Ein Zuhause für alle
-
Die monothematischen Ausgaben unserer Zeitschrift beschäftigen sich mit den verschiedensten Fragestellungen rund um Architektur und landschaftliche Transformation. Die grundlegenden Fragen sind dabei jedoch nicht nur architektonischer und städtebaulicher Natur, sondern vor allem auch ethisch und politisch relevant: Als Gemeinschaften sollten wir das vorrangige Ziel haben, allen die Chance auf Wohnraum zu bieten, wobei auch eine gewisse Qualität der Bauwerke als Recht einforderbar sein muss.
Denn das „Recht auf Wohnen“ ist ein Grundrecht und auch Ausdruck eines menschlichen Grundbedürfnisses. Seit Anbeginn der Menschheit verspüren wir einen instinktiven Wunsch danach, uns einen geschützten Raum zu suchen, der Zuflucht und ein Gefühl von Sicherheit bietet. So war es einst noch möglich, eigenständig einen Ort zu finden, an dem man sich niederlassen konnte, Werkzeug sowie Material zu beschaffen und ein Haus zu bauen. Doch die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, Individuen haben sich zu Gemeinschaften zusammengeschlossen – mit der Konsequenz, dass solche (privaten ebenso wie öffentlichen) Vorhaben inzwischen Grenzen und Regeln unterliegen.
„Auf diesem Markt wird Wohnraum als Kapitalanlage verkauft.“
Das Bedürfnis nach Wohnraum im Sinne eines elementaren Guts hat sich mit der Zeit gewandelt. Was ursprünglich dem Gebrauch diente, wurde allmählich zum konsumorientierten Modell. Der Wunsch nach einem Eigenheim ist nicht mehr nur gemeinsamer Antrieb und Ziel, sondern begründet den Immobilienmarkt und somit eine Branche, die entsprechende Endprodukte produziert.
Auf diesem Markt wird Wohnraum als Kapitalanlage verkauft. Das trägt zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung bei – in erster Linie ist das Ziel aber eine maximale Rendite, sodass ohne Preiskontrolle faktisch weniger bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht. Diese Dynamik schließt also ganze Bevölkerungsgruppen aus, die nicht über die Mittel verfügen, um mit dem Markt Schritt zu halten und sich selbst Wohneigentum zu finanzieren. Ebenso wird der Zugang zu Mietwohnungen erschwert, da auch diese der Marktlogik unterliegen. Angesichts einer solchen sozialen Ungleichheit muss die Politik verstärkt auf ihrem Primat bestehen. Denn nur so lässt sich die Kluft zwischen Bürgerinnen und Bürgern beseitigen, die doch alle die gleichen Rechte und Chancen besitzen sollten. Dieser Grundsatz ist in Artikel 3 der italienischen Verfassung deutlich verankert: „Es ist Aufgabe der Republik, die Hindernisse wirtschaftlicher und sozialer Art zu beseitigen, die durch eine tatsächliche Einschränkung der Freiheit und Gleichheit der Staatsbürger der vollen Entfaltung der menschlichen Person […] im Wege stehen“.
Daher ist es Aufgabe der öffentlichen Hand, stadtplanerische Maßnahmen zu ergreifen, die nicht nur Orte ermitteln, die baulich entwickelt werden sollen, sondern auch Strukturen schaffen, die die Bedürfnisse der Bevölkerung wirklich erfüllen.
-
Zum Author
Alberto Winterle (1965) studierte Architektur in Venedig und gründete 1998 gemeinsam mit Lorenzo Weber das Architekturbüro weber + winterle architetti in Trient. Seit 2005 ist er Redakteur von Turris Babel, der Zeitschrift der Architekturstiftung Südtirol. Seit 2015 ist er Chefredakteur der Zeitung. Er war Präsident der Architektenkammer PPC der Provinz Trient und Mitglied der Provinzkommission für Stadtplanung und Landschaft (CUP) sowie des Unterausschusses für Landschaft der Autonomen Provinz Trient. Von 2016 bis 2021 war er Präsident des Vereins Architetti Arco Alpino, der sich aus den Architektenkammern PPC von Aosta, Belluno, Bozen, Cuneo, Novara VCO, Sondrio, Trient, Turin, Udine und Vercelli zusammensetzt.
Foto: Seehauserfoto -
In der jüngeren Geschichte gab es vereinzelte Ansätze zur Umsetzung wichtiger wohnungspolitischer Initiativen und Pläne in Italien, zum Beispiel den berühmten INA-Casa-Plan, durch den in der Nachkriegszeit ab 1949 Wohngebäude für Lohnabhängige errichtet wurden. Die Finanzierung erfolgte über einen Fonds, in den die Lohnabhängigen selbst eine Zwangsabgabe einzahlten.
