Cultura | Rezension

Everybody Wants to Rule the World

Immer weiter an die Spitze, der Beste sein: Davon erzählt Marty Supreme von Josh Safdie in einer als Sport-Drama getarnten Farce.
Ein junger Mann rennt durch die Straßen
Foto: A24
  • Marty Mauser möchte der Beste sein, und das nicht hinter verschlossenen Türen, nein, er möchte gesehen werden, sein Erfolg soll im Scheinwerferlicht strahlen, eigentlich arbeitet er als Schuhverkäufer in einem Laden in Lower Manhattan, im New York des Jahres 1952, er könnte aufsteigen, nicht in der Welt, doch zumindest im Mikrokosmos Schuhladen, als ihm der Job als Filialleiter angeboten wird, doch Marty hat anderes im Sinn, wird Teil des US-Teams im Tischtennis, reist nach Großbritannien, schlägt Gegner um Gegner, doch scheitert am letzten, einen Japaner namens Endo, der sein Nemesis werden wird, nicht nach Wettkampf-Maßstäben, sondern nur in Martys Kopf, der, das wissen wir bereits, der Beste sein möchte, also Krone richten und weiter, mit Selbstbewusstsein voran, Kopfsprung, Arme gestreckt, hinein ins Schlammassel, in bester Josh-Safdie-Manier.

     

    Er kostete Berichten zufolge rund 70 Millionen US-Dollar.

     

    Puh, einmal kurz durchatmen. Ja so sind sie, die Filme des New Yorker Regisseurs, der bislang gemeinsam mit seinem Bruder Benny inszenierte, etwa Good Time oder Uncut Gems, atemlose, fiebrige Filme, die nie zur Ruhe kommen. Mit Marty Supreme wagt sich Josh Safdie an sein erstes Solo-Projekt und drehte direkt den für das produzierende Studio A24 bislang teuersten Film: Er kostete Berichten zufolge rund 70 Millionen US-Dollar (via Variety). Im Gegensatz zum letztjährigen Werk seines Bruders, der sich mit The Smashing Machine ein waschechtes Sportler-Drama zur breiten Brust von Dwanye Johnson genommen hat, täuscht Josh das Genre nur vor. Tischtennis ist zwar das wiederkehrende, visuelle Motiv und erzählerische Wirbelsäule, doch im Grunde geht es bei der Reise von Marty Mauser um Grundsätzlicheres. 

     

    Auf seinem Weg, der von Tricksereien, Deals und vielen überzeugenden Worten gepflastert ist, lernt er Mittel zum Zweck kennen.

     

    Der Film porträtiert einen Mann, der rastlos und mit scheinbar unerschütterlichem Selbstbewusstsein nach vorne schreitet. Um an sein Ziel zu kommen – vordergründig, den Japaner Endo doch noch zu besiegen, hintergründig, sich selbst zu beweisen, dass er der Beste ist – muss er einiges auf sich nehmen. Ohne Geld stolpert er nach seiner großen Niederlage durch die Weltgeschichte. Er landet in Paris, Kairo und London. Auf seinem Weg, der von Tricksereien, Deals und vielen überzeugenden Worten gepflastert ist, lernt er Mittel zum Zweck kennen. Darunter den ehemaligen Filmstar Kay Stone, deren größte Tage bereits hinter ihr liegen. In ihrem Ehemann findet Marty einen potenziellen Finanzier seiner Vorhaben, in Kay selbst eine mögliche Affäre. Ganz typisch für Safdie eskalieren die Taten seines Protagonisten, lassen ihn hinfallen und wiederaufstehen, das Unmögliche erleben und damit eine cineastische und nie humorlose Achterbahnfahrt erleben.

  • Foto: A24
  • Alle Beteiligten in diesem Film arbeiten auf hohem Niveau. Allen voran Hauptdarsteller Timothée Chalamet, dessen eigener Antrieb jenem von Marty Mauser wohl recht ähnlich ist – wie er selbst bei den letztjährigen SAG Awards zugab: „I want to be one of the greats!“ Gewohnt souverän verkörpert er deshalb seine Figur, deren innere Motivation er selbst lebt. In kaum einer Rolle verschmolz er bislang so sehr mit dem Charakter, ja noch nicht einmal als Bob Dylan in A Complete Unknown. Unterstützt wird seine Leistung von einem starken Feld an Nebendarsteller*innen. Als Freundin und Liebschaft Rachel brilliert Odessa A’zion, die Schauspielerin Kay Stone wird von Gwyneth Paltrow verkörpert, die einen angenehm gefestigten und reifen Kontrapunkt zum Jungspund Marty liefert. Zu den weiteren Highlights in der Besetzung zählt sicherlich Abel Ferrara, seines Zeichens selbst New Yorker Regie-Ikone, der in Marty Supreme einen zwielichtigen Hundebesitzer spielt.

  • Foto: A24
  • Dank analoger Bilder und einem überzeugenden Set-Design blutet das New York der 50er Atmosphäre. Hier bedient sich Safdie teils an den Bildern von Martin Scorsese oder Francis Ford Coppola, kontrastiert den Look jedoch mit der Musik von Daniel Lopatin, der sich überwiegend für Synth-Klänge entschieden hat. Diese Dissonanz aus Bild und Musik funktioniert wunderbar und trägt zum treibenden Charakter des Films bei. Zwar ist Marty Supreme bei weitem nicht so stressig inszeniert und geschnitten wie etwa Uncut Gems, unterhält in seinen 150 Minuten aber gut. Der Film umgeht geschickt die Klischees des Sportler-Dramas und setzt eigene Akzente. Ob es für den Kultfilm reicht, den Regie und Hauptdarsteller mit aller Kraft heraufbeschwören wollen, muss die Zeit zeigen.