„Die USA schauen beinhart auf sich!”
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Anlässlich des neuen Jahres wurde auch heuer wieder zum alljährlichen Unternehmerempfang des Unternehmerverbands Südtirol der blaue Teppich ausgerollt. Heuer fand die Veranstaltung in der Industriezone Bozen Süd statt, beim Unternehmen Alpewa. Über den blauen Teppich schritten die Gäste durch einen schwarzen Vorhang in die Produktionshallen des Unternehmens, also genau dorthin, „wo Industrie entsteht“, wie der Präsident des Unternehmerverbands, Alexander Rieper, betonte. Neben der Kürung der Manager des Jahres war der Schwerpunkt der Veranstaltung traditionsgemäß die Rede des Präsidenten, mit der er heuer mahnend über den großen Teich blickte.
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„Der Realität ins Auge blicken“
Rieper zeichnete ein umfassendes Bild der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen Südtirol, Europa und die Industrie stehen. Ausgangspunkt war die zentrale Rolle der Unternehmen für Wohlstand und Autonomie. Südtirol liege beim Bruttoinlandsprodukt europaweit auf Platz 13 der 240 europäischen Regionen, auf Platz eins in Italien. Für 2026 rechne man erneut mit Rekordwerten.
Gleichzeitig, so Rieper, befinde man sich an einem Wendepunkt. Die kommenden Monate würden darüber entscheiden, ob sich die wirtschaftliche Entwicklung künftig nach oben oder nach unten bewege. Globale Machtverschiebungen, geopolitische Spannungen und neue Abhängigkeiten stellten Europa vor grundlegende Fragen. „Wir müssen langfristig denken. Über Generationen und Grenzen hinaus. Nicht in Legislaturen oder Staatsgebieten“, bekräftigte Rieper.
„Die USA haben der Welt ein weiteres Mal verdeutlicht, dass sie beinhart auf ihre Interessen schauen werden“
Wenn die Big Player Isolationismus spielten und Weltordnungen fallen ließen, sei es ratsam, auf eigenen Beinen zu stehen: „Wir kommen nicht drum herum, über Südamerika und über Grönland zu sprechen. Die USA haben der Welt ein weiteres Mal verdeutlicht, dass sie beinhart auf ihre Interessen schauen werden“, so Rieper. Dabei gelte es, der Realität ins Auge zu blicken, wirtschaftliche Beziehungen zu diversifizieren und eine strategische Eigenständigkeit aufzubauen. Dabei seien „Freihandelsabkommen, wie das Mercosur-Abkommen mit Südamerika, die richtige Antwort“, erklärte der Verbandspräsident. Solche würden letztlich dazu beitragen, dass Entscheidungen auf „europäischer, nationaler und lokaler Ebene schneller getroffen werden“.
Im Spiel um Macht und Einfluss, bei dem verschiedene Ideologien aufeinanderprallen, dürfe die Relevanz von Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit, Technologieführerschaft und damit verbunden die Bedeutung von „Wohlstand“ nicht vergessen werden, so Rieper. In den vergangenen Jahrzehnten habe Europa allerdings Verteidigung an die USA ausgelagert, Energie an Russland, Rohstoffe und Technologien an China. Nun sei es an der Zeit, europäisch Position zu beziehen, politisch wie wirtschaftlich. Das gelte auch für Südtirol: „Wir müssen die Abhängigkeit reduzieren und die inneren Grenzen lösen.“ Hier dürfe man jedoch keine Zeit mehr verlieren.
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„Will uns die Politik überhaupt haben?“
Auch auf Landesebene machte der Confindustria-Präsident klare Erwartungen deutlich. Die Leistungsfähigkeit der Unternehmen sei unmittelbar mit dem Landeshaushalt verbunden. Industrie werde global, europäisch und national als strategisch eingestuft, manchmal entstehe jedoch der Eindruck, die Industrie sei hierzulande unerwünscht. So stellte Rieper die Frage in den Raum: „Will uns die Politik überhaupt haben?“, die er mit Blick auf den zustimmend nickenden Landeshauptmann Arno Kompatscher im Publikum bejahte. „Der Dialog mit den Institutionen ist konstruktiv. Ich danke dem Landeshauptmann, der klar ausgesprochen hat, dass die Bozner Industriezone auch in Zukunft eine Industriezone bleiben wird“, erklärte Rieper.
Der Präsident des Unternehmerverbands wies die Mitgliedsunternehmen des Verbands als zentrale Säulen des Landeshaushalts aus, der mit ihrer Leistungsfähigkeit „steht und fällt“. Öffentliche Mittel, erwirtschaftet von Betrieben und ihren Beschäftigten, müssten daher so eingesetzt werden, dass Südtirol langfristig abgesichert sei. Die aktuelle gute Phase gelte es zu nutzen, um sich auf schwierigere Zeiten vorzubereiten. Eine konsequente Spending Review, effizientere Strukturen und eine schlankere, schnellere Verwaltung seien dafür notwendig. Digitalisierung verstand Rieper dabei nicht als technisches Projekt, sondern als entscheidenden kulturellen Wandel: als Mindset, um Prozesse zu vereinfachen und Daten intelligent zu nutzen.
