Società | Giorno del ricordo

Kriegsgräuel im Grenzgebiet

Am “Giorno del ricordo” versammeln sich Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft am Erinnerungsdenkmal in Bozen. Am Abend gedenken die Faschisten um Casa Pound.
Bozen
Foto: SALTO/HM
  • „Ja, sicher“, meinte Giovanni Salghetti Drioli auf die Frage, ob es eine gesellschaftliche Gefahr darstelle, wenn Politiker der Rechten, ja sogar der extremen Rechten, scheinheilig an der offiziellen Erinnerungsfeier teilnehmen und am Abend beim Aufmarsch von Geschichtsverdrehern und Spaltern der Gesellschaft aufs Neue zur Gedenkstätte für die Opfer aus Istrien und Dalmatien marschieren. Zwei Erinnerungsmomente am selben Tag? Am gleichen Ort?

    Während Südtirols Vize-Landeshauptmann und letztjähriger Fackelträger beim Aufmarsch der Neofaschisten am Denkmal sich nach den Reden unter eine junge Gruppe von Schülerinnen und Schülern mischte und mit Unwesentlichkeiten um Aufmerksamkeit buhlte, gab ein stadtbekannter Neofaschist dem einen oder anderen Medienvertreter Auskunft zur Veranstaltung und zu seinem Remigrations-Anliegen. Wie wichtig seine Meinung und verqueren Aussagen für den öffentlichen Diskurs sind bleibt mehr als fraglich. Primär sollte es doch darum gehen, einseitig gestrickte faschistische Geschichtsnarrative kritisch zu überprüfen, oder? Aber wer macht das schon von den Rechtsparteien im Landtag oder im Stadtrat? Hoffentlich tun es die neugierigen Medienvertreter.
     

    Erinnerung an den Exodus der italienischsprachigen Bevölkerung aus Istrien, Fiume/Rijeka und Dalmatien nach dem Zweiten Weltkrieg.

  • An der 2004 errichteten Gedenkstätte: Auch Bürgermeister Claudio Corrarati und Landesrat Christian Bianchi setzten ein Zeichen der Erinnerung. Foto: SALTO/HM

    Heute erinnert eine Handvoll Straßennamen an das lange kaum aufgearbeitete Kapitel der italienischen Geschichtsschreibung. Die lokale Präsenz der Städtenamen Pola, Fiume oder Zara in Bozen vermittelt lediglich eine skizzenhafte Erinnerung an eine Zeit ideologischer Wirren in einem zwischen Faschismus und Kommunismus umstrittenen Grenzgebiet.
     
    Seit Anfang der 2000er-Jahre gedenken die Vertriebenen und ihre Nachkommen am vor wenigen Jahren erweiterten Denkmal in Bozen der Verbrechen in den istrischen und dalmatinischen Küstengebieten. Wenige, aber aussagekräftige Dokumente belegen die Geschichte der Vertreibung – auch in andere Kontinente. Anfangs in Südtirol noch in Militärkasernen untergebracht, entwickelte diese nach Bozen zugezogene Minderheit ein beachtliches Netzwerk und ist seit vielen Jahrzehnten ein wichtiger Teil der Südtiroler Realität. Bis heute bemüht sich eine national tätige Vereinigung auch in Bozen darum, dass dieser Teil der Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.
     

    „Es wird nicht für den Frieden gearbeitet.“

  • Giovanni Salghetti Drioli: Der familiäre Ursprung gleich zweier Ex-Bürgermeister Bozens liegt im heutigen Kroatien. Ihre Familien kamen während und nach dem zweiten Weltkrieg, als Optanten, aus Dalmatien und Istrien, nach Südtirol. Foto: SALTO/HM

    „Ich muss sagen, dass Bozen eine sehr hoffnungsvolle Stadt war“, erinnert sich Salghetti Drioli, „wie sie mit den vielen Flüchtlingen, mit den fast 1.000, die damals hierherkamen, umgegangen ist.“ Klar, das Zusammenleben der Kulturen, das europäische Denken in Bozen, sei vor 20 Jahren ausgeprägter gewesen, bestätigt er. Kaum zu glauben ist deshalb aus heutiger Perspektive, dass während seiner Regierungszeit als Bürgermeister von Bozen (1995–2005) sogar eine öffentliche Umbenennung der Piazza della Vittoria in Piazza della Pace angedacht war. Die Maßnahme wurde 2002 durch ein von den Rechten initiiertes konsultatives Referendum blockiert. 