„Gerade weil die Immobilien so hohe Renditen bringen, vergrößert die Tourismuswirtschaft das Ungleichgewicht immer mehr.“
Aber was in der Vergangenheit funktionierte, reicht heute nicht mehr aus. Diese Lösungen entsprechen nicht mehr der komplexen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage, in der wir uns jetzt und sicherlich in naher Zukunft noch befinden. Die Gesellschaft verändert sich: Ein Haushalt kann aus unterschiedlichsten Beziehungskonstellationen bestehen, die Bevölkerung wird immer älter und die demografische Entwicklung ist rückläufig. Auch unsere Ansprüche wandeln sich rasch: In den letzten Jahren haben wir gesehen, wie sehr eine Sanitätskrise die Wahrnehmung der eigenen Prioritäten und Bedürfnisse verändern kann. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass selbst an einem privilegierten Wirtschaftsstandort wie Südtirol neue Armutsbedingungen entstehen können. Denn gerade weil die Immobilien so hohe Renditen bringen, vergrößert die Tourismuswirtschaft das Ungleichgewicht immer mehr, sodass es für Einheimische und die arbeitende Bevölkerung unmöglich wird, Wohnungen zu erschwinglichen Preisen zu finden.
Auf diese Weise werden Menschen in unserer Region aus bekannten Destinationen verdrängt. Sie sehen sich dazu gezwungen, in wirtschaftlich weniger attraktive Orte zu ziehen und täglich immer größere Entfernungen zurückzulegen, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen.
Das komplexe Thema „Recht auf Wohnen“ muss daher strukturell angegangen werden. Es braucht innovative Maßnahmen und unkonventionelle Konzepte, um neue Modelle des sozialen Wohnungsbaus zu erproben. Ziel ist es nicht nur, den Bedürfnissen all jener gerecht zu werden, die weniger wohlhabend sind, sondern auch, Südtirol städtebaulich neu auszurichten sowie Dörfer und Städte in großen Teilen umzugestalten.
Es ist an der Zeit, mit neuen Wohnmodellen zu experimentieren, in denen mehr Personen ein Zuhause finden können und eine funktionale Durchmischung stattfindet, die die Komplexität der heutigen Gesellschaft widerspiegelt: Wohnungen für junge Menschen, Alleinerziehende und Beschäftigte in prekären oder Zeitarbeitsverhältnissen. Wohnheime für Studierende, betreutes Wohnen für ältere Menschen und Einrichtungen für den Mittelstand, in denen sich auch private Studios befinden können, oder Werkstätten. Kurz gesagt: irgendetwas, das die Komplexität und Vielfalt unserer heutigen Lebensrealität widerspiegelt.
„Es braucht einen neuartigen Ansatz im Sinne ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit.“
Wohnraum besteht aber nicht nur aus einzelnen Häusern und Wohnungen. Vielmehr sollten auch die ganze Wohngegend und das gesamte Viertel vielfältige Funktionen übernehmen, um die Wohnstätten effektiv mit Arbeits-, Kultur-, Lehr-, Bildungs- und Freizeitstätten zu verbinden. Es braucht also einen neuartigen Ansatz im Sinne ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit.
-
Klar ist, dass der öffentliche Wohnbaubestand völlig unzureichend ist, um die aktuelle Nachfrage zu decken. Dabei handelt es sich um einen strukturellen Mangel infolge eines wirtschaftlichen und kulturellen Systems, in dem „soziale Gerechtigkeit“ nicht dem Status quo entspricht.
Deshalb haben wir zunächst die Situation in Wien angeschaut, wo 55 Prozent des bestehenden Wohnraums der öffentlichen Hand gehören. Allerdings ist dieses Modell wohl kaum auf uns übertragbar, da es auf der Schaffung eines Wohnraumangebots zu gedeckelten Preisen beruht. In Italien hingegen werden mit politischen Maßnahmen eher der Immobilienerwerb, Bestandssanierungen oder Neubauten finanziell gefördert. In Südtirol gibt es zwar Initiativen einzelner Gemeinden oder gemeinnütziger Einrichtungen, die darauf abzielen, verschiedenen Gesellschafts- und Einkommensschichten einen Zugang zu bestehendem Wohnraum zu ermöglichen. Diese Lösungen bewegen sich jedoch immer noch in engen Grenzen und sind nicht weit genug verbreitet.
Zur Verwaltung des Gebäudebestands und den schätzenswerten wohnungspolitischen Maßnahmen, die vom WOBI koordiniert werden, sollte aber noch etwas anderes hinzukommen: Die öffentliche Hand müsste sich konkret dazu verpflichten, Wohnraum für den Mittelstand zu schaffen, und dazu neue Modelle des Zusammenlebens und folglich des Wohnens erproben. Das setzt auch eine gewisse Experimentierfreude hinsichtlich der Entwürfe voraus.
Diesem „neuen Notstand“ muss müssen wir uns stellen, dabei dem kontinuierlichen gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen sowie das beste planerische Geschick und alle erforderlichen Ressourcen verfügbar machen. Uns muss bewusst sein, dass Wohnen ein soziales und zugleich kulturelles sowie letztlich auch ein wirtschaftliches Recht ist.
Der Text ist der Leitartikel in der letzten Ausgabe von Turris Babel, Zeitschrift der Architekturstiftung Südtirol, #139.
-
Articoli correlati
Umwelt | SALTO GesprächProgettare il vuoto
Gesellschaft | In der StreitergasseMacht (und) Architektur
Acconsenti per leggere i commenti o per commentare tu stesso. Puoi revocare il tuo consenso in qualsiasi momento.