„Können und wollen wir es uns wirklich leisten, auf das Pumpspeicherwerk im Ultental zu verzichten?“
Breiten Raum nahm das Thema Klimawandel ein. Dekarbonisierung sei unvermeidlich, koste zunächst Geld und verlange Opfer. Nachhaltigkeit müsse zum Wettbewerbsvorteil werden. Entscheidend sei die Offenheit gegenüber allen technologischen Lösungen – von Wasserkraft über erneuerbare Energien bis hin zu Speicherlösungen. In diesem Zusammenhang stellte Rieper auch die Frage nach dem Pumpspeicherwerk im Ultental als strategischem Projekt für die Energieversorgung Südtirols, denn „es könnte strategisch für ganz Südtirol sein“.
Eine weitere zentrale Herausforderung bildet der Arbeitsmarkt. Jährlich würden rund 1.000 junge Menschen das Land verlassen, und in den kommenden zehn Jahren drohe ein Verlust von 30.000 Arbeitskräften. Digitalisierung und Automatisierung allein würden das nicht auffangen. Gefordert seien eine stärkere Integration von Frauen, deren Beschäftigungsquote deutlich unter jener der Männer liege. Dafür seien der Ausbau der Kinderbetreuung, eine gesteuerte Migration sowie eine klare Strategie notwendig, um Südtirol als Arbeits- und Lebensort zu positionieren. Arbeiten und Wohnen gehörten dabei untrennbar zusammen. Leistbarer Wohnraum, insbesondere zur Miete, sei eine entscheidende Frage. Dafür beteilige sich der Unternehmerverband aktuell bereits an der Stiftung Wohnen.
„Wir wollen von der Bevölkerung und von der Politik korrekt wahrgenommen werden.“
Abschließend sprach Rieper auch die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Realität der Industrie an. Obwohl die Industrie fast ein Viertel zum Südtiroler BIP beitrage, werde das Land selten als Industriestandort wahrgenommen. Gewerbezonen machten nur 0,3 Prozent der Landesfläche aus, dennoch halte sich der Vorwurf des hohen Flächenverbrauchs. Die Mitgliedsunternehmen zahlten Löhne, die rund 40 Prozent über dem Landesdurchschnitt liegen, und lägen mit einer Wertschöpfung von 138.000 Euro pro Beschäftigtem im europäischen Spitzenfeld. Das Bild der rauchenden Fabrik entspreche längst nicht mehr der Realität hochautomatisierter, ressourceneffizienter und innovativer Betriebe.
Aus dieser Analyse leitete Rieper einen klaren Appell ab: „Es braucht mehr Dialog, eine Kommunikation, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Wir wollen von der Bevölkerung und von der Politik korrekt wahrgenommen werden.“ Daraus müsse dann eine ernsthafte Industriepolitik entstehen, wofür der Unternehmerverband bereits eine Grundlage formuliert habe: die Agenda 2025–2029.
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Manager des Jahres 2025
Nach der Rede standen traditionell auch Auszeichnungen auf dem Programm. Zu Managern des Jahres 2025 wurden Ulrich Wallnöfer und Günther Hölzl ausgezeichnet, die mit PUR Südtirol, dem Meraner Weinhaus und Naturalia ein hybrides Handels- und Gastronomiekonzept aufgebaut haben. Regionalität, Bio-Produkte, Kooperation und Gemeinwohlökonomie stehen im Zentrum ihres unternehmerischen Ansatzes, der auf maßvolles Wachstum und enge Zusammenarbeit mit lokalen Produzentinnen und Produzenten setzt.
Für sein Lebenswerk wurde Burkhard Pohl geehrt. Der Unternehmer und Diplomingenieur gründete im hohen Alter ein Marmorunternehmen und machte den Göflaner Marmor international bekannt. Die Auszeichnung würdigte seinen Mut und Unternehmergeist, der sich nicht an Alter oder Konventionen orientiert.
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Komplimente an die geehrten!…
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Schöne Auszeichnung und tolles Geschenk - von den Dolomiten gesponsert.
Das sagt dann schon alles aus ...
Südtirol braucht eine…
Südtirol braucht eine stärkere Industrielobby und eine schwächere Bauernlobby. Die Industrie bringt Geld ins Land, während Bauern es im Ausland verprassen. Die Landwirtschaft ist ein nice-to-have, das unsere Landschaft auf Kosten der Steuerzahler pflegt, was grundsätzlich positiv ist, jedoch nicht die starke Stellung des Bauernbundes im Land rechtfertigt. Eigentlich sollte der Unternehmerverband jene Position und politische Stärke haben, die derzeit dem Bauernbund zukommt.