    Nachgespürt werden kann diesem bedauernswerten Umstand im Ausstellungsparcours unter dem Siegesdenkmal. „Es gibt immer noch Teile, auch in Europa, da geht man politisch nach vorne, aber man geht zugleich rückwärts im Denken. Das ist schrecklich. Es wird nicht für den Frieden gearbeitet“, so der ehemalige Bürgermeister.

  • Guido Margheri: Faschistische Ideologie vs. historische Fakten. Foto: SALTO/HM

    In Bozen geht es aber auch um die bedauerliche Instrumentalisierung von Erinnerung – wobei der Faschismus und seine Gefahren, die er für die Menschheit gebracht hat und weiterhin bringt, vertuscht werden. Mit Veranstaltungen zum Gedenktag, die von Organisationen und Menschen mit historischem Halb- oder Nichtwissen forciert werden, wird nur Meinungsmache betrieben und Erinnerung missbraucht. 

    „Ich glaube, dass Galateo, wie Caruso und andere sich das genau überlegen sollten. Ich sehe da auch ein Problem beim Landeshauptmann, der am 27. Januar zwar gute Aussagen vor der Mauer des ehemaligen Lagers in Bozen macht, durch sein Nichthandeln im politischen Alltag aber eine Art von Ambiguität erzeugt“, indem er sozusagen auch „jene stärkt, deren Sprüche einer Spaltung der Bozner Erinnerung Vorschub leisten“, anstatt Faschismen „zu bekämpfen“, meint Guido Margheri von der Vereinigung ANPI (Associazione Nazionale Partigiani d’Italia).

  • Gedenkstätte

    Im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit kam es im italienisch-jugoslawischen Grenzraum immer wieder zu Gewaltakten  und Übergriffen, die große Teile der italienischsprachigen Bevölkerung dazu bewogen, ihre Heimatorte in Istrien und Dalmatien zu verlassen. Um der Opfer dieser Massenflucht zu gedenken und die Erinnerung an ihr Schicksal lebendig zu halten, hat die Stadt Bozen 2004 eine Gedenkstätte errichtet.

    Infolge der Kriegsereignisse setzte 1943 ein Massenexodus der italienischsprachigen Bevölkerung aus Istrien und Dalmatien ein, der in mehreren Wellen bis 1956 anhielt. Einige Tausend Geflüchtete und Vertriebene gelangten auch nach Südtirol und ins Trentino. In Bozen fanden viele von ihnen Arbeit und eine neue Heimat, in der sie die traumatischen Erfahrungen hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen konnten. Viele der Geflüchteten brachten sich erfolgreich in das Kultur- und Wirtschaftsleben unserer Stadt ein, deren Entwicklung sie tatkräftig mitgestalteten.

    Zur Erinnerung an den Exodus der italienischsprachigen Bevölkerung aus Istrien, Fiume/Rijeka und Dalmatien nach dem Zweiten Weltkrieg und um der Opfer der Foibe-Massaker und der Gewaltexzesse an Italiens Ostgrenze zu gedenken, führte die Republik Italien mit Gesetz Nr. 92 vom 30. März 2004 einen offiziellen Gedenktag ein. Der Tag der Erinnerung wird alljährlich am 10. Februar begangen, dem Jahrestag der Unterzeichnung der Friedensverträge von Paris 1947. (Quelle Stadt Bozen: Giorgio Mezzalira, Raoul Pupo, Elena Tonezzer, Joachim Gatterer)