Oscars 2026: Revoluzzer gegen Dichter
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Sieht man sich die Liste der nominierten „besten“ Filme der diesjährigen Oscar-Verleihung an, so entsteht zunächst der Eindruck, einiges an Genre-Diversität vor sich zu haben. Neben Dramen finden sich Horror, Sportfilm, Komödie und Farce auf dem Programm. Doch es wäre einfältig zu denken, dass die Academy diese Diversität auch in der Vergabe der Preise weiterverfolgt. Im Grunde haben sich durch die bisher stattgefundenen Award-Shows in den USA in diesem Jahr nur zwei mögliche Kandidaten für den Hauptpreis herauskristallisiert.
Zum einen wäre da One Battle After Another, der jüngste Film von Paul Thomas Anderson, dem in diesem Jahr der längst überfällige Preis für die Beste Regie überreicht werden wird. Sein knapp dreistündiger Genre-Mix aus Drama und Komödie ist im heutigen Amerika hochaktuell, gleichzeitig nicht kontrovers genug, um die Academy zu vergraulen. Meisterhaftes Filmhandwerk, sehr gute Kritiken und eine weitestgehend positive Grundstimmung machen One Battle After Another zu einem guten Oscar-Kandidaten – völlig abgesehen von seinen Qualitäten, die außerhalb der Award-Show-Sphäre all jene begeistern, die über den cineastischen Tellerrand blicken. Mit diesem Film würde die Academy nach außen hin kommunizieren, dass sie einerseits Autorenfilmer zu schätzen weiß, andererseits würde damit aber auch eine Produktion prämiert werden, die für das Studio Warner Bros. ein großes Risiko war. Immerhin kostete der für Hollywood eigenwillige Streifen stolze 130 Millionen US-Dollar (via bbc.com). An der Kasse entwickelte sich der Film leider nicht zum durchschlagenden Erfolg, ein Hauptpreis beim populärsten Filmpreis der Welt wäre immerhin ein Trostpflaster.
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Ein Sieg von One Battle After Another ist zwar mehr als realistisch, doch die Vergangenheit hat gezeigt, dass für gewöhnlich nicht der cineastisch interessanteste Film gewinnt.
Sondern ein Kompromiss.
Was uns zu Hamnet bringt. An dieser Stelle sei die Besprechung dazu auf SALTO empfohlen, die zum Fazit führte: Hamnet ist tränenreiches, sehr manipulativ gestricktes Gefühlskino von Regisseurin Chloé Zhao, von der man eigentlich Besseres gewohnt ist. Ihr neues Werk ist zutiefst mittelmäßig und kann einen regelrecht ärgern. Doch ein Drama wie Hamnet, mit historischem Setting und großen Gefühlen, getragen von einer Hauptdarstellerin, die an ihre Grenzen geht (was mit ziemlicher Sicherheit prämiert wird), noch dazu ein Film mit Shakespeare-Bezug, ist perfekt für die Oscars. Dass Hamnet den Preis als Bester Film mit nach Hause nimmt, ist leider zu erwarten. Dass One Battle After Another, der deutlich mutigere und eigenständigere Film seinen Konkurrenten aussticht, wäre eine erfreuliche Überraschung.
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Und die anderen Kandidaten?
Frankenstein von Guillermo del Toro: Ein ästhetisch über alle Zweifel erhabener Horrorfilm und Literaturadaption, die jedoch zu verschroben ist, um für die Oscars interessant zu sein.
Blood & Sinners von Ryan Coogler: Ein Sieg ist sehr unwahrscheinlich, da Horrorfilme selten die Anerkennung erhalten, die sie verdienen. Immerhin hält der Film den neuen Rekord als Streifen mit den meisten Nominierungen jemals (16).
F1 von Joseph Kosinski: Ein Rennfahrer-Drama, das nur in der Kategorie vertreten ist, um einen Publikumsfilm mit dabei zu haben. An dieser Stelle hätte genauso gut Avatar 3 stehen können.
Bugonia von Yorgos Lanthimos: Yorgos Lanthimos kann mit seinem neuen Film, einem Remake zwar auf gewohnt surreale Art überzeugen, für die Oscars ist es jedoch viel zu exzentrisch.
Marty Supreme von Joseh Safdie: Bis vor Kurzem ein heißer Kandidat für den Hauptpreis, nach Berichten über Fehlverhalten des Regisseurs Josh Safdie beim Dreh von Good Time (siehe Vanity Fair) werden die Oscars davon absehen, den neuen Film groß auszuzeichnen – eine Ausnahme könnte Hauptdarsteller Timothée Chalamet sein.
Sentimental Value von Joachim Trier: Hervorragendes Familiendrama von Joachim Trier, jedoch zu europäisch und nischig für die Oscars.
Train Dreams von Clint Bentley: Netflix-Produktion, die vor allem durch ihre Schauwerte und gute Darsteller*innen besticht, aber zu wenig bewegt hat, um Chancen auf den Hauptpreis zu haben.
The Secret Agent von Kleber Mendonça Filho: „Auslands“-Film, der gute Chancen in der besagten Kategorie hat – als Bester Film ist er jedoch zu wenig populär.
Am 16. März 2026 findet die Preisverleihung statt. Ob die Academy es schafft, sich aus der drohenden Bedeutungslosigkeit zu hieven, muss sich zeigen. In Zeiten, in denen Kinotickets angesichts der Streaming-Dienste weit weniger Gewicht haben, zählt eben auch ein Preis mehr oder weniger nicht, um die Menschen in die Lichtspielhäuser zu locken.
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