussion. Wenn Transformation gelingen soll, braucht sie Akzeptanz. Und Akzeptanz entsteht nur, wenn Lasten und Chancen als fair verteilt wahrgenommen werden. Soziale Gerechtigkeit ist daher kein Randthema, sondern Voraussetzung demokratischer Stabilität. Der Anspruch bleibt hoch. Entscheidend ist, ob die politische Realität ihm standhält – und ob wir bereit sind, den Wandel aktiv und solidarisch zu gestalten.
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