Streng oder kreativ?
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Mit ihrem Debütroman Lingua Madre hat die in Bozen aufgewachsene Maddalena Fingerle bereits mehrere Preise gewonnen. Der Roman erschien in deutscher Übersetzung beim Folio Verlag unter dem Titel Muttersprache. Auch ihr Nachfolgeroman ist sowohl auf Italienisch als auch auf Deutsch erschienen. Während Pudore bei Mondadori herauskam, erschien die Übersetzung Mit deinen Augen bei Luchterhand. An der zweisprachigen und von SALTO mitorganisierten Gesprächsrunde zu Fingerles zweitem Roman nahm auch die literarische Übersetzerin Cristina Vezzaro teil. Ein Rückblick mit Vorschau.
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Übersetzen als Erfahrung
Maddalena Fingerle: „Sie stellt sich vor, sie ist eine andere Figur.“ Reden über Gaia in „Pudore“ oder „Mit deinen Augen“. Foto: BücherweltenPassend zur in der vergangenen Woche angelaufenen Faschingszeit ging es zunächst um Rollenwechsel und Identität. Auch in Fingerles Roman spielen Verwandlung, Spiegelung und Identitätsfragen eine zentrale Rolle: Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Dieses Moment des Rollenwechsels finde sich im Schreiben wieder, bestätigte Fingerle. Auch die Lesenden durchliefen diesen Perspektivenwechsel – etwa beim Spiel mit den Namen der Protagonisten in ihrem Buch.
Die Übersetzungen ihrer Werke ins Deutsche beschrieb Fingerle als besondere Erfahrung. Einerseits erkenne sie ihr Schreiben in den Übersetzungen wieder, andererseits bleibe ein übersetztes Buch für sie stets auch ein Stück weit ein Fremdkörper.
Erst als sie die emotionale Dimension akzeptierte, wurde die Sprache lebendig.
Im zweiten Teil der Veranstaltung standen Sprache, Mehrsprachigkeit und Übersetzung im Mittelpunkt. Cristina Vezzaro erzählte – wie Fingerle – teils auf Deutsch, teils auf Italienisch von ihrer Kindheit in Bozen, vom familiären Umgang mit Italienisch und Deutsch sowie von ihren Erfahrungen im Kindergarten und in der Schule. Dennoch blieb Deutsch für sie lange keine wirklich gesprochene Sprache. Auch wenn sie im Laufe der vergangenen Jahrzehnte viele hochkarätige literarische Werke aus dem Deutschen ins Italienische übertragen hat, erkannte sie erst später, dass Sprache untrennbar mit Gefühlen verbunden ist: Sie konnte ins Deutsche übersetzen, doch es war nicht selbstverständlich, diese Sprache auch zu sprechen. Erst als sie die emotionale Dimension akzeptierte, wurde die Sprache lebendig.
Im Gespräch wurde auch der Begriff „übersetzen“ reflektiert, der wörtlich bedeutet, jemanden oder etwas über einen Fluss ans andere Ufer zu bringen. Dieses Bild beschreibe Übersetzung als Bewegung, nicht als Verlust, betonte Vezzaro. Auf dem „Fluss“ geschehe viel, meinte sie: Kulturelle, klangliche und emotionale Elemente würden mitgenommen und neu geformt. Wie atmet der Text? Wie sind die Sätze gebaut? Gibt es Alliterationen, kurze Takte, Wiederholungen? Erst wenn sie al Übersetzerin diesen Rhythmus verinnerlicht habe, beginne der kreativere Teil.
Die Zukunft des Gewerbes?
Im Fluss bleiben: Zweisprachige Gesprächsrunde im Waltherhaus: wenige Tage nach dem Geburtstag von Thomas Bernhard und Geburtstagskollegin Maddalena Fingerle. Nun haben endlich beide im „Waltherhaus“ gelesen, der eine 1971, die andere 2026. Foto: BücherweltenUm das Übersetzen von Literatur – allerdings aus dem Blickwinkel neuer Technologien – dreht sich eine kommende Veranstaltung, bei der ebenfalls SALTO mit an Bord sein wird. Wie behandelt KI Grammatik, Wortwahl und idiomatische Wendungen? Wie geht sie mit Klang, Atem und musikalischer Struktur eines Textes um? Wie mit Bedeutungsschichten und Nuancen? Wie interpretiert sie Ironie, und vermag sie zu verstehen, was zwischen den Zeilen steht?
„Warum und woran scheitert die KI, wenn es darum geht, komplexe und emotional aufgeladene Texte wie Literatur zu übersetzen?“, heißt es in der Ankündigung zur Veranstaltung mit dem Titel Kann künstliche Intelligenz Literatur übersetzen? Dabei wird es auch um Fragen des Urheberrechts gehen, nachdem bereits riesige Datenmengen originaler wie übersetzter Weltliteratur als Trainingsmaterial für entsprechende Systeme verwendet wurden – ohne dafür Rechte oder Tantiemen an die Autorinnen und Autoren zu zahlen oder Verantwortung für den ökologischen Fußabdruck zu übernehmen. Wie gefährdet ist der Beruf der Übersetzerin, des Übersetzers durch diese neue Technologie? Oder erfährt er gerade durch solche Diskussionen eine Aufwertung, weil durch bestehende Beschränkungen deutlicher wird, was literarisches Übersetzen in künstlerisch-kreativer Hinsicht zu leisten vermag?
einen Text oder eine Übersetzung erst einmal „sitzen“ lassen und darüber nachdenken – das kann keine KI.
Am Podium diskutieren am kommenden 5. März ab 18:30 Uhr in der Stadtbibliothek Brixen die Autorin und Übersetzerin Michaela Heissenberger, der Lehrer, Schriftsteller und Übersetzer Stefano Zangrando sowie die SALTO-Chefredakteurin Simonetta Nardin.
Übersetzen erfordert eine gewisse Unterordnung unter das Original, andererseits auch Mut zu Entscheidungen. Mit wachsender Erfahrung, so meinte Übersetzerin Vezzaro bei der Veranstaltung vergangene Woche, werde man paradoxerweise zugleich freier und strenger: freier im kreativen Umgang, strenger im Bewusstsein der eigenen Grenzen. Welche Antworten und Empfindungen die KI dazu findet? „Sag mir einfach, welchen Grad an Freiheit du möchtest – ich kann sehr streng oder sehr kreativ sein :-)“, antwortet darauf ein datenbasiertes System auf Nachfrage von SALTO.
Eine Runde spazieren gehen, sich Zeit nehmen und einen Text oder eine Übersetzung erst einmal „sitzen“ lassen und darüber nachdenken – das kann keine KI. Und genau darin liegt doch das Wertvolle.
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