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Kostbare Sammlungen

Das Gedächtnis der Menschen ist bekanntlich kurz, hier wird es bewahrt. In Sammlungs- und Forschungszentren lagern unzählige historische Kostbarkeiten mit einem unbezahlbaren Wert für die Gesellschaft.
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Die Schatzkiste Tirols Franz&Sue; Foto Andreas Buchberger
Foto: Die Schatzkiste Tirols Franz&Sue; Foto Andreas Buchberger
  • Foto: Die Schatzkiste Tirols Franz&Sue; Foto Andreas Buchberger
  • Das Gedächtnis der Menschen ist bekanntlich kurz, hier wird es bewahrt. Keine zur Gänze erhaltene, so doch zumindest der Fuß einer 3.000 Jahre alten Mumie, eine Million konservierte Alpenschmetterlinge, wertvolle gotische Skulpturen, steinzeitliche Keile, diverse Streichinstrumente des legendären Tiroler Geigenbauers Jakob Stainer. Die Liste ist lang. Im Sammlungs- und Forschungszentrum Hall lagern unzählige historische Kostbarkeiten mit einem geschätzten Wert von über einer Milliarde Euro.

  • Foto: Autonome Provinz Bozen
  • So oder ähnlich ist es nun auch in Südtirol geplant: ein hochmodernes Zuhause für die Kunst- und Kulturschätze des Landes. Vermutlich im Rahmen einer regionalpolitisch motivierten Förderung polit-strategisch in Neumarkt positioniert, jedoch – anders als in Tirol – nicht als Ergebnis eines öffentlichen, europaweiten Architekturwettbewerbs, sondern auf Basis eines neuen Projektfinanzierungsmodells (PPP). Dass dabei ausgerechnet ein Familienmitglied der Bietergemeinschaft als Architekt einbezogen wird, verdeutlicht die unterschiedlichen Herangehensweisen bei der Auswahl der architektonischen Gestaltung wichtiger kultureller Schatzkammern nördlich und südlich des Brenners. Dass es sich dabei zumindest um ein durchaus aufstrebendes Architekturbüro handelt, kann zwar als Glücksfall gewertet werden, lässt sich jedoch bei diesem „innovativen Auswahlverfahren“ künftig wohl kaum verlässlich gewährleisten.

  • Foto: Die Schatzkiste Tirols Franz&Sue; Foto Andreas Buchberger
  • Millionen historischer Kostbarkeiten aus den regionalen Landesmuseen lagern vor dem Hintergrund der imposanten Alpenkulisse in diesem Depot in Hall in Tirol. Nach außen strahlt der »Tresor« Selbstbewusstsein und Beständigkeit aus, im Inneren bietet eine klare und einfache räumliche Gliederung optimale Bedingungen für die Forschungspersonal und die Artefakte – mit einer erstaunlich simplen technischen Lösung.

    Als Tresor wacht der quadratische, flache Monolith über die Kulturschätze, die aus zahlreichen Depots und Sammlungen der Tiroler Landesmuseen an diesem Ort zusammengeführt worden sind; das Gedächtnis des Landes gesammelt in einer von außen geheimnisvollen Schatzkiste vor dem Hintergrund der mächtigen Alpengipfel.

  • Foto: Die Schatzkiste Tirols Franz&Sue; Foto Andreas Buchberger
  • Die Schwachstelle eines Gesamtangebots einer Bietergemeinschaft liegt darin, dass ein noch so finanziell solides aufgestelltes Projekt planerische Schwächen letztlich nicht kaschieren kann. Gleichzeitig vermag auch ein noch so überzeugendes architektonisches Konzept Fehlkalkulationen nicht zu überdecken – insbesondere dann, wenn diese nicht Bau und Realisierung betreffen, sondern die Projektfinanzierung selbst, auf die sich dieses vermeintlich innovative PPP-Modell stützt. Wollen wir wirklich zukünftig auf das bessere Gebäude verzichten, nur weil jener Akteur, der die öffentliche Finanzierung als private Leistung organisiert, einen bestimmten gestalterischen Geschmack vertritt? Selbstverständlich wählt er dann auch jene Planerinnen und Planer aus, mit denen er bevorzugt zusammenarbeitet. Auf diese Weise wird jedoch – unter Berufung auf das öffentliche Entscheidungen – der Markt im Planungswesen verzerrt.

    Warum also miteinander verknüpfen, was nicht zusammengehört?

  • Foto: Die Schatzkiste Tirols Franz&Sue; Foto Andreas Buchberger
  • Die mit grauen, glasfaserverstärkten Betonplatten (FibreC) verkleidete Fassade gibt sich hermetisch und wehrhaft wie eine Rüstung. Wenige reduzierte Perforierungen durchbrechen die panzerartige Haut: das Tor für die Lkw-Schleuse, Lüftungsschlitze, die gesetzlich vorgeschriebenen Fenster zur Tischlerei und der Haupteingang. Rot leuchten die Innenseiten des Tores dann, wenn es an den Arbeitstagen geöffnet ist. Regelmäßigen Publikumsverkehr gibt es nicht.

    Das räumliche Konzept ist einfach und klar. Im Außenring befinden sich nach dem Zwiebelprinzip 7.500 m² Depotflächen, dann folgt ein Gang- bzw. Erschließungsring, im Kern gruppieren sich die hellen Arbeits- und Atelierräume für die drei Dutzend Mitarbeitenden um das introvertierte, begrünte Atrium, das sich die Wissenschaftler:innen als einen »kontemplativen Denkkreis« für ein konzentriertes Forschen und Arbeiten gewünscht hatten.

  • Foto: Die Schatzkiste Tirols Franz&Sue; Foto Andreas Buchberger
  • Es geht also nicht um die Bietergemeinschaft, die in ihrem Angebot die geforderten Leistungen erfüllt, sondern um die grundsätzliche Frage, weshalb ein Land wie Südtirol ein solches PPP-Verfahren bevorzugt, anstatt bewährte Instrumente weiterzuentwickeln. Südtirol war immerhin lange Zeit Vorreiter im Wettbewerbswesen für Architektinnen und Architekten, fällt in diesem Bereich jedoch zunehmend zurück – sowohl in der Durchführung als auch in den inhaltlichen Anforderungen der Verfahren. Stattdessen setzt man trotz eines ausgezeichneten Landesratings bei internationalen Ratingagenturen auf ein System, das ursprünglich dafür konzipiert wurde, Staaten und Organisationen mit niedrigem bis schlechtem Rating Marktvorteile zu verschaffen, indem das Finanzierungsrisiko an private, höher gerankte Unternehmen ausgelagert und entsprechend vergütet wird.

  • Foto: Die Schatzkiste Tirols Franz&Sue; Foto Andreas Buchberger
  • Zwei der drei Geschoße sind in der Erde versenkt und erreichen ohne aufwendige Technik für den klimatisch autarken Depotbereich eine optimale Temperatur von 19 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. In seiner Silhouette wird der Baukörper entsprechend der Hanglage eingeschnitten. Der im Außenring gelagerte Fundus ist durch Schleusen über den Erschließungsgang von den Büros, den Werkstätten, Pack-, Entlade- und Konservierungsräumen, dem Fotoatelier und der Tischlerei auf kurzen Wegen erreichbar. »Für uns Restaurator:innen hat sich die Arbeitssituation im Vergleich zu früher erheblich verbessert«, sagt Laura Resenberg, Leiterin der Restaurierungswerkstätten. »Nun ist es möglich, sich auf die Schnelle mal ein Exponat anzuschauen. Die passenden Ateliers liegen dem jeweiligen Depotbestand direkt gegenüber. Sich mit unseren Wägen barrierefrei auf einer Ebene zu bewegen, macht alles viel einfacher.« Forschen, nachdenken und mit Fachkolleg:innen diskutieren – konzentriert an einem Ort, in Ruhe und direkt am Objekt. Das Gedächtnis der Menschen ist kurz, es zu bewahren ein aufwendiger und doch lohnenswerter Prozess.

  • Foto: Autonome Provinz Bozen
  • Zwar verbindet die Architekturszene Südtirols mit dem Neubau die Hoffnung, endlich auch einen Ort für lokale architektonische Nachlässe zu erhalten; zugleich droht jedoch die Gefahr, dass es diesen Bedarf unter den gegebenen architektonischen Voraussetzungen künftig gar nicht mehr gibt. Es stellt sich daher die Frage, auf welcher Entscheidungsgrundlage das Land Südtirol bei der Wahl von PPP-Verfahren agiert.